Schalke 04

Königsblau hat den Blues

Auf Schalke brodelt es nach der Pleite in Stuttgart. Gerüchte um das baldige Aus für Trainer Stevens werden immer lauter

- Die einzigen netten Worte von Huub Stevens gab es für einen alten Bekannten. Jürgen Sundermann, der früher Trainer des VfB Stuttgart und des FC Schalke 04 war, wurde von dem Niederländer nach dem Schlusspfiff auf das Herzlichste begrüßt und umarmt. Dabei lächelte Stevens. Jener Stimmungsaufheller blieb eine Momentaufnahme. Als die Sprache auf das Spiel seiner Schalker kam, wurde Stevens ernst. "Wir machen zu viele Fehler", sagte er nach dem 1:3 (1:2) beim VfB Stuttgart, wirkte niedergeschlagen und enttäuscht. "Vor den Gegentoren waren wir dreimal in Ballbesitz - und dreimal wurden wir bestraft", erklärte Stevens: "Das darf uns nicht passieren."

Die vierte Bundesliga-Auswärtsniederlage in Folge erhöht auf der Zielgeraden der Hinrunde den Druck auf alle Beteiligten. Die Stimmung hat sich trotz der souveränen Vorrunde in der Champions League, in der sich die Mannschaft als Gruppensieger für das Achtelfinale qualifizierte, weiter verschlechtert. Auf Schalke gibt es - wieder einmal - eine Sinnkrise. Und es wird - wieder einmal - eine Trainerdiskussion geführt. Der Schuldige scheint ausgemacht zu sein: Ausgerechnet Stevens, von den Fans zum "Jahrhunderttrainer" gewählt und erst im Oktober 2011 als Ralf Rangnicks Nachfolger verpflichtet, soll nun der Hauptgrund für die Krise sein. Vergessen ist nicht nur der jüngste internationale Erfolg, sondern auch die starke Vorsaison, als er ein Team, das auf mehreren Position nicht gerade nach seinen Vorstellungen zusammengestellt worden war, auf Rang drei geführt hatte.

Tuchel und Babbel im Gespräch

Mittlerweile werden sogar Vermutungen angestellt, dass Stevens, dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft, in der Winterpause entlassen werden könnte. Es werden scheinbar wahllos Nachfolger gehandelt. Ob Markus Babbel oder Thomas Tuchel - selbst das krachende Scheitern des einen vermeintlichen Kandidaten in Hoffenheim (Babbel) oder das eindeutige Bekenntnis des anderen zu seinem Arbeitgeber Mainz 05 (Tuchel) fällt da offenbar nicht weiter ins Gewicht. Es ist die Zeit der Gerüchte und Spekulationen.

Daran ändert wohl auch wenig, dass Horst Heldt bei seiner kritischen Analyse Stevens ausdrücklich ausgenommen hatte. "Der Trainer hat heute nicht auf dem Platz gestanden, sondern andere", sagte der Manager auf die Frage, wie er die Chancen bewerte, dass die Zusammenarbeit mit Stevens über das Saisonende ausgeweitet werde. "Wir haben alles dazu gesagt", erklärte er und wiederholte, was er seit Wochen predigt: "Wir werden Gespräche führen, wenn es bei uns ein bisschen ruhiger geworden ist. Huub Stevens ist unser wichtigster Ansprechpartner. Ich glaube, das ist aussagekräftig genug."

Doch das ist es nicht. Denn es ist auch die Zeit der Indiskretionen und Halbwahrheiten. Das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer sei zerrüttet, heißt es immer wieder. Aussagen von Spielern, die dies bestätigen, gibt es freilich nicht. Auch dies ist ein wieder kehrendes Phänomen auf Schalke: Ob Ralf Rangnick, Mirko Slomka, Felix Magath oder nun - zum zweiten Mal - Stevens: Kein Trainer, der in den vergangenen Jahrzehnten länger auf Schalke gearbeitet hat, blieb von diesem schwer greifbaren Vorwurf verschont.

Dabei gibt es auch Gründe für die aktuelle Krise, die kaum etwas mit Stevens zu tun haben. Torjäger Klaas-Jan Huntelaar und Spielgestalter Lewis Holtby, zwei wichtige Leistungsträger, bleiben seit Wochen unter ihrem Niveau. Möglicherweise, weil beide mit Schalke über einen neuen Vertrag verhandeln. Es gibt immer wieder Gerüchte, dass sie den Verein Richtung England verlassen wollen. Laut der französischen Sportzeitung "L'Equipe" soll sich Huntelaar mit dem FC Arsenal über einen Wechsel in der Winterpause weitgehend einig sein.

All diese Spekulationen belasten offenbar die Mannschaft. "Ich glaube, dass eine Lösung kommen müsste, damit wir alle wieder an einem Strang ziehen", sagte Benedikt Höwedes. Der Kapitän analysierte mit deutlichen Worten die sich zuspitzende Gesamtsituation, nachdem aus den vergangenen sieben Spielen nur fünf Punkte geholt worden waren: "Wir sind dabei, unsere gute Ausgangsposition zu verspielen", sagte er: "Das ist beschissen."

Die zwei noch ausstehenden Pflichtspiele vor Weihnachten werden richtungsweisend für die Zukunft der mittlerweile auf den fünften Tabellenplatz abgerutschten Schalker. "Wir müssen sehen, dass wir am Samstag gegen Freiburg gewinnen und dann im DFB-Pokal gegen Mainz eine Runde weiterkommen", sagte Heldt und kündigte für die Zeit danach eine Bestandsaufnahme an: "Dann schauen wir, wo wir stehen, und bewerten die Arbeit der Mannschaft."

Den Trainer erwähnte er dabei nicht. Doch es dürfte auf der Hand liegen, dass es für die Vertragsgespräche mit Stevens von entscheidender Bedeutung sein wird, ob bis zur Winterpause der Negativtrend noch gestoppt werden kann.

Sollte dies nicht gelingen, hätte Heldt, der sich bislang standhaft darum bemüht, die Diskussionen um Stevens nicht durch vorschnelle Festlegungen zusätzlich anzuheizen, ein Problem.