Fanproteste

Vom gefährlichen Spiel mit der Sicherheit

Warum ein vom Böller getroffener Platzwart kein Verständnis hat für die Fanproteste gegen neue Regeln im Stadion

- Seit drei Spieltagen nun gleicht in der Anfangsphase ein Bundesligastadion dem anderen. Wenn der Anpfiff ertönt, herrscht Stille. Zwölf Minuten und zwölf Sekunden hält sie an. Kein Jubel, keine Emotionen. Auch nicht, wenn ein Tor fällt, und wenn doch, dann nur vereinzelt. Es ist der Protest der Kurve gegen das neue Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball Liga (DFL). Am 12. Dezember soll darüber entschieden werden. Es geht unter anderem um strengere Einlasskontrollen. Immer wieder kam es in den vergangenen Monaten dazu, dass Bengalos und Knallkörper gezündet wurden.

Nicht nur mit den Schweigeminuten, auch mit Demonstrationen an diesem Wochenende tun die Fans vereinsübergreifend erneut ihren Unmut gegen das Konzept Kund, in Dresden oder Paderborn, in Dortmund oder Hannover. Auch in Berlin wurde der Protest noch einmal auf die Straße getragen. Vor dem Spiel des 1. FC Union gegen Kaiserslautern hatten am Freitag rund 750 Anhänger auf dem Weg zum Stadion demonstriert. Im Stadion selbst wurden zahlreiche Transparente entrollt. "Die schweigende Masse hat alles gesagt. Für Fankultur und Sicherheit sind Dialoge gefragt!" stand auf einem geschrieben. Auf einem anderen war zu lesen: "Meinst du, aus 12 Minuten Stille könnten auch mal 90 Minuten werden? Mit Sicherheit". In Paderborn warfen Fans Tennisbälle und meinten via Plakat: "Tennis-Publikum, nicht mit uns."

Verständnis für Schweigeminuten

Auch wenn das Stillhalteabkommen im Stadion bei den Akteuren auf dem Rasen immer wieder von einer komischen Atmosphäre sprechen ließ, so zeigten sie doch Verständnis für die Aktion. "Vom Grundsatz her ist das eine gute Sache", sagte Unions-Mittelfeldspieler Markus Karl: "Es ist immer besser, wenn man im Dialog ist." Wir fühlen uns sicher, ist von Vertretern der Fanszene immer wieder zu hören.

Doch wie gefährlich Pyrotechnik sein kann, erzählt zum Beispiel die Geschichte von Oliver Streicher (35). Seit dem 5. April 2008 ist es wie eine Mutprobe für ihn, unter Leute zu gehen. Er arbeitete damals als Platzwart im Stadion von Eintracht Frankfurt, es war ein milder Frühlingstag, der 1. FC Nürnberg war zu Gast. Streicher stand wie immer während der Spiele neben dem Marathontor, um zu beobachten, wo der Rasen in der Pause am meisten Pflege brauchen wird, als ein Böller neben ihm explodierte und sein Leben für immer veränderte. Streicher ist seitdem hörgeschädigt, arbeitslos und kämpft sich mühsam zurück in die Normalität.

Nach 20 Minuten, es stand 1:1, kamen aus dem Nürnberger Fanblock plötzlich Bengalische Feuer und Böller geflogen. Nicht jene DIN-geprüften Knaller, die man Silvester kaufen kann. "Die Polizei sagte mir später, dass sie entweder selbst gebastelt waren oder aus Polen gekauft wurden", sagt Streicher. Die Sprengkraft war enorm. Dichte Rauchschwaden zogen durch das Stadion, der Schiedsrichter musste das Spiel für 21 Minuten unterbrechen. Doch davon bekam Oliver Streicher nicht mehr viel mit. "Ich spürte einen Druck im Kopf, der Blutdruck sackte ab. Ich bin dann zu den Sanitätern gegangen, und die haben mich sofort ins Krankenhaus geschickt."

Seitdem hat er kein volles Stadion mehr betreten. Der Täter ist bis heute nicht gefasst, auch wenn die Polizei lange gefahndet hat. Doch die Kameras im Stadion hatten nicht erfasst, wer den Knallkörper geworfen hat. Niemand hat sich gestellt. Und jene Nürnberger Fans, die etwas gesehen haben müssten, schweigen bis heute. Offenbar aus falsch verstandener Solidarität. Dass man die Fans nach solchen Vorfällen in Sippenhaft nimmt, darf dann niemanden mehr verwundern.

Streichers Schicksal ist nicht das einzige. Gerade hat die "Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze" (ZIS) ihren Bericht für die Saison 2011/12 veröffentlicht. 1142 Verletzte hat sie in diesem Zeitraum gezählt, und seitdem wird darum gerungen, ob das nun viele oder wenige seien. Laut ZIS liege diese Zahl um 120 Prozent über den Durchschnittswerten der vergangenen zwölf Jahre. "Spiegel online" hingegen - beraten von einem "Fan-Anwalt" - wies darauf hin, dass es ja nur 1,6 Verletzte pro Spieltag seien. Auf jedem Dorffest gehe es gewalttätiger zu als in einem Fußballstadion, ist ein gern gebrauchtes Argument. In den Ohren von Oliver Streicher klingt das reichlich zynisch: "Hinter jeder dieser Zahlen stecken Schicksale wie das meine."

Im deutschen Fußball streift ein Tier umher. Es hört auf den Namen "Gewalt", doch seine Gestalt wandelt sich. Sprechen Politiker oder Polizeisprecher, dann ist es ein Drache, der mit loderndem Feuer den Sport versengt und dem mit aller Macht Einhalt geboten werden muss. Sprechen Fanorganisationen, ist es nur ein Schoßhund, den die Anderen zur Bestie groß reden möchten. Für jeden einzelnen, der geschlagen, von Pyrotechnik verletzt wird oder eine Portion Polizei-Pfefferspray abbekommt, ist die Diskussion müßig, die gerade mit so viel Verve geführt wird.

Doch um Einzelschicksale geht es schon lange nicht mehr bei den wuchtigen Reden, die hüben wie drüben geschwungen werden. Es geht darum, wer das Sagen im Stadion hat. Und es geht um Macht. Am Mittwoch nun wird die DFL ihre Klubs darüber abstimmen lassen, ob ihr Konzept "Sicheres Stadionerlebnis" künftig die Grundlage einer neuen Sicherheitspolitik sein soll. Fangruppen sind dagegen Sturm gelaufen. Sie befürchten den Untergang der Fußballkultur, wenn Einlasskontrollen verschärft und härtere Sanktionen bei Verstößen erlassen werden. Einige Vereine haben sich auf die Seite jener geschlagen, die es für ein Grundrecht halten, 2500 Grad heiße Fackeln in Menschenmengen zu entzünden. Oliver Streicher schüttelt darüber den Kopf.

Noch heute leidet er an Schlafstörungen, Tinnitus und einem Hörverlust von 35 Prozent. Regelmäßig redet er mit einem Psychologen über sein Trauma. Er versucht zu verarbeiten, dass er plötzlich Angst vor Menschenmengen hat und immer noch ohne Job ist, weil jeder neue Arbeitgeber fürchtet, dass er wochenlang ausfallen könnte. Er redet über die Albträume, die ihn quälen. Und über ein Leben mit dem Pfeifen im Ohr.

Schwere Rückkehr ins Stadion

Die Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußball-Bundes hat ihn gerade mit 10 000 Euro unterstützt, das hat ihm ein wenig Last von den Schultern genommen. Eine Geschichte wie seine handelt auch immer von Dankbarkeit. Seine Freunde und Familie, sie haben ihn aufgefangen, sagt Streicher, "sonst hätte ich manchmal nicht gewusst, wie es weitergehen soll". Nein, an Selbstmord habe er nicht gedacht, "aber es gab schon Momente, da war ich verzweifelt".

Für unser Foto ist Streicher zum ersten Mal in das Frankfurter Stadion zurückgekehrt, vier Jahre nach dem Unfall. "Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so schwer fallen würde", sagte er. Sein Puls habe gerast, Schweißausbrüche. Aber hinterher auch das Gefühl, einen Schritt zurück in die Normalität gegangen zu sein.

Sein Sohn Tom ist elf Jahre alt. Ein prima Rennradfahrer, Hessen-Meister in seiner Altersklasse, Papas Stolz. Neulich hat er gesagt, dass er mit seinem Vater eigentlich gern mal in ein Fußballballstadion gehen würde. Vielleicht versucht es Oliver Streicher bald mal, im Freizeitpark hat es ja auch geklappt.