Kirche und Sport

Weihnachten, der Fußball und das Tor zu Gott

Über die besondere Nähe von Kirche und Sport beim Fest

- Fußball ist ein lautes Spiel und wird es immer bleiben. Nirgends sonst im reglementierten Alltag darf der Mensch derart ungehemmt toben wie im Stadion. Es gibt kaum einen Ort, der einer Kirche gegensätzlicher wäre. Schon in den Statuten der Branche steht geschrieben: "Der Deutsche Fußball-Bund ist parteipolitisch und religiös neutral." Die Deutsche Fußball Liga ersetzt den Begriff "religiös" durch "konfessionell". Und doch scheinen sich Fußball und Religion vor allem zu Weihnachten immer mehr anzunähern - und das ist auch gut so.

Gerade zum höchsten christlichen Fest rückt die Familie in den Mittelpunkt. Für viele ist das eben der Fußballverein. Schalke 04 hat nicht umsonst gerade seinen Vereinsfriedhof eröffnet, auf dem sich die Fans rund um ein stilisiertes Fußballfeld zur ewigen Ruhe betten können. "Kinder werden hier getauft, einige hundert Eheschließungen haben wir auch. Hier schließt sich der Kreis. Jetzt kann man auch hier beerdigt werden", sagt Ehrenpräsident Gerd Rehberg. Auch der Hamburger SV bietet auf dem "HSV-Grabfeld" Bestattungen an: Wahlweise im HSV-Sarg, auch in einer Kupfer- oder Silberurne.

Und die Eltern des kleinen Dortmund-Fans Jens Pascal, der mit neun Jahren an Krebs starb, kämpften jüngst darum, das Vereinswappen des BVB samt Inschrift "Echte Liebe" auf dem Grabstein ihres Sohnes abbilden zu dürfen. Nachdem die katholische Kirche das zunächst als "nicht angemessen" abgelehnt hatte, lenkte sie später unter öffentlichem Druck ein. Allerdings nur unter der Prämisse, dass auch noch ein christliches Symbol auf dem Stein abgebildet wird. Zur Auswahl standen betende Hände, ein Kreuz und eine Taube als Symbol für den Heiligen Geist. Die Eltern wählten die Taube.

20.000 Menschen singen bei Union

Nicht zu vergessen das Weihnachtssingen beim 1. FC Union. Zum zehnten Mal lädt der Berliner Zweitligist in die Alte Försterei. Mehr als 20.000 Menschen werden heute erwartet, wenn es ab 19 Uhr wieder heißt: "Stille Nacht, heilige Nacht". Der Schein von Tausenden von Kerzen, der Duft von Glühwein und Bratwurst runden die Zusammenkunft ab, die 2003 mit 89 Personen des Union-Fanclubs "Alt-Unioner" begann.

Dabei konkurrieren Fußball und Kirche nicht miteinander. Im Gegenteil: sie kooperieren. Die WM 2006 wurde mit einem Gottesdienst eröffnet, bei dem Bischof Wolfgang Huber sprach: "Fußball ist ein starkes Stück Leben." Im Berliner Olympiastadion werden vor den Heimspielen von Hertha BSC in der Stadionkapelle ebenso Andachten gehalten wie in Frankfurt und auf Schalke.

Ganz unbelastet ist die Beziehung zwischen Fußball und Religion allerdings nicht. Einst zogen sich derart viele Brasilianer nach Torerfolgen die Trikots über dem Kopf und entblößten religiöse Botschaften ("Jesus liebt Dich") auf ihren Unterhemden, dass das Entkleiden auf dem Spielfeld unter Strafe gestellt wurde.

Im Gegenzug rügte die Kirche den inflationären Gebrauch von religiösem Vokabular. Einen "Fußballgott" gebe es nicht. Und die "Hand Gottes" sei auch nicht im Spiel gewesen, als Diego Maradona 1986 im Viertelfinale der WM für Argentinien ein irreguläres Tor per Hand gegen die Engländer erzielt hatte.

"Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist. Über Stan Libuda haben sie hier ja auch gesagt, keiner kommt an ihm vorbei, auch Gott nicht. Aber der gute Stan kam am Schluss ja auch nicht an Gott vorbei", sagt Hans-Joachim Dohm (69), der als Pfarrer in der Kapelle des Schalker Stadions arbeitet. Auch wenn er sein Leben lang Fan des Traditionsvereins gewesen ist, lässt der Kirchenmann den Vergleich zwischen Fußball und Religion nicht gelten: "Ich predige in der Kapelle das Evangelium. Schalke kann mir Freikarten geben, aber keine Erlösung."

Nicht mal die im Ruhrpott so ersehnte Meisterschaft könne das: "Erlösung hat ja was mit Transzendenz zu tun. Wünschen würde ich mir die Meisterschaft ja auch. Aber erlösen? Wovon soll es mich erlösen?" Vermutlich sieht Clemens Tönnies das ein wenig anders. Er übernahm 1994 nach dem Tod seines Bruders Bernd das Amt des Vorstandsvorsitzenden bei Schalke. Und sollte es irgendwann einmal klappen mit dem Titel, will er mit der Meisterschale auf den Friedhof gehen: "Dann sage ich: Siehste, Großer, jetzt haben wir das Ding."