Gregor Schlierenzauer

König der Lüfte

Österreicher Schlierenzauer wiederholt Vorjahressieg bei der Vierschanzentournee. Freund stürzt ab

- Am Ende des Tages reckte der alte und neue Skisprung-König die Ski in den vom Regen verhangenen Himmel. Nach einem gewaltigen Satz auf 137,5 Meter (zuvor 133) hatte der Österreicher im finalen Springen der Vierschanzentournee in Bischofshofen seinen Sieg aus dem Vorjahr wiederholt. Nachdem Schlierenzauer als erst achter Skispringer der Historie seinen Tournee-Titel verteidigt hatte, übermannten ihn die Gefühle. Ausgelassen bejubelte der Überflieger am Vorabend seines 23. Geburtstages den neuerlichen Triumph: "Ich habe sechs Jahre gekämpft und jetzt gewinne ich das Scheißding zweimal hintereinander. Ich bedanke mich bei allen, die in den letzten Tagen hinter mir gestanden haben. Gratulation aber auch an Anders Jacobsen, er war ein toller, hartnäckiger Gegner." Der Norweger Jacobsen, Sieger in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen, wurde Gesamtzweiter. Rang drei ging an seinen Landsmann Tom Hilde.

Desaster im Dauerregen

Einen rabenschwarzen Tag im Dauerregen erlebte Severin Freund, der nach einem schwachen Sprung auf 126,0 Meter als 33. überraschend den zweiten Durchgang verpasste. Damit verspielte der 24-Jährige aus Rastbüchl die Chance auf den ersehnten Podestplatz in der Gesamtwertung und stürzte auf Rang 13 ab.

Und Freund gab sich einsichtig. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich bei dem Sprung einen Fehler machte. Aber so ist Leistungssport, da muss ich jetzt wieder aufstehen. In jedem Fall nehme ich den dritten Platz aus Oberstdorf mit, auch in Innsbruck lief es ja recht gut. Schade ist halt, dass die beiden anderen Springen nicht so gut waren, aber daraus muss ich für die Zukunft lernen."

Bundestrainer Werner Schuster sagte nach dem Patzer seines bis dato besten Springers: "Der Severin wollte es heute erzwingen und nicht erspringen. Er wollte noch einmal einen drauf setzen und ist ziemlich unlocker geflogen." Was kann Freund von der Tournee mitnehmen? Schuster: "Er hat wieder einen weiteren Schritt in die richtige Richtung gemacht. Der Severin ist offenbar verdammt dazu, Baustein auf Baustein zu setzen. Er muss seine Ruhe finden und noch stabiler werden, dann kann ihm so ein Sprung wie in Bischofshofen nicht mehr passieren."

Neumayer bester Deutscher

Freund war nach einer guten Tournee, bei der er zum Auftakt Dritter in Oberstdorf geworden war, als Vierter zum letzten Springen gereist und hatte vor dem Wettkampf nur 1,2 Punkte Rückstand auf den drittplatzierten Norweger Hilde. Bester Deutscher vor 20.000 Zuschauern auf der Paul-Außerleitner-Schanze wurde Michael Neumayer (Berchtesgaden) auf Platz acht, der es auch als bester DSV-Adler auf Rang sechs in der Gesamtwertung schaffte. Richard Freitag (Aue) schaffte es auf Rang zwölf. Youngster Andreas Wellinger verspielte seine Chance auf eine vordere Platzierung durch einen Sturz im ersten Durchgang und landete so nur auf Rang 19. "Mir geht es ganz gut, mein Rücken tut etwas weh", sagte der Newcomer am Ende seiner ersten Tournee: "Ich bin insgesamt zufrieden. Ich bin ein bisschen selbst dran schuld, aber ich weiß gar nicht, woran es gelegen hat, dass ich gestürzt bin."

Andreas Wank (Oberhof) belegte Platz 21 und Altmeister Martin Schmitt (Furtwangen) beendete das letzte Springen auf Position 24. In der Gesamtwertung wurde "Schmitti" guter Zehnter. "Für mich ist die Tournee sehr positiv gelaufen. Es ist toll, dass ich nach Österreich weiterfahren und mich noch steigern konnte. Ich bin rundum zufrieden", stellte Schmitt fest. "Wir haben für die nächsten Wochen einen guten Plan, mit dem ich sehr gut leben kann", deutete Schmitt an, dass es für ihn im Weltcup weitergeht.

Der Blick des Gesamtsiegers richtet sich bereits nach Sotschi, wo 2014 die Olympischen Spiele stattfinden. "Ich will immer ganz oben stehen", lautet das Motto des ehrgeizigen Tirolers, der trotz seines jungen Alters nur noch zwei sportliche Ziele hat. In Russland möchte Schlierenzauer, der sich auch für Fotografie und Modedesign (eigene Kollektion) interessiert, den ersten Olympiasieg im Einzel landen und auf dem Weg dorthin den Siegrekord von Matti Nykänen knacken. Die finnische Skisprung-Legende stand im Weltcup 46 Mal ganz oben auf dem Podium, Schlierenzauer hat 45 Erfolge auf seinem Konto. "Das sind zwei große Fische. Das Geniale ist, dass ich noch sehr jung bin und keinen Zeitdruck habe", sagt er.

Als Schlierenzauer am 12. März 2006 im Weltcup debütierte, deutete der damals 16-Jährige mit Rang 24 auf Anhieb sein Potenzial an. Im Dezember des gleichen Jahres feierte der mit einem überragenden Fluggefühl gesegnete Ausnahmespringer in Lillehammer seinen ersten Sieg und avancierte zum sechstjüngsten Weltcup-Gewinner der Geschichte.

Ein Jahrhunderttalent

Mit zwei Tageserfolgen bei der Vierschanzentournee 2006/07 wurde er schnell seinem Ruf als Jahrhunderttalent gerecht, den Gesamt-Triumph musste er damals aber dem Norweger Anders Jacobsen überlassen. Dieses Mal drehte er den Spieß um und nahm damit späte Revanche. Besondere Genugtuung empfindet er deshalb nicht. "Ich bin gelassener geworden", erklärt er. Mit Niederlagen konnte Schlierenzauer lange nicht umgehen, was ihm oft als Arroganz ausgelegt wurde. Mittlerweile haben die Erfahrungen im Sport den mehrmaligen Weltmeister zu einem jungen Mann reifen lassen, dessen Blick sich geschärft und über die Schanzen hinaus geweitet hat.