Hertha BSC

Erst mal in der Warteschleife

Herthas Trainer fordert von den Rückkehrern wie Franz, Lasogga und Ben-Hatira mehr Geduld

Jos Luhukay entgeht wenig. Der Trainer von Hertha BSC schaut nicht nur auf dem Übungsplatz genau hin. Er weiß auch, welcher seiner Profis sich öffentlich wie positioniert. Luhukay hat registriert, dass Pierre-Michel Lasogga beinahe täglich im Boulevard stattfindet. Er weiß, dass Maik Franz sich einen Stammplatz erobern will. Der Coach hat gelesen, dass Änis Ben-Hatira nach seinem ersten Training nach dreimonatiger Pause kundgetan hat, "spätestens gegen Union" spielen zu wollen. "Eigentlich aber spricht nichts dagegen, dass ich schon gegen Regensburg bei 100 Prozent bin."

Jeder Trainer mag es, wenn seine Schützlinge ehrgeizig sind. Aber niemand weiß besser als ein Trainer, dass Fußball kein Wunschkonzert ist. Und die Realität, die Luhukay sieht, spricht eine andere Sprache als das, was sich jene, die lange gefehlt haben, wünschen. Nach dem 1:2 im Test beim Hamburger SV redete Luhukay gestern Vormittag zur Mannschaft.

Dass Hertha zwei unnötige Gegentore bekommen habe. Zur Pause aber mit dem 0:2-Rückstand noch gut bedient war. "Es hätte auch 0:4 oder 0:5 stehen können, so viele Chancen, wie der HSV hatte." Er habe einen großen Unterschied gesehen zwischen der ersten und der zweiten Hälfte.

Luhukay lieferte die Begründung gleich mit. Mit Franz, Levan Kobiashvili, Shervin Radjabali-Fardi und Lasogga waren vier Spieler nach sieben- oder achtmonatiger Pause im Einsatz. "Sie haben gesehen, dass sie noch sehr hart an sich arbeiten müssen", fuhr Luhukay fort.

Wer "drei, vier Monate oder länger weg war, kann nicht denken, dass er nach vier Wochen Training wieder spielt". Das war eine deutliche Absage an die Vorstellungen, die vor allem Lasogga, Franz und Ben-Hatira öffentlich formuliert hatten.

Luhukay ging noch weiter. Ihn nerven die via Medien vorgetragenen Ansprüche. Weil vor den Rückkehrern eine Stammelf steht, die eine überragende Serie in der Zweiten Liga gespielt hat und seit 17 Spielen ungeschlagen ist. Im zweiten Durchgang in Hamburg, als weitgehend die A-Elf spielt, "ist der HSV überhaupt nicht mehr vor unser Tor gekommen. Wir haben kompakt gestanden, nichts zugelassen. Und hatten selber genügend Chancen."

Das Kollektiv steht vor dem Star

Man habe gesehen, dass die Niemeyer, Kluge, Lustenberger oder Wagner "sich Sicherheit und Selbstbewusstsein in den vergangenen Monaten erarbeitet haben".

Die Statements sind eine klare Ansage an seine Profis. Allerdings nicht im Sinn, dass es einen Graben gibt bei Hertha, etwa zwischen jenen Profis, die die bisherigen 42 Punkte eingefahren haben, und jenen, die nicht dabei waren. Neben dem Fitness-Zustand hat der Trainer die Gruppe insgesamt im Auge. Respekt ist ihm wichtig. Den hat man nicht nur für sich selbst einzufordern. Sondern den gilt es auch den Kollegen gegenüber zu zeigen. Das Kollektiv steht vor dem Star. Mit der Haltung hat Luhukay Hertha sicher durch die ersten 19 Saisonpartien gebracht. Aber so hübsch der zweite Platz ist samt des erstaunlichen Vorsprunges von zehn Punkten auf den Dritten Kaiserslautern: Noch hat Hertha nichts erreicht.

"Wir als sportliche Leitung haben kein anderes Interesse als die Spieler", sagt Manager Michael Preetz. "Es ist wichtig, dass wir auch in der zweiten Saisonhälfte als eingeschworene Gemeinschaft auftreten." Dafür, so Preetz, müsse jeder Profi bereit sein, an der einen oder anderen Stelle "sein Ego zugunsten der Mannschaft zurückzustellen".

Das hat der blau-weiße Kader in der Hinrunde hinbekommen. "Luhukay hat eine klare Linie. Und es gibt keinen Grund, davon abzuweichen", unterstützt der Manager seinen Trainer. Der ließ durchblicken, wie er sich das in den nächsten Wochen mit seinen bekannt ehrgeizigen Rückkehrern vorstellt.

Einerseits legte sich Luhukay jetzt schon fest, dass von den ehemaligen Langzeit-Patienten niemand für den Punktspielstart ins Jahr in Regensburg vorgesehen sei (3. Februar). Andrerseits will Luhukay den Profis Mut machen. Um die insgesamt sieben Spieler (Franz, Peter Pekarik, Christoph Janker, Levan Kobiashvili, Nico Schulz, Ben-Hatira und Lasogga) heranzuführen, hat er sein Vorbereitungsprogramm umgestellt. Statt der eigentlich vorgesehenen drei, vier Testbegegnungen hat Hertha nun sechs Freundschaftspartien vereinbart. Allein im Trainingslager in der Türkei in der kommenden Woche warten die U23 von Bayern München (22. Januar), der FC Lugano (24.) und Sturm Graz (25.). Luhukays Begründung: "Weil Wettkampfpraxis etwas anderes ist als Training." Wenn der übliche Spielbetrieb laufe, können sich die Reservisten nur noch übers Training anbieten. Luhukay formuliert auch, wie der Weg zum Wiederaufstieg laufen soll: "Wir haben einen starken Kader. Ich brauche in der Rückrunde alle Spieler. Deshalb werden die Rückkehrer behutsam aufgebaut."

Luhukay hat sich eine Weile angeschaut, wie sich die Spieler darstellen. Gestern hat der Trainer erstmals in diesem Jahr klare Leitplanken gezogen. Die Qualität des Teams ist unstrittig. Die wichtigste Aufgabe für Luhukay wird sein, die verschiedenen Ansprüche innerhalb der Mannschaft so auszubalancieren, dass am Ende der Erfolg steht.