Fußball

Marco Reus ist jeden Cent wert

Jungstar macht nach millionenschwerem Wechsel zu Meister Dortmund weiter Fortschritte - Im Pokal gegen Hannover

- Auf Komfort kann Marco Reus gut verzichten. Als er mit seinem Kollegen und Freund Mario Götze vor einem knappen Monat auf dem Rückweg aus Berlin nach Dortmund in einem überfüllten ICE keinen Sitzplatz mehr bekam, machten die beiden das, was ihre Altersgenossen auch tun würden - sie setzen sich auf den Fußboden und beschäftigen sich mit ihren Smartphones.

Stargehabe ist Reus wesensfremd. Egal wie groß der Wirbel um Deutschlands aktuellen Fußballer des Jahres mittlerweile schon geworden ist oder noch werden wird: Die Gefahr, dass sich der 23-jährige Nationalspieler, der heute (20.30 Uhr) im Achtelfinale des DFB-Pokals gegen Hannover 96 sein letztes Spiel in 2013 absolvieren wird, irgendwelche Allüren zu eigen macht, geht gegen Null. "Der wirft kein Geld zum Fenster raus, ist ein bescheidener Junge geblieben", sagt Thomas Reus, sein Vater: "Genau das habe ich ihm immer vorgelebt."

Auch nachdem Reus mittlerweile den Durchbruch in die internationale Spitzenklasse geschafft hat. "Reus wird der neue Superstar schlechthin", sagte etwa Franz Beckenbauer gesagt, nachdem sich der 1,81 Meter große Dribbler und Freistoss-Spezialist bereits bei der Europameisterschaft für die Nationalelf fast schon unverzichtbar gemacht hatte. Doch Komplimente und Schmeicheleien blendete Reus aus. Vielmehr nahm er eine entscheidende Herausforderung mit Demut an: Sein Wechsel nach Dortmund im vergangenen Sommer für 17,5 Millionen Euro Ablöse und die damit verbundenen Folgen.

Auch wenn gemessen an seinen sechs Toren in der abgelaufenen Bundesligahinrunde und den erneut glänzenden Kritiken schnell ein anderer Eindruck entstehen könnte: Es war eine große Umstellung für ihn. Er musste seine Rolle beim BVB finden, sich auf vieles erst einstellen: Auf qualitativ bessere Mitspieler, die selbst den Torabschluss suchen. Auf ein anderes Spielsystem und auf neue Aufgaben für ihn persönlich.

"Das laufintensive Spiel war in Gladbach nicht so extrem": Reus nennt die höhere Intensität des Pressings, die der Fußball von Jürgen Klopp erfordert, als gravierendste Veränderung, der er sich zu stellen hatte. Es war ein Prozess, den er durchleben musste. Frei nach dem Motto, das der BVB-Trainer vorgegeben hatte. "Wir wollen Marco zu dem Spieler machen, den wir in ihm sehen. Und das ist ein noch besserer Spieler als er es in Gladbach schon war."

Reus ließ bereitwillig mit sich arbeiten. Er ist keine Diva. In den ersten Spielen jedoch hatte er noch unübersehbar Probleme in der Rückwärtsbewegung. Er war bemüht, wusste um die neuen Anforderungen, die speziell im Defensivverhalten an ihn gestellt werden, agierte aber teilweise übereifrig und unkoordiniert: Mal sprintete er über das halbe Feld zurück, um vor der eigenen Strafraumgrenze einen Ball abzugrätschen, dann vergaß er, sich nach Ballverlusten rechtzeitig in den Raum zu verschieben, den er abzusichern hatte. Kein Wunder: In Gladbach war er schließlich von solchen Aufgaben fast gänzlich befreit.

Und so dauerte es einige Spiele, bis Reus die neuen Abläufe verinnerlicht hatte. Unruhe gab es jedoch auch in der Findungsphase nicht: Denn durch seine überragenden individuellen Qualitäten war er trotzdem immer ein Gewinn für die Mannschaft.

Er selbst jedoch hat jedoch auch nach Ende der Hinrunde noch immer das Gefühl, dass er noch reichlich Luft nach oben hat. "Im Moment klappt das ganz gut. Aber ich bin einer, der immer noch weiß, woran er arbeiten muss. Und was er besser machen muss", erklärt er selbstkritisch und zählt auf: Das Einbringen des Körpers in Zweikämpfe, die Ballmitnahme und das "Gespür für Spielsituationen weiter entwickeln."

Bei letzterem ist jedoch nur schwer an Steigerungspotenzial zu glauben: Es ist schon jetzt schlichtweg Weltklasse, wie instinktsicher Reus vorausahnt, wohin der Ball gehen könnte und sich dann in diese Richtung bewegt, während die meisten Verteidiger die Situation gedanklich noch nicht mal ansatzweise erfasst haben.

Allein schon diese Fähigkeit macht ihn auch für Joachim Löw zu einem seiner wertvollsten Nationalspieler. Die Einwechslung von Reus in jener denkwürdigen Halbfinalniederlage bei der Europameisterschaft gegen Italien habe den Charakter einer Wachablösung gehabt, glauben nicht wenige: Lukas Podolski, fußballerisch ebenfalls stark, aber nicht annähernd so komplett wie Reus, musste raus, der Neu-Dortmunder kam zur 46. Minute rein. Prompt hatte Deutschland wieder Zugriff auf das Spiel.

Reus bringt alles mit, um eine entscheidende Figur bei der nächsten großen Herausforderung werden zu können, der WM 2014 in Brasilien. Ein Ereignis, das ihm momentan noch sehr entfernt scheint.