Fußball

Sicherheitskonzept: Hertha lehnte Nacktkontrollen ab

Kapitän Niemeyer nimmt die eigenen Fans in die Pflicht

- Einen Tag nach der Verabschiedung des umstrittenen Sicherheitskonzepts der Deutschen Fußball Liga (DFL) durch die 36 Profiklubs hat Hertha BSC sein Abstimmungsverhalten erläutert. Finanzvorstand Ingo Schiller, der den Berliner Zweitligaklub gemeinsam mit Geschäftsstellenleiter Thomas Herrich bei der Abstimmung in Frankfurt vertreten hatte, erklärte, dass Hertha 13 von insgesamt 16 Anträgen die Zustimmung erteilt habe. "Wir haben bei dem Thema Kontrollen nicht dafür gestimmt", sagte Schiller.

Dabei handelt es sich um den Antrag Nummer 8, bei dem es insbesondere um Einlasskontrollen geht. Dort hieß es: "Die Kontrolleinrichtungen müssen so beschaffen sein, dass jegliche Kontrollen sicher, d.h. ohne Drucksituationen, zügig und angemessen, d.h. verhältnismäßig und sorgfältig, durchgeführt werden können." Fans befürchten, dass damit sogenannte "Ganzkörperkontrollen" (auch "Nacktkontrollen" genannt), wie sie beim Heimspiel des FC Bayern bei den Anhängern von Eintracht Frankfurt Mitte November durchgeführt wurden, zur Regel werden. "Da hätten wir gern andere Formulierungen gehabt. Man muss das Ganze mit Augenmaß angehen", begründete Schiller die Ablehnung des Antrags.

Der Stadtrivale 1. FC Union hatte dagegen alle 16 Anträge abgelehnt. Präsident Dirk Zingler sagte: "Die Kommunikation der letzten Wochen ist keine Basis für eine wirksame Zusammenarbeit im Sinne der vielen Millionen Besucher von Fußballspielen, denen wir auch künftig sichere Stadionerlebnisse bieten wollen." Union fordert vom Ligaverband, sich zukünftig weniger dem Druck der Politik zu beugen. "Aktuell genügt scheinbar politischer Druck, uns zu Handlungen zu zwingen, obwohl der behauptete Anstieg von Gewalt im Fußball gar nicht belegt werden kann. Damit riskieren wir, auch künftig zum Spielball von Politikern zu werden, die das populäre Thema Fußball zur eigenen Profilierung nutzen. Dass sich die "Solidargemeinschaft Fußball" in so eine Situation begibt, ist unnötig", so Zingler.

Rauballs Kanzlei beschmiert

Derweil hat Herthas Kapitän Peter Niemeyer Verständnis für die Fans gezeigt, die sich gegen das DFL-Sicherheitspapier stellen. "Ich habe zu einhundert Prozent Verständnis dafür, dass die Fans sich ausgeschlossen fühlen", sagte Niemeyer der Berliner Morgenpost. Es sei schade, dass zwar über, aber nicht mit den Anhängern gesprochen werde. Besonders beeindruckt war der 29-Jährige in den vergangenen Woche von der Protest-Kampagne "12:12", als es in den ersten 12 Minuten und 12 Sekunden der Partien gespenstisch still blieb: "Das war eine Stimmung wie in der Kreisliga. Ich fand beachtlich, dass die Fans es schaffen, eine solche Aktion gemeinsam umzusetzen."

Niemeyer aber übte auch Kritik an den Hertha-Anhängern und nahm sie in die Pflicht: "Dass manche Fans ausgerechnet kurz vor der Abstimmung im Stadion Bengalos zünden und Böller werfen wie in Cottbus und Paderborn, kann ich nicht nachvollziehen." Das sei viel zu kurzsichtig gewesen.

Währenddessen haben Fanvertreter angekündigt, dass es auch nach Verabschiedung des Sicherheitspapiers weitere Proteste geben wird: "Ja, die wird es geben, auch weil die Debatte im Vorfeld so symbolisch überhöht war, und das Ergebnis aus Fan-Perspektive nicht zufriedenstellend ist", sagte Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). Auch Philipp Markhardt, Sprecher der Organisation "Pro Fans" und der Aktion "12:12", sagte: "Ich gehe davon aus, dass es neue Proteste geben wird." Sogar der Boykott eines kompletten Spieltags durch die Anhänger sei denkbar. "Wenn die DFL sagt, nach uns die Sintflut, wäre das das komplett falsche Zeichen. Entweder Dialog von Anfang an, oder man lässt es gleich bleiben."

Andreas Rettig, designierter Geschäftsführer der DFL, sagte: "Die Entscheidung war an Klarheit nicht zu überbieten." Wenn man ernst genommen werden will, "muss man auch Mehrheitsverhältnisse akzeptieren und Kompromisse eingehen", so Rettig. Dass es weitere Proteste geben werde, "damit müssen wir leben", sagte Rettig, forderte aber, "dann zu einem anderen Miteinander" zu kommen. Aktionen, wie die von Mittwochnacht, als Unbekannte die Geschäftsstelle von Borussia Dortmund sowie die Kanzlei von BVB- und Liga-Präsident Reinhard Rauball beschmierten, machen allerdings wenig Hoffnung.