Chad le Clos

"Phelps zu besiegen, ist das Größte"

Nach seinem sensationellen Olympiaerfolg vergoss Chad le Clos die schönsten Tränen der Sommerspiele in London. Jetzt hat sich der Südafrikaner neue Ziele gesetzt

- Zwei Armzüge zu Olympiagold über 200 Meter Schmetterling hatte Michael Phelps noch vor sich. Dann geschah das Unfassbare: Chad le Clos, 20 Jahre jung und aus Südafrika, hatte auf den letzten Metern deutlich mehr Fahrt aufgenommen als Phelps. Ihm glückte der perfekte Anschlag, und der US-Star war besiegt. Chad le Clos geht in die Geschichte ein als der letzte Mann, der Phelps im Wasser besiegte. Als jene Legende fuhr er nun zur Kurzbahn-WM nach Istanbul. Bis zum Sonntag treten dort auch die deutschen Vorzeigeschwimmer Britta Steffen und Paul Biedermann an. Le Clos erwartet nach einer Bronchitis und Schulterverletzung zwar keinen Weltrekord von sich, will aber dennoch einen Titel holen. Im Interview mit Morgenpost-Redakteurin Melanie Haack spricht er über seine Olympiatränen, sein großes Idol und weiße Haie.

Berliner Morgenpost:

Herr le Clos, hat Ihnen Michael Phelps seine Niederlage wohl verziehen?

Chad le Clos:

(lacht ) Als wir gemeinsam zur Medaillenzeremonie gingen, war Michael verdammt nett zu mir. Er hat mich behandelt wie seinesgleichen, nicht von oben herab. Die Art und Weise, wie er mir gratuliert und Glück für die Zukunft gewünscht hat, war unfassbar und berührend. Ich bin verdammt stolz darauf, dass jemand wie er mich so behandelt.

Phelps war Ihr großes Idol. Verlor er durch die Niederlage an Ansehen?

Nein, auf keinen Fall. Ich war zwölf Jahre alt, als ich ihn bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen bewundert habe. Ich war total inspiriert von ihm und wollte so sein wie er. Es ist unglaublich, daran zurückzudenken. Ich habe mein ganzes Leben zu ihm aufgesehen, und dann besiege ich ihn. Das ist das großartigste Gefühl überhaupt. Vielleicht fühlt es sich größer an, als es tatsächlich ist.

Warum glauben Sie das?

Für mich ganz persönlich hat es einfach eine besondere Bedeutung. Schon seit Athen 2004 habe ich von diesem olympischen Rennen über 200 Meter Schmetterling geträumt. Michael ausgerechnet über diese Strecke, die er seit 2001 nie verloren hatte, zu besiegen, ist das Größte. Ich bin natürlich stolz darauf und werde das für den Rest meines Lebens in Erinnerung behalten.

Haben Sie das alles schon verkraftet?

Selbst als die Spiele vorbei waren, konnte ich noch nicht realisieren, was da passiert war. Vor London war ich ein ganz normaler Typ. Und dann hat sich mit einem Rennen mein ganzes Leben verändert. Erst als ich nach Südafrika zurückkam, habe ich wirklich gespürt, wie verdammt groß dieser Erfolg ist. Am Flughafen in Johannesburg gab es einen riesigen Empfang für Cameron van der Burgh (Sieger über 100 m Brust, d.R. ) und mich. Nur für uns beide kam gefühlt die ganze Nation - unglaublich!

Das klingt nicht, als könnten Sie noch entspannt einkaufen, oder?

Es dauert jetzt ein bisschen länger, bis ich durch bin.

In Ihrer Heimat sind Sie jetzt ein Star. Fühlen Sie sich auch so?

Nein, nein. Ich bin einfach Chad. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich immer noch denselben Typen, den ich da auch vor London gesehen habe. Ich bin einfach nur verdammt stolz, dass ich diese olympische Goldmedaille habe.

Ich habe gehört, dass Sie und Phelps sich zum Käfigtauchen mit Haien treffen wollen. Ist da etwas dran?

Wir haben es noch nicht geschafft, weil Michael ziemlich beschäftigt ist. Ich denke aber, dass es 2013 klappen wird. Er hat versprochen, zu uns nach Südafrika zu kommen. Das ist ziemlich cool, und ich bin ein bisschen nervös.

Wegen Phelps oder wegen der Haie?

Wegen beidem. Ich lebe in Südafrika direkt an der Küste, surfe jedes Wochenende - und bin kein großer Fan von Haien. Ich wollte so etwas aber schon immer einmal machen. Michael hat sogar gesagt, dass er seine Mutter mitbringen möchte.

Sie haben bei der Siegerehrung in London geweint. Was ging da in Ihnen vor?

Das ultimative Ziel ist doch, die eigene Nationalhymne zu hören. Wenn du dann auf dem Podium stehst und die Hymne erklingt, realisierst du nicht nur, was du für dich selbst erreicht hast, sondern auch, was du für dein Land und deine Familie geschafft hast. Das hat etwas mit Nationalstolz zu tun. Das Olympiagold bedeutet für mich nicht, dass ich der weltbeste Schwimmer bin.

Sondern?

Die Medaille repräsentiert die Opfer, die meine Familie, mein Team und ich dafür gebracht haben. Es zeigt, dass alles möglich ist. Die Olympischen Spiele inspirieren Generationen.

Der Sieg, all die Emotionen - kann es überhaupt noch besser werden?

Ich habe noch andere Ziele. Michael Phelps zu besiegen, war nur eines davon.

Was wollen Sie erreichen?

Ich hoffe, dass ich nächsten Sommer mit dem Sieg über 200 Meter Schmetterling von den Weltmeisterschaften heimkehre. Hoffentlich kann ich auch die 100 Meter gewinnen. Danach fange ich vielleicht ein Studium an.

Was wollen Sie studieren?

Sportwissenschaft oder Marketing. Ich werde aber natürlich weiterhin schwimmen. Bei den Olympischen Spielen 2016 möchte ich mein Programm erweitern und über mehr Strecken starten - Lagen zum Beispiel und 200 Meter Freistil. Ich möchte nicht derjenige bleiben, der ein einziges Mal Olympiasieger wurde. Ich möchte mehrere olympische Goldmedaillen gewinnen. Das wird hart, aber ich habe ein gutes Team um mich herum.

Lassen Sie uns am Ende zu einem ganz anderen Thema kommen: Es gab dieses Mädchen, einen Fan, der unbedingt mit Ihnen zum Abschlussball der Schule gehen wollte. Sie sagten zu. Haben Sie Wort gehalten?

Ja, natürlich. Das war vor etwa zwei Monaten. Sie stand bei diesem großen Empfang in Südafrika am Flughafen und hielt ein Schild hoch, darauf stand: "Begleitest Du mich zu meinem Abschlussball?" Ich bin kein guter Tänzer, aber es hat Spaß gebracht.

Das klingt wie eine Hollywood-Geschichte. Sind sie jetzt ein Paar?

Nein, wir sind nur Freunde. Ich bin Single. Und ich mag deutsche Mädchen - die sind wirklich nett.