Fehlentscheidung

Starkes Stück

Schiedsrichter Wolfgang Stark hat Dortmund den Spaß verdorben. Der DFB verzichtet aber auf ein Verfahren gegen Marcel Schmelzer

- Wir alle machen uns die Dinge oft viel zu leicht und tun gerade so, als sei beispielsweise das menschliche Knie von der Hand problemlos zu unterscheiden. Wie knifflig das in Wirklichkeit ist, haben wir am Sonnabendnachmittag bei Wolfgang Stark gesehen: Wenn er Arzt wäre, hätte er blindlings auf Mittelhandbruch getippt - dabei war es ein Kreuzbandriss. Fehldiagnose.

Dumm gelaufen ist das für den Dortmunder Marcel Schmelzer. Der Schiedsrichter Stark hat in jener alles vorentscheidenden 35. Minute gegen den VfL Wolfsburg kurzen Prozess mit ihm und dem BVB gemacht, Hand, Elfmeter, Platzverweis - und, als die Kirche aus war, gesagt: "Es war leider ein Wahrnehmungsfehler." Der DFB hat umgehend reagiert und das Verfahren gegen Schmelzer eingestellt.

Stadion wird zum Tollhaus

Der Unterschied zwischen Knie und Hand ist jedenfalls geringer als der zwischen Stark und einem normalen Schiedsrichter: Letzterer sagt im Zweifel Knie und lässt weiterspielen - Stark sagt im Zweifel Hand, Strafstoß und raus.

Doch jetzt die gute Nachricht: Bei Wolfgang Stark ist immer was los, oft sogar der Teufel. An solchen Tagen macht er aus jedem Stadion ein Tollhaus und lässt den Deckel vom Dampfkessel fliegen, zumindest aber dem Jürgen Klopp vom Kopf.

Wenn wir den geschwollenen Hals des Meistertrainers nach dem Schlusspfiff richtig deuten, hätte er am liebsten kurz den Levan Kobiashvili gemacht. Das ist jener fuchsteufelswilde Georgier, der im Hertha-Trikot vergangenen Mai nach dem Relegationsskandal in Düsseldorf diesem Stark an die Wäsche ging - die damaligen Tumulte beschäftigten noch Wochen danach die Gerichte und die Gemüter.

Jürgen Klopp hat also das Ventil pfeifen lassen ("Skurril, elf gegen elf gibt es hier nur einen Sieger"), sich aber im Schulterschluss mit Manager Michael Zorc ("Unfassbar") und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ("Ich verliere fast die Selbstbeherrschung") tapfer zusammengerissen. Oder hat er aufgegeben, sich abgefunden mit dem Unabänderlichen? Schon vor Wochen zitierte er Paragraf eins im Regelbuch: "Herr Stark hat immer recht."

Zumindest aber ist der pfiffige Bayer das Eintrittsgeld immer wert. Langweiliger Fußball ist unter Stark ausgeschlossen, eher könnten wir uns vorstellen, dass er sogar in einem Wohltätigkeitskick der Sepp-Herberger-Stiftung zugunsten notleidender Altnationalspieler für Rudelbildungen sorgt und gegen den meckernden Uwe Seeler das aus der Hose zieht, was die Fußballer "die Arschkarte" nennen, also glatt Rot.

Für viele seiner Sportkameraden, wie Florian Meier oder Felix Brych, gilt noch das alte Motto: Der beste Schiedsrichter ist der, der nicht auffällt. Knut Kircher und Manuel Gräfe machen sich, obwohl fast zwei Meter hoch, vor lauter Fingerspitzengefühl deshalb auch mal klein - nur Stark duckt sich selten.

Und das alles, wir ahnen es, macht ihm Spaß. Wo andere vor Stress auf dem letzten Loch pfeifen, genießt er sichtlich jeden Pfiff, und wir ertappen uns bei dem Gedanken, dass er sich schon als Bub zu Weihnachten keine Eisenbahn gewünscht hat, sondern eine Trillerpfeife, zum Geburtstag ein gelb-rotes Kartenspiel und zu Ostern ein Regelbuch - aus dem sagt er die dazugehörigen Strafen jetzt auswendig auf, da macht ihm keiner was vor, auch nicht Mario Götze. Zusammengefaltet hat er das kleine Genie geschwind, in Großaufnahme.

Die Szene war, nomen est omen, echt Stark. Kurz vor Schluss war es, und wenn die Zeit knapp wird, überschlagen sich bei ihm oft die Ereignisse, dann pfeift er sich vollends unter Stark-Strom. Sieben Minuten also noch, Freistoß für Dortmund, schnell und steil wird der Ball gespielt, es ergibt sich eine verheißungsvolle Chance - doch Stark pfeift zurück, er will den Ball etwas länger ruhen sehen. Götze meckert und sieht Gelb. Ganz Dortmund brodelt, der kleine Götze, das ganze Stadion.

Aber Stark steht wie eine Eins. Er hat schon ganz andere Stadien in Aufruhr versetzt, bis es lichterloh brannte und nach dem Abpfiff Regenschirme für ihn aufgespannt werden mussten gegen die fliegenden Bierbecher - ja sogar die besonnensten Menschen mit der besten Kinderstube hat er auf 180 gebracht, wie Klaus Allofs. Als der Wolfsburger Manager noch bei Werder war, fauchte dieser sonst so Friedfertige plötzlich verzweifelt: "Wollen Sie nicht auch für uns mal ein bisschen pfeifen, Herr Stark?"

Am Sonnabend hat der ihm den Wunsch nun erfüllt - und anders als bei jenem alten Disput musste Diego (der damals auch noch Bremer war) seinen geschenkten Elfmeter diesmal sogar nur einmal vollstrecken.

Falsche Wahrnehmung

Gern lässt Wolfgang Stark einen Schützen nämlich zweimal anlaufen, und allein dafür hätten ihn die Dortmunder schon einmal am liebsten gesteinigt. Da ließ er in einem legendären Tumultspiel gegen Hoffenheim Nuri Sahin einen Strafstoß wiederholen, weil andere angeblich zu früh in den Strafraum gelaufen waren. Im zweiten Anlauf hat Sahin prompt verschossen, aber dafür pfiff Stark dann die Hoffenheimer in der Nachspielzeit mit einem haarsträubenden Freistoß herunter von Wolke sieben - und stellte Sejad Salihovic, den armen Tropf, ungerührt vom Platz, weil der wegen des Schiedsrichterirrtums einen Tobsuchtsanfall erlitt.

So verdanken wir Wolfgang Stark ein paar der wahnsinnigsten Spiele, und nun also auch noch das am Sonnabend. Ohne seine falsche Wahrnehmung wäre die Sache wahrscheinlich 3:1 für Dortmund ausgegangen, aber so bleibt das Rennen um Platz zwei nun weiter spannend. "Der Elfmeter und der Platzverweis waren Fehler", sagt Stark, "aber ich stehe dazu." Aufrappeln, Mund abputzen, weiter pfeifen. Er wird gebraucht im Zirkus des Fußballs.