Daniela Schulte

Wenn eine Frau mit dem Herzen sieht

Daniela Schulte ist blind und zweifache Mutter. Und nun sogar Berlins Sportlerin des Jahres

- Der Blick von Daniela Schulte (30) ist so offen und direkt, dass sich das Gegenüber irgendwie durchschaut fühlt. Doch die junge Frau sieht nichts, zumindest im gegenständlichen Sinne - sie ist blind, kann Hell-Dunkel-Schemen nur vage wahrnehmen. Im Behindertensport geht die Schwimmerin in der Klasse S11 an den Start, die mit dem höchsten Grad des Handicaps. Trainer Matthias Ulm, der sie seit dem 13. Lebensjahr betreut, sagt: "Das ist in etwa so, wenn wir Normalos die Augen geschlossen halten. Aber Daniela hat ein unglaubliches räumliches Orientierungsvermögen."

Damit muss sie seit dem achten Lebensjahr klar kommen. Sie wurde sehend geboren, ihr Vater aber war blind. Mediziner beruhigten: "Nicht vererbbar." Dann wurde das Sehvermögen schlagartig schlechter, "und dann ging alles sehr schnell, bis gar nichts mehr da war". Was Schulte blieb, waren Erinnerungen. An Farben, Gegenstände, Umwelt, welche Geräusche zu welchen Dingen gehören. Heute ist immer wieder vom Gendefekt als Ursache für ihre Behinderung die Rede, aber eine definitive Erkenntnis gibt es nicht. Gleichwohl ist sie weiter in eine Regelschule gegangen. "Daniela hat ihr Dasein praktisch im Verhältnis zu Nichtbehinderten bestimmt und so weitergelebt. Das hat sich aus heutiger Sicht als Vorteil erwiesen", meint Matthias Ulm.

So ist aus ihr nämlich eine bewunderte Sportlerin geworden, gestern wurde sie bei einer Gala im Estrel als Berlins Sportlerin des Jahres geehrt, neben Robert Harting, den Eisbären und deren Meistertrainer Don Jackson (siehe Infokasten).

Erstes Gold schon mit 14

Sport hat Daniela Schulte schon von Kindesbeinen an betrieben. Bei Medizin Marzahn schwamm sie "nur so, ohne große Ambitionen". Dann kam der Verlust des Augenlichts, und nach einiger Zeit fing sie beim BSV Nordost in einer Seniorengruppe wieder an. "Leistungsorientiert konnte man das natürlich nicht nennen", lacht sie. "Aber es war besser als nichts." Als kurz darauf im Deutschen Behindertensport Verband (DBS) eine Staffelschwimmerin für die Paralympics 1996 in Atlanta gesucht wurde und Daniela mit ihren "Punkten" (Athletin entsprechend Handicap bis zur erlaubten Gesamtzahl) genau in die Quartette passte, suchte man einen Trainer für das noch völlig unfertige Talent.

"Wir haben damals zwölf Wochen nichts anderes als Geradeaus-Schwimmen und Wenden geübt", erinnert sich Ulm. Mit gerade mal 14 holte Schulte in Atlanta zweimal Staffel-Gold und zwei Einzelmedaillen. Heute ist sie eine der erfolgreichsten Behindertenschwimmerinnen der Welt, mit Siegen und Medaillen bei Paralympics, WM und EM. Und sie hat mehr Weltrekorde aufgestellt als US-Star Michael Phelps.

In London erlebte Schulte in diesem Sommer ihre vierten Paralympics - und den Höhepunkt ihrer Karriere. Denn sie gewann das, wovon sie seit Atlanta geträumt hatte: Einzelgold. Vom Triumph über 400 Meter Freistil erfuhr sie im Aquatics Center damals erst mit kleiner Zeitverzögerung. Denn es ist verboten, dass die Trainer, die am Beckenrand als "Tapper" (mit einem an einer Stange befestigten Wattebällchen werden die Aktiven vor der Wende angetippt, um die nahe Wand zu signalisieren) agieren, das verraten. "Unerlaubtes Coaching", kommentiert Ulm achselzuckend, das mit Disqualifikation geahndet werden könnte. "Von Zuschauern werde ich öfter gefragt, warum ich mich nicht richtig gefreut habe. Leichte Antwort: Ich wusste einfach nicht, dass ich gewonnen habe." In London halfen dann Gott sei Dank bald die lauten Sprechchöre der Fans.

Damit verbesserte Schulte ihre Paralympics-Bilanz auf drei Gold, vier Silber und eine Bronzemedaille. Dass sie diverse Auszeichnungen wie den Berliner Verdienstorden oder das Silberne Lorbeerblatt des Bundespräsidenten erhalten hat, ist da nur logisch. Nun wurde sie Sportlerin des Jahres, vor Stars wie Sabine Lisicki oder Britta Steffen. Der lange Applaus bei der Gala zeigt, wie sehr auch die nichtbehinderten Kollegen das Durchhaltevermögen der zerbrechlich wirkenden Frau bewundern.

Und dies völlig zu Recht und bei weitem nicht nur wegen des Sports. Nach Sydney 2000 hatte Schulte, die damals noch Röhle hieß, vorübergehend die Schwimmkarriere beendet. Im Skiurlaub im Januar zuvor hatte sie mit Christian Schulte den Mann und die Liebe ihres Lebens kennengelernt - als Zivi und Blindenbegleiter. 2003 heirateten sie, im selben Jahr kamen die Zwillinge Linus und Louis zur Welt. "Das passierte bereits in der 26. Schwangerschaftswoche, man gab ihnen eine 30-prozentige Überlebenschance. Viel mitgekriegt habe ich von der 15-minütigen Notoperation, bei der alles ganz schnell gehen musste, nicht - aber es bleibt ein Initialerlebnis, das noch über den sportlichen Erfolgen steht." Dass die beiden Jungs, für die jeder der beiden Elternteile einen Namen ausgesucht hat, danach längere Zeit besondere Zuwendung und Pflege brauchten, ist naheliegend. Heute besuchen sie die 3. Klasse, sind stolz auf die Mama, mit der sie im Sommer in London als Zuschauer das Paralympics-Gold feierten, und den Papa, der als Informatiker arbeitet.

Schon 2005 und 2006 aber machte sich das Schwimmen immer nachdrücklicher in der Gedankenwelt Daniela Schultes bemerkbar. Sie fragte bei Ulm an, ob er bereit wäre, sie noch mal zu trainieren. "Ich hatte einfach das Gefühl, beim Abschied 2000 bei weitem nicht bei dem angekommen zu sein, was ich leisten kann."

Im Herbst 2007 fing sie wieder an, verloren gegangene Komponenten neu aufzubauen und in anderen Bereichen noch zuzulegen. Belohnt wurde das mit Paralympics-Bronze über 100 Meter Freistil in Peking. "Ich wusste also, dass es geht, dass ich in die Weltspitze zurückgekehrt war. Kann man es da bei einem Einmal-Erlebnis belassen? Nein!" Außerdem sei da der "Spaß an der Sache, der einfach nicht aufhören will". Im Wasser, sagt Daniela Schulte, fühle sie sich frei. "Zwar ist es beim Start, als spränge ich in ein schwarzes Loch, zwar habe ich Heidenrespekt vor den Wenden, zwar ist es schwer, nicht zickzack zu schwimmen. Aber ich habe im Wasser keine Angst. Dort kann ich meinem Körper vertrauen - ich bin frei und ungezwungen. An Land sind überall Hindernisse, im Wasser habe ich ein ganz anderes Gefühl."

Zum Training braucht sie ein Taxi

London, wo sie bei der Eröffnung die deutsche Fahne trug, hat die Sehnsucht nach dem Einzel-Gold gestillt, die nach dem Gewinnen aber längst nicht. Also sagt Daniela Schulte nun: "Ich würde gern bis Rio 2016 weitermachen." Wobei sie bewusst die Möglichkeitsform benutzt. Denn trotz des gewachsenen Ansehens des Behindertensports bei Politik, Wirtschaft, Medien und Gesellschaft allgemein und einiger finanzieller Korrekturen (Prämien, Förderung) ist der Kontrast zum Nichtbehindertensport riesig. "Unsere Leistung ist nicht weniger wert als die von Nichtbehinderten, wir trainieren nicht weniger, um vorn dabei zu sein", sagt Daniela Schulte. Nach dem London-Resultat verdient das den Zusatz: aber erfolgreicher. In Vorbereitung auf die Paralympics gehörte Daniela Schulte zum TOP TEAM, was erweiterte Unterstützung bedeutete. Dazu gehörte zum Beispiel eine Kinderbetreuung. Zudem bezahlte ein Sponsor die Taxi-Fahrten von Mahlsdorf, wo die Schultes zu Hause sind, zur 20 Kilometer entfernten Trainingshalle. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln dauert das eine Stunde. Seit den Paralympics muss die Schwimmerin sich selbst behelfen, eine Taxitour kostet jedes Mal etwa 25 Euro.

Wer das Puzzle des Alltags bei den Schultes zusammensetzt, ahnt, dass das schwierig ist. "Alles gut organisiert", sagt Daniela: "Sechs Uhr aufstehen, Kinder wecken, Morgentoilette, wenn möglich, alle gemeinsam frühstücken. Anschließend Kinder zur Schule, Mann zur Arbeit, ich bis mittags zum Training. Dann kommen Linus und Louis aus der Schule zurück, Essen, Hilfe bei Hausaufgaben, wieder Training. Christian kommt um 18, mitunter erst 20 Uhr nach Hause. Da heißt es, die wenige gemeinsame Zeit nicht zu verschwenden." Trotz der Erfolge hält sich die Sponsorenhilfe bisher in Grenzen. "Sollte sich da zum Beispiel in Sachen der Fahrten zum Training was tun, wäre das eine riesige Hilfe", sagt sie und fügt leise hinzu: "Vielleicht liest das ja jemand." Im August 2013 stehen die Weltmeisterschaften in Kanada an - Schulte will dort wieder gewinnen. Als Robert Harting von Schultes Sorgen erfuhr, sagte er spontan zu, seine Olympiaeinkleidung (Sachwert 12.000 Euro) zu ihren Gunsten zu versteigern. "Wenn ich das höre, schäme ich mich fast, dass ich das Sportfördersystem kritisiert habe."