Interview

"Ich hoffe, dass Hertha wieder aufsteigt"

Bundestrainer Löw besucht eine Grundschule in Gesundbrunnen und spricht dort auch über Kindheitsträume und den Hauptstadtfußball

- Sie wippen von einem Bein auf das andere, so aufgeregt sind sie. Mit Zettel und Stift in der Hand haben sich einige Kinder auf dem Treppenaufgang in der Vineta-Schule an der Demminer Straße postiert. Doch der prominente Besuch, von dem sie so gern ein Autogramm möchten, ist bereits oben in der Aula. Dort steht Joachim Löw am Donnerstagmittag im Schein des Neonlichts und wartet auf den Beginn der Veranstaltung. Der Bundestrainer ist gekommen, um einen Scheck von 100.000 Euro - gespendet von der Firma Haribo - für die Stiftung Fairchance entgegen zu nehmen. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, Kinder aus sozial benachteiligten Schichten durch gezielte Sprachförderung zu unterstützen.

Löw findet das gut. Bislang hatte sich der 52-Jährige unbemerkt von der Öffentlichkeit für die Stiftung engagiert. Nun ist er nach Berlin gekommen, um erstmals darüber zu sprechen. Löw ist inzwischen auf dem Podium in der Aula. Er sitzt auf einem Tisch, der eigens aus einem Unterrichtsraum geholt wurde. Löw ist wie immer adrett gekleidet. Schwarze Schuhe, dunkelblaue Hose, dazu ein helles Hemd und ein anthrazitfarbenes Sakko. "Ich möchte alle Kinder ermutigen, früh die deutsche Sprache zu erlernen. Deshalb unterstütze ich die Stiftung. Ich wünsche mir, dass die, die es können, Kinder unterstützen. Sie sind die Zukunft", sagt Löw, der mit seiner Frau Diana selbst keine Kinder hat.

"Ich wäre gern Pilot geworden"

Das Erlernen der deutschen Sprache sei wichtig, um früh genug einen Zugang zur Gesellschaft zu bekommen und um sich gute Zukunftsperspektiven zu schaffen, sagt Löw und spannt den Bogen zum Fußball. "Dort ist es doch ähnlich. Wenn man als kleines Kind schon an seiner Motorik und Ballbehandlung arbeitet, hat man später keine Defizite und viel bessere Chancen, sich zu behaupten." Während Löw spricht, hören 14 Kinder eines Fußballteams gebannt zu. Sie sitzen vor ihm auf dem Podium. Insgesamt 420 Kinder lernen in der Vineta-Grundschule, der Anteil aus Migrantenfamilien ist hoch.

Als der formelle Teil vorbei ist, dürfen die Kinder Fragen stellen. Melissa möchte wissen, wie viel Urlaub er denn in einem Jahr habe? Löw erzählt, dass es so vier, fünf Wochen seien. Und er dann am liebsten weit weg fliegen oder so wie jetzt zu Weihnachten die Zeit in Freiburg mit seinen Freunden genießen würde. Interessant wird es plötzlich, als Chantal den Bundestrainer fragt, ob er denn schon als Kind vom Beruf des Trainers geträumt habe. "Als Kind wollte ich Pilot werden. Ich wollte gern in die Luft und mir die Erde von oben anschauen", sagt Löw und erzählt im Anschluss von seinen Hobbys. "Ich gehe gern in die Berge, um an meine Grenzen zu kommen. Ich mag es, Rad zu fahren, Basketball zu spielen und mich mit Freunden zu treffen", sagt der Bundestrainer und verrät, dass er gern Paragliding macht. Ein tolles Gefühl sei das.

Löw wirkt sehr entspannt. Es ist ihm anzumerken, wie er froh ist, dass sich das Jahr dem Ende entgegen neigt. Ein Jahr, in dem es erstmals nach langer Zeit auch Kritik an Löw und seiner Nationalmannschaft gab. Wie etwa nach dem Halbfinal-Aus bei der Europameisterschaft im Juni in Polen und der Ukraine oder wie nach dem 4:4 im Länderspiel gegen Schweden im Oktober. In der Partie im Berliner Olympiastadion hatte die Löw-Elf bereits 4:0 geführt. "2013 wird das Jahr der Konzentration und der Vorbereitung auf die WM 2014 in Brasilien. Wir werden alles daran setzen, uns für dieses Turnier zu qualifizieren. Und natürlich müssen wir auch weiter an uns arbeiten", sagt der Bundestrainer.

Löw war bereits am Mittwoch nach Berlin gekommen, da er noch einen Werbetermin hatte. "Ich komme immer wieder gern hierher und verbinde die Stadt natürlich vor allem mit der Weltmeisterschaft 2006, als wir mit der Nationalmannschaft im Grunewald gewohnt haben", antwortet Löw auf die Frage eines Schülers, der wissen will, ob er gern in Berlin sei. "Es gibt viele interessante Dinge hier. Und ihr habt ja auch noch Hertha. Ich hoffe, dass Hertha wieder aufsteigt."

Als die Fragerunde der Kinder am Donnerstag vorbei ist, verlässt Löw das Podium und spricht noch kurz zu den anwesenden Medienvertretern. "Ich finde das in Ordnung, dass sich die Liga zusammengetan hat", sagt Löw auf die Frage nach dem neuen Sicherheitskonzept und bezeichnet es als wertvollen Beitrag für die Entwicklung der Nationalmannschaft, dass es alle sieben Bundesliga-Vereine in die K.o.-Runde der Europacup-Wettbewerbe geschafft haben. "Es war schon immer mein Wunsch, dass wir mal mehr Mannschaften in der K.o.-Runde haben als nur Bayern München. Für die Spieler ist es wichtig, diese Erfahrungen zu sammeln. Das ist eine gute Basis für das nächste Jahr."

Es ist kurz vor 13 Uhr, als Joachim Löw am Donnerstag die Vineta-Schule verlässt. Der Bundestrainer schreibt noch ein paar Autogramme. Zur Freude der Kinder, die ein bisschen ausharren mussten.