Vierschanzentournee

Ein Norweger fliegt allen davon

Anders Jacobsen siegt auch in Partenkirchen. DSV-Springer bleiben diesmal ohne den erhofften Podestplatz

- Ein Aufschrei ging durchs Publikum. Nur kurz, aber dafür umso lauter. Dann schwiegen die 20.500 Zuschauer beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen - vor Schreck und aus Angst um Anders Jacobsen. Der Überraschungssieger des Auftaktwettbewerbs hatte nach dem Absprung das Gleichgewicht verloren, jetzt eierte er gefährlich instabil durch die Luft. Sein brachialer Sturz auf den Hang schien unvermeidbar. Doch der Norweger nutzte seine Arme als Flügel, erst den rechten, dann den linken, versuchte, ins ruhige Fliegen zu kommen. "Das war wie ein Helikopterflug", sagte er. Und Jacobsen schaffte das Unglaubliche: Er verhinderte nicht nur einen Sturz, sondern sprang auf Platz neun des ersten Durchgangs.

Damit nicht genug: Am Ende flog er sogar noch auf Platz eins vor Gregor Schlierenzauer und wahrte damit die Chance auf seinen zweiten Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee nach 2007. Anders sieht das bei Severin Freund aus. Der Mitfavorit aus Deutschland zeigte überraschende Schwächen und landete nur auf Platz 15. "Ich konnte mich mit dieser Schanze nicht anfreunden", sagte er. Der Gesamtsieg scheint damit außer Reichweite für ihn.

Freund fällt auf Rang fünf zurück

Spannend bleibt die Tournee aber weiterhin, denn ein Podestplatz ist für Freund (24) als derzeit Gesamtfünfter weiterhin drin. Außerdem wollen sich die Deutschen nach einem durchwachsenen Auftritt in Garmisch-Partenkirchen doch noch ihren Traum von einem Einzelsieg bei der Traditionsveranstaltung erfüllen. In Andreas Wellinger auf Rang acht und Michael Neumayer auf Platz zehn befinden sich zwei weitere DSV-Athleten zur Halbzeit unter den Top Ten. Spannend bleibt es aber vor allem im Kampf um den Gesamtsieg zwischen Jacobsen und Schlierenzauer.

Nach einer bisher überragenden Saison des gesamten deutschen Teams war das Neujahrsspringen nicht nur für Freund ein kleiner Dämpfer. "Es ist schon schade, dass wir heute in der Spitze nicht mitgekommen sind. Es ist ein bisschen enttäuschend", gab Bundestrainer Werner Schuster zu. Als bester Deutscher sprang der 17 Jahre alte Andreas Wellinger auf Rang neun. Martin Schmitt, doppelt so alt wie der Youngster, war wie schon in Oberstdorf die große positive Überraschung des deutschen Teams gewesen.

Während ihn viele längst abgeschrieben hatten, landete er verblüffenderweise noch vor Severin Freund auf Rang 14. Überzeugen konnte auch Andreas Wank als Elfter. Freund fehlte die Leichtigkeit im Sprung. Stattdessen musste er arbeiten, versuchte alles, um mit der Schanze doch noch Freundschaft zu schließen. "Severin hat nie seine Stärke, seinen tollen Absprung hingekriegt", stellte Trainer Schuster fest: "Wir müssen heute leider Abstriche machen." Da fiel Schmitts gute Leistung umso stärker auf.

Der hatte sich erst kurz vor der Tournee für seine 17. Teilnahme qualifiziert. Nun wird er sogar bei den weiteren beiden Wettbewerben dabei sein. Im vergangenen Jahr hatte Schmitt dagegen nach Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen noch die Heimreise antretenmüssen. "Es war eine sehr knappe Geschichte. Wir haben es nach dem Leistungsprinzip gesehen, Martin hat sich das verdient", sagte Schuster, der sein zwölfköpfiges Team für die zweite Tournee-Hälfte halbieren musste. Schmitt erhielt am Ende den Vorzug vor Danny Queck und Maximilian Mechler. "Es tut mir persönlich sehr weh, einen Springer wie Danny Queck nicht mitzunehmen. Auch für Maximilian tut es mir weh", sagte der Bundestrainer. Doch am Ende gab die Leistung den Ausschlag, so Schuster: "Martin macht einen guten Job und ist mit sich im Reinen. Er wird von Sprung zu Sprung besser, daher gebührt ihm Respekt."

Dass der 34-jährige Schmitt nach zwei Stationen vor einer Branchengröße wie Andreas Kofler stehen würde, hätten vorher nicht mal die kühnsten Optimisten zu hoffen gewagt. Der Österreicher steht schon seit Oberstdorf als einer der großen Verlierer fest. Schon dort hatte der Gesamtsieger von 2010 seine Chance auf einen erneuten Triumph leichtfertig verspielt, als er als Achter nachträglich disqualifiziert worden war - Kofler hatte sich nicht an die Kleiderordnung gehalten. Vergessen war das Thema auch in Garmisch-Partenkirchen nicht, obwohl Koflers Maßanfertigung diesmal passte und nicht zu weit war.

"Ich hatte beim Auftaktspringen das Gefühl, dass mit dem Anzug alles okay ist, aber am Bauch hat es nicht gepasst", versuchte Kofler eine Erklärung. Hintergrund sind die neuen Anzugregeln. Statt wie bisher sechs, dürfen zwischen Körper und Sprunganzug nur noch zwei Zentimeter Luft sein. Seither wird um jeden Millimeter Anzugfläche gekämpft. Mehr Fläche bedeutet mehr Auftrieb.

In Innsbruck wird angegriffen

Am Freitag in Innsbruck will auch Severin Freund wieder besser springen. In zwei Springen kann noch eine ganze Menge passieren. "Mir wird immer gesagt, dass mir die Schanze liegen müsste", sagte der Bayer und lachte. Auch Schuster zeigte schon wieder Kampfgeist und fügte hinzu: "Wir werden jetzt Luft holen und dann in Innsbruck wieder angreifen. Ich hoffe, dass wir unsere Spitzenleute hinbekommen, um vorn mitmischen zu können."