Handball

Gegen die Wucht des Heimvorteils

Deutsche Handballer müssen im Viertelfinale nicht nur stärker sein als die Spanier auf dem Platz

Als der letzte Ball geworfen war, sackte Kreisläufer Christian Schwarzer einfach zusammen. Und es flossen Tränen der Freude, derweil die Mitspieler ihren Torwart Henning Fritz unter einem Berg aus Körpern begruben, diesen Teufelskerl, der im Siebenmeterwerfen kein einziges Tor hatte hinnehmen müssen. Daniel Stephan, der als Experte die laufende 23. Handball-Weltmeisterschaft begleitet, hat diese Szenen aus dem olympischen Viertelfinale 2004 in Athen noch immer dicht vor Augen. „Damals habe ich den letzten Siebenmeter geworfen“, erinnert sich der Ex-Nationalspieler. „Und in letzter Sekunde den Siebenmeter zur zweiten Verlängerung.“ Deutschland siegte damals mit 32:30.

Dramatische Duelle

Die dramatischen Augenblicke von Athen sind längst zu einem Handballmythos geworden, genauso wie das Viertelfinale bei der WM 2007 in Deutschland. Damals rang das Team von Heiner Brand die Spanier, die als Titelverteidiger angetreten waren, in einem Krimi vor 20.000 Fans in Köln 27:25 nieder. Genauso aber auch wie das olympische Viertelfinale von Sydney 2000, als Linksaußen Stefan Kretzschmar den entscheidenden Ball an die Unterlatte warf und die Spanier im Gegenzug zum 27:26 trafen. Nun trifft die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) am Mittwoch (19.00 Uhr, ARD) erneut auf Spanien, wieder in einem Viertelfinale. Diesmal das erste Mal bei einer WM auf spanischem Boden, im Pabelon Principe Felipe in Saragossa, vor 11.500 fanatischen Zuschauern. Ein Sieg in einem solchen Spiel, vor einer solchen Kulisse, gegen den Topfavoriten dieses Turniers – das wäre die große Oper. Das Team von Bundestrainer Martin Heuberger würde dieser langen Historie von Duellen zweier großer Handballnationen ein bedeutendes Kapitel hinzufügen.

Nur vier deutsche Profis haben beim bislang letzten großen Triumph über Spanien mitgewirkt – Torwart Carsten Lichtlein (TBV Lemgo), Spielgestalter Michael Haaß (Frisch Auf Göppingen), Linksaußen Dominik Klein (THW Kiel) und Abwehrchef Oliver Roggisch (Rhein-Neckar Löwen). Die anderen kennen die Wucht eines solchen Duells nur aus dem Fernsehen. „Ich habe damals vor dem Fernseher gesessen“, sagt etwa Adrian Pfahl, der Linkshänder vom VfL Gummersbach, der großen Respekt vor den Gastgebern hat. „Die stellen eine extrem aggressive Deckung hin, mit sehr großen Leuten.“

In der Tat wartet auf den deutschen Rückraum eine Mauer aus Hünen. Viran Morros, der Chef des Abwehrverbundes, ist umgeben von Ungetümen wie Jorge Maqueda und Joan Canellas, die auch für eine Hauptrolle in Holzhackerfilmen in Frage kämen. Sie symbolisieren die schon traditionell starke Physis der Spanier. Denn die körperliche Überlegenheit wirkt sich auch im Angriff in taktischen Dingen aus. Während die Deutschen traditionell langen Angriffskonzepten vertrauen, um so die gegnerische Deckung auseinanderzuziehen, nutzen die Spanier ihre körperliche Überlegenheit, um über die sogenannte „Kleingruppe“ zum Erfolg zu kommen. In diesen Duellen Zwei gegen Zwei versuchen sie oft, den Ball auf dem direkten Weg zum Kreisläufer zu bringen. Aktuell ist das Julen Aguinagalde, ein Mann mit Oberschenkeln so dick wie Baumstämme, der kaum wegzuschieben ist aus der Gefahrenzone. Und der trotzdem extrem beweglich ist. Dieses körperbetonte Auftreten und die Cleverness, die die spanischen Handballspieler von jeher auszeichnet, lag deutschen Mannschaften noch nie. Das macht sich auch in der Champions League bemerkbar, wo spanische Spitzenklubs die deutschen Konkurrenten in den vergangenen zwei Jahrzehnten oft distanzierten.

Die deutschen Profis, die am Montagabend Spaniens Achtelfinalsieg über Serbien (31:20) anschauten, fürchten sich dennoch nicht vor dem körperbetonten Spiel. Sie betrachten ihren Sensationssieg über Olympiasieger Frankreich in der Vorrunde, als sie ein ebenfalls athletisch überlegendes Team beherrschten, als Blaupause für einen weiteren Erfolg. „Da haben wir gezeigt, dass wir auch gegen solche Mannschaften bestehen können“, sagt Pfahl. „Wir hatten in der Vorrunde schon ähnliche Abwehrsysteme zu spielen und haben gute Lösungen gefunden“, gibt sich auch Bundestrainer Heuberger optimistisch. Und auch den Hexenkessel in Saragossa, die flirrende Atmosphäre auf den Rängen, betrachten sie eher als Motivationshilfe. Kapitän Oliver Roggisch erinnert deswegen nochmals an den Sieg über Mazedonien vor extrem feindseliger Kulisse vor einem Jahr in Nis/Serbien.

Vereine kämpfen ums Überleben

Eine der größten Unwägbarkeiten ist, ob das Schiedsrichtergespann dem Druck der Kulisse und der Handballpolitik, die auf diesem Spiel lastet, standhalten und Neutralität bewahren kann. Nicht nur der Präsident des Weltverbandes IHF, Hassan Moustafa, hat vor dem Turnier erklärt, dass ein langer Verbleib des spanischen Gastgebers wichtig sei für die WM und den gesamten Handball. Die spanische Liga Asobal, in der viele Traditionsklubs um das wirtschaftliche Überleben kämpfen, benötigt ebenfalls jene Vitaminspritze, die eine Finalteilnahme womöglich bedeuten würde. Und die WM-Organisatoren wollen gar nicht darüber nachdenken, was leere Hallen am Finalwochenende in Barcelona bedeuten würden – schließlich waren in der Vorrunde und im Achtelfinale viele Sitzplätze leer geblieben.