Sven Hannawald

"Ich war noch nie so euphorisch"

Sven Hannawald ist vom Aufschwung der deutschen Skispringer angetan und freut sich mit Oldie Martin Schmitt

- Der Traum einiger Skisprungfans vom ersten Gesamtsieg eines Deutschen bei der Vierschanzentournee seit elf Jahren war zu kühn. Sven Hannawald (38) bleibt mit seinem Vierfachtriumph 2001/2002 weiterhin der bislang letzte Gesamtsieger aus Deutschland. Doch die deutschen Adler sind auf einem guten Weg, auch wenn Severin Freund beim Abschlussspringen den zweiten Durchgang verpasste. Im Interview mit Melanie Haack spricht Hannawald über das wiedererstarkte DSV-Team.

Berliner Morgenpost:

Herr Hannawald, auch nach dieser Vierschanzentournee bleiben Sie der einzige Tourneesieger, der alle vier Einzelspringen gewann. Anders Jacobsen aber stieg mit zwei Siegen sensationell in die Tournee ein. Haben Sie gezittert?

Sven Hannawald:

Ich hatte schon den Gedanken, dass Jacobsen alle vier Springen gewinnen könnte. Zugetraut hätte ich ihm das. Das dachte ich aber auch im vergangenen Jahr bei Gregor Schlierenzauer. Egal, wer beim ersten Springen gewinnt - er wird immer derjenige sein, der auch gleich alle vier Wettbewerbe gewinnen kann. Ich gewöhne mich aber von Jahr zu Jahr immer besser an den Gedanken, dass es mir ein anderer nachmachen könnte.

Severin Freund war als Gesamtweltcupzweiter in die Tournee gegangen. Nach dem Neujahrsspringen aber war er aus dem Rennen. Was fehlt noch zum Tourneesieger?

Das ist schwierig zu sagen. Es gab schon so viele Favoriten, die noch nie die Tournee gewonnen haben, aber trotzdem andere Siege einfuhren - du hast nie alles im Griff. Severin, aber auch andere Deutsche haben das Zeug, die Tournee zu gewinnen. Wann das passiert, weißt du nie. Doch die Hoffnung treibt einen stetig an.

Mannschaftlich gesehen waren die Deutschen im Gesamtklassement besser als die Österreicher, brachten fünf Springer unter die besten 13. Das lässt doch hoffen, oder?

Das deutsche Skispringen nimmt langsam österreichische Verhältnisse, ist relativ geschlossen und auf einem höheren Niveau als in den vergangenen Jahren. Ich hoffe, sie werden bald in der Lage sein, ständig zuzuschlagen: Wenn der eine schlechte Bedingungen oder keinen guten Sprung hat, ist halt ein anderer vorn.

Ist das mehr wert als der Tourneesieg?

Mir ist das aktuell wichtiger. Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass es vielleicht doch in diesem Jahr einen deutschen Tourneesieger gibt - das wäre sensationell gewesen. Die Deutschen sind auf einem guten Weg, und Werner Schuster macht eine hervorragende Arbeit. Er arbeitet zukunftsorientiert und zielt nicht darauf ab, aktuell einen Springer zu haben, der fit ist, und zum Rest klafft ein Riesenloch.

Wann hatten Sie seit Ihrem Karriereende zuletzt so ein gutes Gefühl, was die Zukunft des deutschen Skispringens angeht?

Noch nie. Bis vor ein paar Jahren sprang ein einzelner hin und wieder gut, dahinter aber entstand eine Lücke. Die Talente kamen nicht nach oben, weil es an der Kommunikation von oben nach unten fehlte - von den Heim- zu den Nachwuchstrainern. Die gab es zu meiner Zeit, und die gibt es auch jetzt wieder. Ich war noch nie so euphorisch wie dieses Jahr. In Freund, Wellinger und Richard Freitag haben wir jetzt drei Topleute. Und dann haben wir noch Michel Neumayer. Ich hatte ihn ehrlich gesagt schon abgeschrieben, aber er springt sensationell. Auch Martin Schmitt überrascht positiv. Oder hatten Sie geahnt, dass er sich so gut schlägt?

Ich glaube, alle außer ihm selbst waren von seinen Leistungen überrascht. Haben Sie - wie andere - zwischendurch an dem Sinn der Fortsetzung seiner Karriere gezweifelt?

Ich habe Martin immer vertraut und nicht an ihm gezweifelt. Aber natürlich habe ich mich auch mal gefragt, warum er sich das antut. Andererseits kenne ich Martin. Ich weiß, dass er sich im Griff hat. Er wusste schon immer, was er will.

Werner Schuster musste nach dem zweiten Springen junge Talente trotz guter Ergebnisse heimschicken, weil er nur sechs Springer mit nach Österreich nehmen durfte. Schmitt war dabei - es zählte die Leistung, nicht die Jugend. War das richtig?

Ich fand diese Entscheidung richtig. Denn nichts anderes hat Werner Schuster im vergangenen Jahr gemacht, als er die Leistung hat entscheiden lassen und Martin nach Hause schickte. Werner spricht immer die gleiche Sprache - und das ist fair.