Serie: 50 Jahre Bundesliga

Operation im Fußballtor

Morgenpost-Serie über 50 Jahre Bundesliga: Als sich ein Karabinerhaken in den Rücken von Ditmar Jakobs bohrte

- Sie hatten sich aus den Augen verloren, einige Jahre nicht gesehen. Doch als Hermann Rieger kürzlich in Hamburg in einem italienischen Restaurant saß und ihm ein Mann auf die Schulter tippte, erkannte er das Gesicht beim Umdrehen sofort: "Mensch, Burschi, du bist doch der Axel Fielker!" Sie gerieten ins Plaudern, und es dauerte nicht lange, bis sich der einstige Masseur und der frühere Mannschaftsarzt des Hamburger SV an jene Szene am 20. September 1989 erinnerten, die als schrecklichster Unfall in die Geschichte der Fußball-Bundesliga einging.

An jenem Mittwochabend vor über 23 Jahren, als Werder Bremen zu Gast war, verloren sich nur 14.000 Menschen im Volksparkstadion. Die Bremer hatten nach 14 Minuten die große Chance zur Führung: Wynton Rufer spielte Doppelpass mit Marco Bode und lupfte den Ball aus 16 Metern über den herauseilenden Richard Golz. Doch Ditmar Jakobs gab sich noch nicht geschlagen. Der 36-jährige Verteidiger, der sein 493. Bundesligaspiel (323 für den HSV) absolvierte, legte seine ganze Kraft in den Sprint, schlug den Ball von der Torlinie - und rutschte auf dem Rücken liegend ins Tor. Die HSV-Fans feierten die große Rettungstat ihres "Jako", ihrer Kampfmaschine. Noch ahnten sie nicht, dass sie gerade die letzte Aktion des Publikumslieblings gesehen hatten, der zu den Helden von 1983 gehörte, als Juventus Turin im Europapokal-Finale der Landesmeister 1:0 besiegt wurde. "Sofort wurde uns signalisiert, dass wir kommen sollten", erzählt Rieger.

Anfangs keine Schmerzen

Mit dem Koffer unter dem Arm rennt er los. Der junge Axel Fielker, damals noch Assistenzarzt und nur die Vertretung für HSV-Mannschaftsarzt Ulrich Mann, läuft neben ihm. Sekunden später sieht Rieger, warum Jakobs noch immer am Boden liegt: Ein Karabinerhaken zum Spannen des Tornetzes hat sich in Beckenhöhe in den Rücken des Fußballspielers gebohrt, direkt an der Wirbelsäule. Jakobs ertastet das kalte Metall, spürt aber keine Schmerzen. "Am Anfang hat 'Jako' noch gescherzt", erinnert sich Rieger, "er stand wohl unter Schock. Er forderte uns auf: 'Macht endlich was, wie lange soll ich denn noch hier rumliegen?'"

Rieger versucht, den Haken wieder herauszuziehen - ohne Erfolg. "Ich hatte damals gute Hände, meine Finger waren durch das Bergsteigen kräftig. Aber da bewegte sich nicht einen Millimeter etwas, die Muskulatur war sofort angeschwollen, der Haken hatte sich wie ein Ring um eine Wurst gelegt und zugeschnappt", sagt der Masseur. Die Minuten vergehen, im Stadion ist es längst mucksmäuschenstill geworden, "wie auf einer Beerdigung war die Atmosphäre, wirklich gespenstisch", so Rieger.

Ein zweiter Versuch. Der Busfahrer will die Stange, an der der Karabinerhaken befestigt ist, mit einer Flex durchtrennen. Schließlich fasst Fielker zusammen mit Jakobs eine Entscheidung: Wir müssen ihn aufschneiden, mit dem Skalpell eine Minioperation durchführen. Der Masseur präpariert etwa ein Kilogramm Verbandszeug für eine feste Bandage, Jakobs wird mit einer Kochsalzlösung versorgt, um den Kreislauf stabil zu halten. Rieger: "Dann setzte der Doc einen Schnitt quer über den Rücken und durchtrennte den Muskel. Sofort floss das Blut, aber wir konnten den Karabinerhaken herausholen." Jakobs wird 20 Minuten nach dem Unfall befreit und mit dem Krankenwagen in die Klinik nach Henstedt-Ulzburg gefahren, Fielker begleitet ihn.

Das für insgesamt 25 Minuten unterbrochene Spiel dreht sich nach Jakobs' Verletzung, der HSV gewinnt 4:0. Fast mit dem Schlusspfiff ist auch Fielker wieder im Stadion eingetroffen und erzählt im ZDF: "Jakobs hat eine etwa zehn Zentimeter lange Schnittverletzung, die ich selber angerichtet habe. Ausgehend von einer Karabinerhakenverletzung, die etwa einen Zentimeter unter die Haut ging. Keine sehr hübsche Wunde, deswegen mussten wir sie im Krankenhaus versorgen. Nachdem wir die Wunde genäht hatten, konnten wir ihn nach Hause entlassen."

Ende gut, alles gut also? Nach einigen Wochen in der Reha wurde klar, dass aus dem angestrebten Comeback nichts wird. Durch den Unfall und das Herausschneiden waren einige nur drei Zentimeter von der Wirbelsäule entfernte Nervenbahnen und auch Wirbel schwerer verletzt als vermutet. Bis heute leidet Jakobs unter den Spätfolgen, ist in seinen Bewegungen eingeschränkt. Und doch freut sich Hermann Rieger jedes Mal, wenn er Jakobs, der heute erfolgreich als Versicherungsmakler arbeitet, bei dessen Hobby Golfen sieht: "Der Rollstuhl ist ihm erspart geblieben, er kann Sport treiben, darüber bin ich unendlich dankbar." Aber die Bilder von damals, sie werden ihn ewig verfolgen. "So lange ich lebe."