Tanz

Gewagter Vergleich mit einem Klassiker

Sawtschenko/Szolkowy tanzen den Bolero, der Torvill/Dean in den Achtzigern zu Weltruhm verhalf

Manchem war die Sache einfach zu bunt. Für gewöhnlich springen Aljona Sawtschenko (29) und Robin Szolkowy (33) ihre Konkurrenz auf dem Eis schwindelig oder verschaffen den Zuschauern selbiges Gefühl, wenn sie sich ineinander verschlungen bei ihren Pirouetten rasend schnell drehen. Jetzt mussten die viermaligen Paarlauf-Weltmeister einfach nur auf dem Eis stehen. Wer dann einige Sekunden lang intensiv zuschaute und Ungewohntes nicht so schnell verarbeiten kann, der dürfte sich wohl ein bisschen wie auf Drogen gefühlt haben. Geschwungene Linien in Blau, Gelb, Grün und Orange – die neuen Kostüme der Chemnitzer sorgten für Verwirrung und Bewunderung zugleich. Für zu viel Verwirrung, nicht nur wegen der Farben.

Es hätte ihnen egal sein können, schließlich geht es für Sawtschenko und Szolkowy nur noch um Olympiagold 2014. Diesem Ziel ist alles untergeordnet. Ihren fünften Europameistertitel wollen sie auf dem Weg aber unbedingt mitnehmen. Dafür tauschten sie die farbenfrohen, hautengen Bodysuits dann doch lieber gegen Gediegeneres. Bei den Europameisterschaften in Zagreb/Kroatien werden sie Mittwoch und Donnerstag in schlichten, dunklen Kostümen antreten. Schließlich soll nichts von ihrer Interpretation des Bolero ablenken. Die Kürmusik allein sorgt schon für genügend Gesprächsstoff, ist sie doch seit 1984 untrennbar mit Jayne Torvill und Christopher Dean verbunden.

Nur der EM-Titel interessiert

Als Risiko sehen die Deutschen das nicht. Die Gefahr, am Ende als Verlierer eines gewagten Vergleichs dazustehen, ist jedoch auf den ersten Blick groß. Nun hat das Trio aus den beiden Sportlern und Trainer Ingo Steuer aber noch nie die Herausforderung gescheut. Im Gegenteil: Die Drei sind dafür bekannt, dass sie auf dem Eis Neues wagen und auch mal ungewohnte Wege gehen. Bestes Beispiel war ihre Kür im vergangenen Jahr: Steuer wählte Musik aus Wim Wenders Film „Pina“. Bei der Kür ließ er sich von dem Tanztheater der 2009 im Alter von 68 Jahren gestorbenen Ausnahmechoreografin Pina Bausch inspirieren. „Es ist immer ein Wagnis, was wir machen“, sagt er.

Mit ihren Programmen haben Sawtschenko/Szolkowy Maßstäbe gesetzt, ihre Sammlung von vier WM-Titeln ist beachtlich. Aber was die Briten Torvill/Dean bei Olympia 1984 zu Maurice Ravels Bolero aufs Eis zauberten, ist legendär und brachte ihnen Weltruhm. „Ihre Kür ist schwer zu toppen“, sagt Szolkowy, und seine Partnerin ergänzt: „Das war ein richtiges Wow-Gefühl.“ Steuer sagt: „Ihr Bolero ist unantastbar.“

Doch ein Vergleich verbietet sich schon aus einem banalen Grund: Die Briten waren Eistänzer, die Deutschen treten im Paarlauf an. „Das kannst du nicht vergleichen. Es gibt ganz andere Elemente“, sagen die Deutschen. „Wir wollen Torvill/Dean nicht kopieren oder uns mit ihnen vergleichen, sondern unseren eigenen Bolero zeigen.“ Steuer hat sich in seiner Choreografie denn auch keinerlei Anleihen aus der Kür von 1984 genommen. „Ich habe mich an den Flamenco gehalten, um etwas Neues auszuprobieren“, sagt er. Und das Jahr vor Olympia ist besonders gut dafür, noch einmal neue Wege zu gehen und Grenzen auszutesten. „Es ist außerdem eine schöne Herausforderung“, sagt Steuer.

Der Versuch mit den Kostümen ging aber wohl einen Schritt zu weit, zu ungewohnt sahen sie aus. Die einen waren begeistert, andere verstört. Hinzu kommt: Szolkowys Kostüm könnte als Leggings ausgelegt werden, und die sind verboten. Bei ihrem einzigen Start in dieser Saison – alle anderen mussten sie wegen einer Viruserkrankung von Sawtschenko absagen – zogen die Preisrichter deshalb zwar keine Punkte ab, doch das könnte bei Titelkämpfen anders aussehen. Und das Risiko, wegen der Kostüme Gold zu verlieren, war ihnen dann doch zu groß. Szolkowy sagt: „Wenn wir wissen, wir haben das Potenzial zu siegen, dann gibt es natürlich keinen zweiten und dritten Platz.“