Bundesliga

Die Demontage des Tim Wiese

Hoffenheim verbannt seinen Torwart erneut auf die Bank und ersetzt ihn durch einen, der zuvor vierte Wahl in England war

Gern würden wir an dieser Stelle schreiben, wie sehr Tim Wiese unterschätzt wird. Dass hinter der Fassade aus solariumbraunen Muskeln und Tattoos ein verletztes Seelchen steckt, das er nur verbirgt, um es zu schützen vor der harten, rauen Welt. Doch das wäre Quatsch.

Tim Wiese ist, was er ist: geradeheraus und durchweg ehrlich. Jemand, der sich nichts bieten lässt. Eher Typ Streitaxt denn Florett. Für einen Torwart sind das nicht die schlechtesten Voraussetzungen. Wer sich einem büffelgleich heranstürmenden Angreifer entgegenwerfen muss, dem schadet derlei Robustheit nicht. Darüber mag der Schöngeist die Nase rümpfen. Wiese wird sich darum nicht scheren.

Warum dieses kurze Seelenporträt? Weil in Hoffenheim gerade so getan wird, als ob dort das Häschen Wiese vor dem bösen Wolf verteidigt werden muss. Die TSG-Verantwortlichen haben Tim Wiese aus dem Tor komplimentiert und die Nummer eins neu ausgeschrieben. Nein, nicht, weil er eine bescheidene Saison spielt. Es ist der Druck, der es unabdingbar machte, Wiese zu degradieren. „Mit dem Druck, mit dem er in jedes Spiel geht, um fehlerfrei zu sein, das ist unmenschlich. Das kann er nicht leisten. Deshalb müssen wir nach unserer Verantwortung handeln“, sagte Hoffenheims Manager Andreas Müller. Dass Wiese bereits seit über zehn Jahren in jedes Spiel mit dem Anspruch und dem Druck geht, fehlerfrei sein zu müssen, blieb unerwähnt.

Absteiger der Hinrunde

Trainer Marco Kurz hatte auch spontan den Schuldigen ausgemacht, der Wiese aus dem Tor getrieben hat. Es sind die Medien und die öffentliche Meinung, die seinem Torwart so arg zugesetzt haben. „Die Wahrnehmung von Tim Wiese ist für mich relativ unglaublich. Ich kann da nur den Kopf schütteln“, hatte er nach dem 1:2 gegen Eintracht Frankfurt gesagt. Wohlgemerkt: nach einem Spiel, in dem selbst das Fachmagazin „Kicker“, traditionell eher nicht auf Krawall gebürstet, dem Hoffenheimer die Note 4,5 ausstellte. Und nach einem Halbjahr, in dem ihn die Bundesligaprofis zum „Absteiger der Hinrunde“ gewählt hatten.

Am Donnerstag ergänzte Kurz: „Jeder kann sich hinterfragen, ob das normal ist, was in den letzten Monaten hier abgelaufen ist. Es wurde in einer Art und Weise geurteilt, die nicht normal ist. Ich finde es erschreckend.“ Diese Sichtweise ist bemerkenswert. Sie ignoriert die Tatsache, dass Wiese seit seinem Wechsel im Sommer von Bremen nach Hoffenheim für seine Verhältnisse unterirdisch hielt. Dass die Leistungen von Profifußballern öffentlich bewertet und kommentiert werden und dieser Fakt in den immensen Gehältern quasi eingepreist ist, scheint Kurz zu überraschen. Manager Müller sagt: „Wir haben eine große Fürsorgepflicht gegenüber dem Menschen Tim Wiese.“ Das ist löblich. Aber war es nicht Kurz’ Vorgänger Markus Babbel, der den Torwart bloßstellte? Der ihn im November vom Kapitän zum Bankdrücker zurückstufte? Wiese hatte sich gerade im Training verletzt, als Babbel mit Blick auf die nächste Partie verkündete: „Ich hätte mich höchstwahrscheinlich für Koen (Casteels, den zweiten Keeper/d.Red.) entschieden.“ Mehr Demontage geht kaum.

Jetzt muss Wiese das zweite Mal für die Planlosigkeit büßen, unter der Hoffenheim seit dem Weggang von Ralf Rangnick Anfang 2011 darbt. Statt ihn zu stärken, wird ein imaginäres Druckszenario vorgeschoben, um ihn beiseite zu schieben. Wenn Neutrainer Kurz nach nur einem Punkt aus zwei Spielen mit Wieses sportlicher Leistung unzufrieden ist, dann ist es sein gutes Recht, seinen Torwart auf die Bank zu setzen.

Immerhin war er ja zuvor so freundlich, Wiese wieder eine Chance zu geben – allerdings ohne Kapitänsbinde. Das Lied vom übermenschlichen Druck, der in Hoffenheim auf den Spielern lastet, klingt allerdings reichlich schräg. Vor allem, wenn es über den harten Hund Wiese gesungen wird.

Die Demütigung wird nun dadurch perfekt gemacht, dass die TSG einen Torwart holt, mit dem Wiese sich wohl kaum auf eine Stufe stellen würde – vermutlich nicht einmal auf die selbe Treppe. Heurelho da Silva Gomes heißt der gute Mann, und wer jetzt mit den Schultern zuckt, braucht sich nicht zu schämen. Der 31-Jährige verdiente sich von 2004 bis 2008 einige Meriten beim PSV Eindhoven und wechselte dann zu Tottenham Hotspur. Dort allerdings war er zuletzt offenbar nur noch vierte Wahl.

Immerhin ist er brasilianischer Nationalspieler, allerdings auch dort weit entfernt von einem Stammplatz. Seit 2005 absolvierte er insgesamt zehn Spiele. „Mit Heurelho Gomes bekommen wir einen Torhüter, der sowohl national als auch international eine Menge Erfahrung auf höchstem Niveau gesammelt hat“, sagte Müller, „er wird seinen Beitrag dazu leisten, dass die TSG in der Bundesliga bleibt. Davon bin ich überzeugt.“ Ob Tim Wiese noch etwas zum Klassenerhalt beitragen kann? „Wir lassen ihn nicht fallen und wollen eine Stabilität schaffen, damit der Junge seine sportlichen Herausforderungen wieder suchen kann“, sagte Müller. Wo er die suchen kann, blieb offen.