Interview

"Alonso fuhr die beste Saison seiner Karriere"

Für Eddie Jordan entschied die Technik zugunsten Vettels

- Unmittelbar nach dem Verpassen der Weltmeisterschaft entschuldigte sich Ferrari bei seinem Spitzenfahrer Fernando Alonso. "Wir können den Fakt nicht ignorieren, dass wir nicht in der Lage waren, ihm ein schnelleres Auto zu geben. Das ist uns teuer zu stehen gekommen", gab Teamchef Stefano Domenicali zu. Im Interview mit Morgenpost-Mitarbeiter Burkhard Nuppeney verrät Eddie Jordan, der 64 Jahre alte Formel-1-Experte und frühere Teamchef, warum auch er glaubt, dass der Spanier in einem besseren Auto Weltmeister geworden wäre.

Die Welt:

Mister Jordan, geht der WM-Titel für Sebastian Vettel in Ordnung?

Eddie Jordan:

Absolut. Der Junge hat in diesem Jahr einen ganz tollen Job gemacht. Die Kombination aus Red Bull und ihm als Fahrer war nicht zu besiegen.

Also hat das Auto den Ausschlag gegeben?

Auf dem Papier sieht das so aus. Aber wir müssen Sebastian zugutehalten, dass der Red Bull zu Beginn der Saison nicht in WM-Form war. In dieser Phase haben aber weder er noch das Team den Glauben an die Titelverteidigung verloren.

Was bedeutet der dritte Titelgewinn im Alter von 25 Jahren für Vettels Stand in der Formel-1-Historie?

Ich glaube, Sebastian hat einen Bezug zur Formel-1-Geschichte, er interessiert sich sehr dafür. Aber ich glaube auch, dass das im Moment nicht das ist, über das er sich am meisten freut.

Sondern?

Es war schlicht keine einfache Saison für ihn. Die WM ist ja erst im letzten Grand Prix entschieden worden. Ein Spaziergang war das nicht, auch wenn alle immer von der Überlegenheit der Red-Bull-Technik sprechen. Natürlich hilft das, aber wir müssen auch sehen, wie Sebastians Teamkollege Mark Webber mit seinem Auto und der ganzen WM zurecht gekommen ist. Was ich damit sagen will: Nur ein gutes oder gar überlegenes Auto zu haben, das allein genügt nicht. Sebastian hat ohne Frage mehr daraus gemacht als der Mann, der mit einem identischen Auto an den Start gegangen ist. Es gibt da eine alte Faustregel in der Formel 1.

Wie lautet die?

Wenn du als Rennstall gewinnen willst, benötigst du ein optimales Paket aus den Komponenten Technik und Qualität des Fahrers. Es muss besser sein als das Paket der Konkurrenz. Darum hat Vettel den Titel verdient, ebenso wie sein Team.

Wird sich in der nächsten Saison etwas an den Favoritenrollen ändern?

Wir haben im nächsten Jahr keine nennenswerten technischen Änderungen, also liegt es auf der Hand, dass Red Bull wieder sehr stark sein wird. Die sind ja gut im Auffinden von technischen Nischen auch sehr kreativ. Ob das genügt, auch im nächsten Jahr weiter vorn zu bleiben, dass kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich weiß nicht, was Ferrari und McLaren über den Winter anstellen werden und was sie aus dieser Saison an Erkenntnissen mitnehmen. Ich vermute, sie werden alles versuchen, an Red Bull vorbeizuziehen.

Trauen Sie Sebastian Vettel zu, den vierten WM-Titel hintereinander zu gewinnen?

Ja.

Was macht Sie so sicher?

Das ist ganz einfach: Er ist jung, unverbraucht, ehrgeizig, fokussiert, extrem zielorientiert und unter dem Strich ein absoluter Weltklassefahrer.

Ist er auch besser als Alonso?

Beide besitzen Weltklasseformat. Fernando hätte den WM-Titel aus meiner Sicht sogar mehr verdient gehabt als Sebastian.

Wie meinen Sie das?

Weil er mit dem unterlegenen Auto sowie dem ganzen Ferrari-Umfeld eine schwierigere Position hatte als Vettel bei Red Bull. Alonso hat dafür eine unglaubliche, ja fast vorbildhafte Leistung abgeliefert. Für mich ist Fernando Alonso die beste Formel-1-Saison seiner Karriere gefahren.

Also ist er für Sie der bessere Fahrer?

Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nur gesagt, dass ich seine Leistung deshalb höher einstufe, weil er nicht die technischen Möglichkeiten wie Sebastian Vettel zur Verfügung hatte. Das wiederum heißt nicht, dass ich dessen Leistung nicht genügend würdige. Aber Fakt ist: Sebastian Vettel hatte das bessere Auto.