Interview

„Den Spielern von heute fehlt das Herz“

Der einstige Weltklassespieler Mats Wilander beklagt die Entwicklungen im Spitzen-Tennis

– Er lebt in den USA, hat vier Kinder und tingelt mit einem Wohnmobil umher, um die Amerikaner für das Tennisspielen zu begeistern. Er ist als TV-Experte tätig und hat bei Eurosport eine eigene Sendung. Für die schwedische Legende Mats Wilander (48) ist Tennis eine Herzensangelegenheit. Frihtjof Bublitz sprach mit Wilander, der einst sieben Grand-Slam-Titel gewann.

Berliner Morgenpost:

Schön, dass Sie unfallfrei ins neue Jahr gekommen sind. 2012 sind Sie gleich zu Jahresbeginn ausgerutscht, mit dem Rücken auf den Badewannenrand geknallt und mit inneren Blutungen ins Krankenhaus gebracht worden.

Mats Wilander:

Es ist alles wieder fantastisch. Meiner Niere geht es wieder gut. Ich bin kerngesund und fühle mich wie ein 25-Jähriger. Ich hoffe, das bleibt auch so. Dazu halten mich meine vier Kinder jung. Es ist aber auch gut, dass es neben der Familie noch etwas gibt in meinem Leben – und das ist Tennis. Der Sport ist immer noch toll und macht mir Riesenspaß.

Sie sind schon ein kleiner Glückspilz, oder? Angeblich hatten Sie am 21. Dezember 1988 für den Lockerbie-Flug gebucht, auf den ein Anschlag verübt wurde. Alle 259 Insassen kamen damals ums Leben. Hat dieses Ereignis Ihr Leben beeinflusst?

Eigentlich nicht. Ich fahre schnell Auto, aber wenn ich ahne, dass etwas passieren könnte, mache ich langsam. Lockerbie hat keinen Einfluss auf mein Leben. Ich denke nur daran, wenn ich danach gefragt werde. Ich wollte eigentlich diesen Flug nehmen, aber ich traf einige Entscheidungen, die mich veranlassten, nicht zu fliegen. Unter anderem, weil ich mich so ärgerte, gegen Carl-Uwe Steeb im Daviscup-Finale das Auftakteinzel verloren zu haben.

Reden wir über die aktuelle Tennisszene. Was war für Sie der Höhepunkt 2012?

Für mich war es der Olympiasieg von Andy Murray und sein Triumph bei den US Open. Aber es wurde alles überstrahlt von seinem Erfolg bei den Spielen in London.

Ein wichtiger Erfolg für Großbritannien, das lange auf einen Grand-Slam-Titel warten musste.

Auf jeden Fall. Aber es war auch enorm wichtig für das weltweite Tennis. Es ist wichtig, dass wir auch mal einen britischen Sieger haben.

Sie meinen, dass mal jemand anderer gewinnt als Novak Djokovic, Roger Federer oder Rafael Nadal?

Genau. Zwar ist es nicht so wichtig, vier unterschiedliche Gewinner zu haben. Aber wenn jemand so gut Tennis spielt wie Murray und solch ein großes Turnier nicht gewinnen kann, ist das ein Zeichen von Schwäche. Für Murray war es wichtig, dass er diese Triumphe feiern konnte. Es ist gut für Großbritannien und für das Tennis an sich.

Und er ist mit seinen 25 Jahren sicherlich noch nicht am Ende.

Auf keinen Fall. Ich glaube, er steht erst am Anfang.

Also sehen Sie noch Steigerungspotenzial?

Vor allem in seiner Körpersprache, und dass er in den entscheidenden Momenten sein bestes Tennis spielt. Da ist noch Luft nach oben.

Welchen Anteil hat Ivan Lendl an diesen Erfolgen, er ist seit Ende 2011 Murrays Trainer?

Einen sehr großen. Die Spieler heutzutage sind besser, sind schneller und körperlich stärker. Aber es gibt einen Punkt, bei dem sie schwächer sind als zu meiner Zeit: im Kopf. Das ist in allen Sportarten so.

In allen Sportarten?

Absolut. Im Sport und in allen Dingen des Lebens. Zum Beispiel halte ich Albert Einstein für schlauer als Steve Jobs, weil er klarer auf das fokussiert war, was er machte. Und so ist es auch im Sport. Die Spieler heute sind körperlich austrainierter, haben die besseren Schläger, spielen härter, ernähren sich besser, aber im Kopf waren wir früher einfach besser. Da hat Lendl Murray sehr viel geholfen.

Einer aus Ihrer Generation war Brad Gilbert, der auch das Buch „winning ugly“ schrieb. Darin stellte er die mentale Seite des Tennis dar.

Um eines klarzustellen: Brad Gilbert war kein Siegertyp!

Moment. Er hat 20 Titel in seiner Karriere gewonnen.

Welche denn? Keine großen und erst recht keinen Grand-Slam-Titel. Gilberts „winning ugly“ bedeutet nichts. Also vergleichen Sie nicht die guten Spieler mit Brad Gilbert.

Okay, vergessen wir Gilbert. Sie machen also den Unterschied zwischen dem Tennis heute und damals an der Psyche fest.

Fast alle Spieler, die heute auf der Tour spielen, haben bereits mit sechs oder sieben Jahren mit hartem Training begonnen – von einer Akademie in die nächste. Sie werden nur auf den Job als Tennisprofi vorbereitet. In den 60er-, 70er- und 80er-Jahren haben wir Tennis gespielt, weil es Spaß machte. Es gab nur wenige Spieler zu meiner Zeit, die Tennis gespielt haben, um Millionär zu werden. Ich glaube, wenn du Tennis spielst, um fit zu sein, ist man mental besser, weil du den Sport einfach mehr liebst. Ich glaube, dass Djokovic und Murray Tennis lieben. Aber es ist anders als früher.

Also fehlt den Spielern von heute das Tennisherz?

Genau, das ist es. Boris Becker ist ein perfektes Beispiel. Als er im Alter von 17 und 18 Jahren zweimal Wimbledon gewann, war es etwas anderes als bei den jungen Spielern heute. Man konnte es sehen und auch spüren: Da war mehr Liebe zum Tennis, mehr Herz und mehr Leidenschaft. Der Unterschied ist, dass die Psyche damals wichtiger und auch besser war.

Braucht das Tennis wieder mehr Spieler, die auch eine Show abliefern wie es einst Becker, McEnroe oder Connors taten?

Ja. Ich glaube nicht, dass Tennisspieler Schauspieler sein sollten. Aber wir sollten Spielern wie Murray erlauben, so zu sein, wie sie sind – dass sie auch mal genervt oder wütend sind. McEnroe und Connors wollten keine Showmänner sein, sie wollten gewinnen. Heutzutage sieht man Sport als Entertainment. Aber wir brauchen keine Spieler, die witzig sind und lachend über den Platz laufen. Wir müssen sie so nehmen, wie sie sind – mit allem, was dazugehört.

Sie leben in Idaho und reisen auf ihren Touren viel durch die USA. Dort ist es um das Männer-Tennis nicht gerade gut bestellt.

Das stimmt. Wir brauchen wieder mehr Amerikaner in der Weltspitze. Ohne Globalisierung funktioniert es nicht, wir brauchen Stars und Sieger aus der ganzen Welt – aus Amerika, Asien, Europa und auch Afrika.