Wintersport

Schlierenzauer fliegt an die Spitze

Der Österreicher übernimmt nach dem Sieg in Innsbruck die Führung in der Tournee-Wertung. Freund als bester DSV-Adler auf Rang vier

- Das erste kleine bengalische Freudenfeuer brannte in Innsbruck schon morgens um 9.00 Uhr. Noch nicht im Skisprungstadion am Bergisel, die österreichischen Schlachtenbummler aber pilgerten bereits in aller Frühe hoch zur Schanze - ausgestattet mit Hüten, Flaggen, Tröten und allerlei anderen Utensilien, die ordentlich Lärm machen. Fünf Stunden später war am Bergisel in Innsbruck dann jede Unterhaltung zwecklos. Die Apres-Ski-Musik dröhnte aus den riesigen Boxen hinein in diesen Hexenkessel, in dem die Skispringer landeten. Der Stadionsprecher brüllte so laut er konnte und die Tröten taten ihr Übriges. Mittendrin kuschelte sich der bald zwei Jahre alte Isak in den Arm seiner Mutter und schwenkte schüchtern ein norwegisches Fähnchen. Es war ein ungleiches Fan-Duell der beiden Überflieger Gregor Schlierenzauer und Anders Jacobsen.

Entscheidung in Bischofshofen

Am Ende brannten noch mehr der offiziell im Skisprungstadion verbotenen roten Feuer. Gregor Schlierenzauer war der Konkurrenz in Innsbruck zwar nicht meilenweit, aber doch um ein gutes Stück überlegen. Vor allem aber distanzierte er seinen größten Konkurrenten Jacobsen deutlich und nahm ihm die Führung in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee ab. "Das ist unglaublich geil", jubelte Schlierenzauer, sagte aber mit Blick auf den Gesamtsieg: "Der Kuchen ist noch nicht gegessen." Am Sonntag wird es in Bischofshofen in Österreich zum Showdown kommen.

Auch für Severin Freund steht dann viel auf dem Spiel. Denn auch der Deutsche hat noch gute Chancen, die Tournee äußerst erfolgreich abzuschließen. Der 24 Jahre alte Bayer revanchierte sich am Bergisel für sein schwaches Resultat beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen und verpasste als Vierter hinter dem Polen Kamil Stoch und dem Norweger Anders Bardal nur ganz knapp einen Platz auf dem Podest. Damit hat Freund beim Finale in Bischofshofen noch alle Chancen, in der Gesamtwertung der Tournee aufs Stockerl zu hüpfen. Er müsste lediglich 1,2 Punkte auf den Norweger Tom Hilde aufholen. "Severin hat einen sehr guten Wettkampf gezeigt. Er hat sich zur rechten Zeit zurückgemeldet", lobte Bundestrainer Werner Schuster und war zufrieden.

Der Sieger des Tages aber war der 22 Jahre alte Schlierenzauer. Wie ein stolzer König stand der Lokalmatador nach seinem Sprung im Auslauf. Dass er zuvor zweimal gegen Überraschungsmann Jacobsen verloren hatte, hatte ihn arg geärgert. Hier auf seiner Heimschanze aber, 13 Kilometer von seinem Wohnort Fulpmes entfernt, konnte ihm an diesem Tag niemand gefährlich werden. Als es geschafft war, reckte er seine Skier gen Himmel, steckte sie anschließend mit Schwung in den Schnee und genoss den Moment. "Ich muss mich bei den Fans bedanken. Es war nicht leicht, der Druck war groß", sagte er später. "Aber sie haben mir so viel Motivation und positive Energie gegeben. Das hat mich beflügelt."

Jacobsens Skisprungwelt sah etwas getrübter aus. Gleich nach der Landung ging der kleine Norweger in die Hocke - er wollte damit keinen Sturz verhindern, sondern war schlicht fassungslos über seinen zweiten Sprung. Nach dem ersten Durchgang war er noch Dritter gewesen, mit dem zweiten Sprung aber wurde er auf den siebten Platz durchgereicht. "Es war ein schlechter Sprung. Ich war ziemlich angespannt", sagte Jacobsen. Beim Abschlusswettbewerb sollte er die Nervosität im Griff haben, denn mit weniger Schlierenzauer-Fans ist dort nicht zu rechnen. "Ich muss Innsbruck schnell abhaken", sagte er und gab sich im Kampf um den Tourneesieg kämpferisch. "Es ist noch nichts vorbei." Vorbei ist für dieses Jahr aber die Jagd auf den Rekord von Sven Hannawald. Der 38-Jährige gewann 2001/02 als erster und bisher einziger Skispringer alle vier Einzelspringen der Vierschanzentournee in einer Saison.

Fünf Deutsche unter den Top 15

Im Lager der Deutschen herrschte nicht nur deswegen eine deutlich bessere Stimmung als zuletzt in Garmisch-Partenkirchen. Richard Freitag als Elfter, Martin Schmitt auf Rang zwölf und Michael Neumayer auf Rang 13 komplettierten das insgesamt gute Teamergebnis. Nur Andreas Wellinger blieb als 21. etwas hinter den Erwartungen. Schuster dürfte besonders beim Blick auf das Gesamtklassement recht glücklich sein: Insgesamt liegen fünf Deutsche unter den Top 15. Nach Freund ist Wellinger auf Platz sieben zweitbester Deutscher.

Viel Zeit zum Durchatmen bleibt nicht. Es ging sofort nach Bischofshofen, wo heute die Qualifikation auf dem Programm steht.