Motorsport

Formel-1-Sensation: Auch Schumachers Chef muss gehen

Mercedes trennt sich nach 22 Jahren von Motorsportboss Norbert Haug. Nur ein Sieg in drei Jahren in der Königsklasse

- Am Ende standen viele pathetische Worte. "Ich bedanke mich für über 22 Jahre bei der besten Automobilmarke der Welt", sagte Norbert Haug. "Diese Zeit hatte keine Sekunde ohne Leidenschaft für mich parat." Nett gesagt am letzten Arbeitstag. Doch Haug, 60 Jahre alt und seit 1990 in verantwortlicher Position für den schwäbischen Autokonzern tätig, muss gehen, weil Erfolge ausblieben.

Das für 2010 euphorisch verkündete und mit dem Kauf von BrawnGP trotz skeptischer Einwände des Konzern-Vorstands vollzogene Comeback mit einem eigenen Team in die Formel 1 geriet zum Flop. Und die Rückkehr von Rekordweltmeisters Michael Schumacher brachte eher PR- als sportliche Wirkung. Angetreten, um um den Weltmeister-Titel mitzufahren - schließlich war das dem gekauften Rennstall in der Saison 2009 (Jenson Button) gelungen - schaffte Mercedes insgesamt nur einen Grand-Prix-Sieg durch Nico Rosberg im April 2012 in Shanghai.

Neuzugang Niki Lauda

Zu wenig für den ehrgeizigen Konzern, der sich, wie üblich in solchen Fällen, im beiderseitigen Einvernehmen von seinem jahrelangen Vorkämpfer getrennt haben will. "Norbert Haug war über 20 Jahre lang das Gesicht des Motorsportengagements von Mercedes-Benz. Er hat für mich eine ganze Ära geprägt - und als Höhepunkt die erfolgreiche Rückkehr der Silberpfeile in die Formel 1 verantwortet", erklärte Konzernchef Dieter Zetsche.

Doch längst schon hatte sich Mercedes in Sachen Teamleitung anderweitig orientiert. Im Herbst wurde Niki Lauda als Aufsichtsratschef des Formel-1-Teams installiert, seither gab es im Rennstall quasi vier Alphatiere: Zetsche, Haug, Lauda und Technikchef Ross Brawn. Mindestens eines zuviel. Denn auch an Brawn, 2009 mit dem genialen (später verbotenen) Doppeldiffusor noch das Maß aller Dinge, ist schon Kritik laut geworden.

Niki Lauda dementierte Donnerstagnachmittag, dass er etwas mit dem Aus von Haug zu tun hat. "Ich bin total überrascht und habe erst heute davon erfahren. Es tut mir sehr leid, denn ich hätte gern weiter mit Norbert gearbeitet", sagte er dem Fernsehsender Sky. Er habe stets ein gutes privates und Arbeitsverhältnis zu Haug gepflegt. Nach dem Schock wisse Mercedes noch nicht, "wie das Problem gelöst wird. Norbert wird dem Team absolut fehlen, denn er war für den Mercedes-Motorsport allein verantwortlich".

Ob das so stimmt, darf bezweifelt werden. Die Gründe für die Trennung - und vor allem auch ihre Folgen - werden im Hause Daimler sehr gewissenhaft besprochen worden sein.

Selbstredend bestritt Haug am Donnerstag, dass Lauda möglicherweise Triebfeder des Abschieds gewesen sein könnte: "Ich möchte noch einmal nachdrücklich klarstellen, dass es eine Entscheidung ist, die der Vorstand und ich einvernehmlich und gemeinsam getroffen haben. Niki hatte damit absolut nichts zu tun. Wir akzeptieren und respektieren uns wie in all den Jahren, und daran wird sich auch nichts ändern."

Hat Haug die negative Entwicklung für sich geahnt? Bei seinem 60. Geburtstag vor drei Wochen erzählte er, dass er vollkommen motiviert sei für die kommende Saison und keine Amtsmüdigkeit spüre. Doch zum Abschied stellte er noch einmal klar, dass "wir seit der Gründung unseres eigenen F1-Werksteams seit 2010 unsere eigenen Erwartungen mit einem Sieg 2012 noch nicht erfüllen" konnten, "aber die Weichen sind für Erfolge gestellt. Das Team und unsere Fahrer werden alles geben, diese zu erreichen".

Die Marke mit dem Stern verliert nach Michael Schumachers Karriereende vor einem Monat ihr zweites Motorsportgesicht. Sechs Formel-1-Weltmeistertitel (mit McLaren) und 87 Grand-Prix-Siege fallen immerhin in Haugs Verantwortung.

In der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) gewann Mercedes unter Haugs Kommando 32 Titel. "Wir haben seit 1991 viel gewonnen und sehr viel erreicht, und mein Dank dafür gilt all meinen Kollegen", bilanzierte er.

Hoffnungen ruhen auf Hamilton

Im nächsten Jahr nun soll vieles besser werden im Team der Silberpfeile. Geschätzte 200 Millionen Euro pro Saison lässt sich der Stuttgarter Konzern die Formel 1 kosten, und 2013 wähnen sie sich mit dem neuen Fahrer Lewis Hamilton auch wieder aussichtsreich im Rennen.

Die Verhandlungen mit dem ehemaligen McLaren-Piloten aus Großbritannien führte dem Vernehmen nach Lauda. Auch die Gespräche um das so genannte Concorde Agreement zwischen dem Automobil-Weltverband, den einzelnen Formel-1-Teams und der Formula One Administration verantwortete für Mercedes in Teilen der Österreicher.

Haug war zuletzt als Motorsportchef eingebremst, auch wenn er selbst nichts davon wissen wollte und lakonisch anmerkte: "Bei uns gibt es keine Personality-Show. Wenn wir uns stärken können mit Kompetenz, dann ist das wunderbar und vollkommen richtig. Ich muss nicht auf dem Siegerpodest stehen. Ich kann mir auch mit einer Tasse Tee die Siegerliste ansehen, und wenn der richtige Name oben steht, dann habe ich viel Freude."

Zeit für eine Tasse Tee hat Haug vorläufig reichlich. "Ich habe 22 Jahre lang Mercedes gedacht, gefühlt, gerochen. Es gab nichts anderes für mich", gestand er am Tag seines Abschieds. "Trotzdem habe ich keine Angst vor Langeweile. Ich werde Zeit für mich haben, Zeit für die Familie und meine Freunde." Und dann sei da ja noch sein großes Hobby - der Rock'n'Roll. Vielleicht, ja vielleicht, sagte Norbert Haug, werde es noch mal eine eigene Band in seinem Leben geben.