Wintersport

"Jeder Fahrer ist heiß auf das Risiko"

Skilegende Markus Wasmeier über die Gefahren des Skisports und Lindsey Vonns Wunsch, gegen Männer anzutreten

- Für Markus Wasmeier (49) begann mit dem ersten Schnee die arbeitsreichste Zeit des Jahres. Der Vater von drei Söhnen, die selbst aktive Skifahrer sind, begleitet den alpinen Skiweltcup als TV-Experte. Der Bayer war zu seiner aktiven Zeit ein Allrounder, zwischen 1983 und 1994 gewann er neun Weltcuprennen und einen WM-Titel. Seine größten Erfolge aber waren die Olympiasiege in Riesenslalom und Super-G 1994 in Lillehammer. Morgenpost-Redakteur Jens Hungermann sprach mit Wasmeier.

Berliner Morgenpost:

Herr Wasmeier, in all dem Überangebot an den langen Wintersport-Fernsehwochenenden: Welchen Stellenwert hat da der alpine Skisport noch?

Markus Wasmeier:

Alpin ist von allen Disziplinen immer noch die Formel 1 im Wintersport. Im Biathlon eine Magdalena Neuner zu haben, ist natürlich ein Traum. Sportlich, menschlich, optisch. Das gibt es halt nicht immer. Diese Biathlon-Fan-Geschichte ist aber eine rein deutsche. Nirgendwo sonst wird solch ein Aufhebens gemacht. Ich denke, dass wir mit den paar Protagonisten, die wir in Deutschland im alpinen Rennsport haben, sicherlich wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen. Denn es hängt ganz stark von den einzelnen Personen ab. Wie sie sich geben, wie beliebt sie sind...

Sehen Sie außer Maria Höfl-Riesch noch jemanden?

Maria ist nicht allein. Ich sehe eher die Jungen, die da kommen. Und bei den Herren Felix Neureuther und Fritz Dopfer.

Neureuther und Dopfer fahren vorwiegend Technikdisziplinen. Der deutsche Cheftrainer Karlheinz Waibel ist 2009 angetreten mit dem Plan, das "Rennfahrer-Gen" bei den deutschen Männern wieder zu wecken. Ist ihm das gelungen?

Das ist alles ganz recht und nett. Aber die Läufer sind für sich selbst verantwortlich. Als Trainer kann man nicht einen Sportler zum Hasardeur machen, indem man ihn Speed fahren und ihn Kopf und Kragen riskieren lässt. Abfahrt ist eine Disziplin, die extrem viel Mut und Selbstbewusstsein braucht - und entsprechendes Können. Da muss einer gewachsen sein dafür. Er braucht die fanatische Freude an Geschwindigkeit. Dann funktioniert es.

Es heißt allenthalben, die Gesellschaft werde immer bequemer. Ist es ein Klischee, dass Jugendliche heute nicht mehr im gleichen Maße bereit sind sich zu quälen, wie es zu Ihrer aktiven Zeit der Fall war?

Würde ich verneinen. Wenn ich andererseits aber Länder anschaue wie Polen, Tschechien, Kroatien, wie hungrig die Skisportler dort sind, was die auf sich nehmen - jahrelang in einem Bus pennen, um zum Training zu gehen zum Beispiel -, das würde sich in Deutschland kein Heranwachsender antun. Das letzte Wollen wird einem von unserer Gesellschaft genommen. Das hat sehr stark mit Bequemlichkeit zu tun, ja.

Skirennen sind mit einem sehr hohen Verletzungsrisiko verbunden. Können Sie als dreifacher Vater, früherer Rennläufer und heutiger Beobachter der Szene Eltern ruhigen Gewissens überhaupt empfehlen, ihre Kinder Skiprofi werden zu lassen?

Die Sicherheit auf der Piste ist so hoch wie nie. Training und Wettkampf waren zu meiner Zeit zum Teil Wahnsinn. Wir sind an Bäumen fünf Meter vorbeigerauscht. Eine Unachtsamkeit, und du warst im Gelände. Die Verletzungen sind nicht wegzudenken, alpiner Skirennsport ist nach dem Motorsport eine der Sportarten mit den höchsten Geschwindigkeiten. Wenn du stürzt mit Tempo 130, tut das weh. Wir haben den Nachteil, dass wir eben keinen Schutz um uns herum haben wie die Formel-1-Fahrer. Wir haben nur unseren Körper. Es gehört zur Dynamik des Sports, dass sich verletzt, wer stürzt. Wer das Risiko liebt, und jeder, der so weit geht, Fis-, Europacup- oder Weltcuprennen zu fahren, ist ja heiß auf das Risiko. Der weiß, was passieren kann. Im Übrigen bin ich überzeugt, dass das Verletzungsrisiko im Skisport nicht größer ist als im Fußball.

Selbst Spitzenathleten klagen über die Zahl der Rennen, Maria Höfl-Riesch ächzt angesichts von 37 Weltcup-Wettkämpfen diesen Winter.

Das hat jeder selbst in der Hand! Wer alle Disziplinen fahren will, muss damit rechnen, dass es anstrengend wird. Ich zu meiner Zeit habe 48 Rennen pro Winter gefahren. Vieles ist heute organisierter als damals. Ich habe kein Mitleid mit einem Sportler, der das Jammern anfängt. Jeder kann sagen: Ich fahre nicht.

Was trauen Sie Höfl-Riesch zu in diesem Winter?

Die Maria hat wieder sportlich an sich gearbeitet. Sie hat momentan eine schwierige Zeit - aber das, muss ich ganz ehrlich sagen, hat sie sich selbst zuzuschreiben.

Was meinen Sie?

Mit ihrem Buch hat sie sich im Weltcup nur Feinde geschaffen. Wissen Sie, der Weltcup ist wie eine kleine Familie, in der Aktive, Trainer, Serviceleute zusammenleben. Ich finde, am Ende ist es doch das Schönste, zu dieser Familie zu gehören und Freundschaften zu knüpfen, die ein Leben halten. Insofern war das Buch nicht notwendig. Also, ich hätte mir das nicht angetan, mit einem Vorschlaghammer draufzuhauen.

Was, glauben Sie, war denn ihre Motivation für ihre Biografie "Geradeaus"?

Ehrlich gesagt: Ich bin mir ganz sicher, dass die Maria sich in dem Fall nichts gedacht hat und dass die Geschichte sehr stark von ihrem Mann kommt.

Kurios - genau den Vorwurf, "fremdgesteuert" zu sein, wollte sie doch mit ihrem Buch entkräften.

Dann ist es noch schlimmer, wenn sie das wirklich wollte. Dann war es die dümmste Entscheidung, die sie treffen konnte.

Die Biografie hat sie mit 27 Jahren geschrieben.

Mei, das ist halt Business! Wer hat mit 27 schon groß was zu erzählen?

Halten Sie Lindsey Vonns Begehr, in einem Rennen gegen Männer anzutreten, auch für eine bloße PR-Nummer?

Sicher ist ein guter PR-Gag dabei herausgekommen, es gibt viel Gerede darüber, was ja nicht negativ ist, weil es den Sport interessanter macht. Wenn das Vonns Absicht gewesen ist, muss ich sagen: Gut! Gute Geschichte! Ich vermute aber tatsächlich eher, dass sie Lust hat zu sehen, wo sie im Weltcup der Männer stehen würde. Beides kann ich nachvollziehen. Ich finde ihr Vorhaben nicht arrogant.

Ist es revolutionär?

Schon zu meiner Zeit, als etwa eine Katja Seizinger so erfolgreich, so dominant war, hat es immer geheißen: Mei, die fahren so gut, was würde da gehen? Zu Seizingers Zeiten wollten die Damen unbedingt auf den Herren-Abfahrten antreten. Schon damals aber zeichnete sich ab: Fünf, sechs Mädels können das - der Rest ist überfordert. Leider Gottes hat es in Garmisch-Partenkirchen den Fall der Österreicherin Ulrike Maier gegeben, die mit der Überforderung auf der Kandahar-Abfahrt zu Tode gestürzt ist (Januar 1994 im Weltcup, d. Red.). Soll ich Ihnen was sagen?

Ja, bitte!

Ich glaube, dass es ein großer Fehler ist, Männer und Frauen im Sport zu vergleichen, vor allem dort, wo Kraft einen exponierten Stellenwert hat. Außerdem finde ich es schade, weil die Frauen für sich einen so tollen Sport leisten und so viel dafür tun, dass sie es gar nicht nötig haben. Dass ein Mädel mit 60 Kilo gegen einen Kerl mit 100 Kilo nicht mithalten kann, liegt auf der Hand, schon physikalisch. Muss sie aber ja auch gar nicht!

Viele männliche Skirennläufer dürften die Aussicht, von einer Frau auf Skiern bezwungen zu werden, als peinlich empfinden. Hand aufs Herz, Herr Wasmeier: Hätte Sie gern gegen eine Frau verloren?

(lacht) Wenn einer geschlagen würde, hätte er irgendwas verkehrt gemacht. Dann hat er sich nie selbstkritisch betrachtet, ob er wirklich alles dafür getan hat, dass er Weltspitze ist. Der würde nicht nur den Schaden haben, sondern auch den Spott (lacht erneut).