Evi Sachenbacher-Stehle

"Ich bin da jetzt wieder die Kleine"

Mit 31 Jahren wagt Evi Sachenbacher-Stehle in dieser Woche den Neubeginn als Biathletin

Nach fünf Olympiamedaillen im Skilanglauf startet Evi Sachenbacher-Stehle ab diesem Winter als Biathletin. In dieser Woche beginnt die Bayerin im zweitklassigen IBU-Cup in Schweden, in den Weltcup soll sie dann Mitte Dezember beim dritten Wettbewerb in Pokljuka (Slowenien) einsteigen. Morgenpost-Redakteurin Melanie Haack sprach mit der 31-Jährigen.

Berliner Morgenpost:

Fühlen Sie sich schon als Biathletin?

Evi Sachenbacher-Stehle:

Das Gewehr ist ein Teil von mir geworden. Ich fühle mich wirklich als Biathletin. Wir haben einmal einen Test ohne Waffe gemacht, bei dem es nur ums Laufen ging - das war komisch. Da fehlte etwas auf dem Rücken. Die Waffe gehört jetzt einfach zu mir. Sie macht nicht immer das, was ich will - aber schon sehr oft. Das passt ganz gut mit uns.

Aber ist es nicht ein komisches Gefühl, wenn Sie zehn Jahre jüngere Teamkolleginnen um Rat fragen?

Nein, das fühlt sich überhaupt nicht seltsam an. In solchen Momenten bin ich dann wieder die Junge, die Kleine, die Unerfahrene. Ich wurde von der Mannschaft total herzlich aufgenommen und fühle mich hier sehr wohl.

Es könnte leicht der Eindruck entstehen, jeder gute Langläufer könne mit etwas Training zu einem guten Biathleten mutieren. Was ist dran?

Nein, so einfach ist es nicht. Du musst das Gefühl für das Schießen mitbringen und ziemlich fleißig sein. Durch das Schießen trainiere ich jetzt rein vom zeitlichen Aufwand mehr als früher.

Dennoch waren bei Ihrem Wechsel manche Leute skeptisch.

Mir wurde schon von einigen gesagt, dass sie anfangs dachten, mein Plan sei unmöglich, die Sache nun aber anders sehen. Es geht im Training natürlich nicht immer alles gut: Es gab Schießserien, die super sicher waren. Und dann gab es aber auch die anderen... An einem der Trainingstage hatten wir zum Beispiel richtig starken Wind - das war für mich total neu. Da stand ich also beim Stehendanschlag und dachte nur: Ach du meine Güte. Wie soll ich denn jetzt diese Scheiben dort hinten treffen? Für mich kommen immer noch neue Eindrücke hinzu, mit denen ich erst lernen muss umzugehen.

Wie groß waren und sind Ihre Zweifel?

Ich bin ja nicht mehr die Jüngste, sodass ein geglückter Wechsel ziemlich schnell gehen muss. Die Frage ist, wie schnell es gelingen kann. Eine Antwort habe ich noch nicht. Ich probiere es einfach aus. Ich hatte nach meiner Entscheidung pro Biathlon bisher überhaupt keine Zweifel. Klar gab es Phasen, in denen ich dachte: Puh, das ist ganz schön hart. Schaffe ich das? Ich habe diesen Schritt aber nie bereut, es macht mir einfach unheimlich viel Spaß.

Keine Angst vor dem Scheitern?

Überhaupt nicht. Nein, ich habe wirklich keine Angst vor dem Versagen. Ich habe im Langlauf viel erreicht und muss jetzt im Biathlon nicht Ähnliches schaffen. Ich sehe den Wechsel nicht als Risiko. Es kann natürlich passieren, dass ich wahnsinnig viel Zeit hineinstecke und es am Ende doch nicht funktioniert. Aber das hoffe ich nicht, und das glaube ich auch nicht. Es wäre aber okay und kein Weltuntergang für mich, wenn ich als Biathletin scheitere - ich hätte es dann wenigstens gewagt und alles dafür getan. Und ich hätte dennoch viel Spaß gehabt.

2010/2011 hatten Sie eine schwierige Saison. War Biathlon Ihre Rettung?

Das wäre vielleicht zu krass ausgedrückt. Meine Rettung war es nicht, aber Biathlon hat mir neue Motivation gebracht. Ich habe viele Jahre Langlauf betrieben - da war alles ziemlich eingeschliffen und eintönig geworden. Biathlon ist eine neue Herausforderung. Ich gehe wieder ganz anders an den Sport heran, bin mit viel mehr Feuer dabei.

Stattdessen aber muss das Privatleben wieder hinten anstehen. Was sagt denn Ihr Mann?

Oh, er hat eine sehr große Rolle bei der Entscheidung gespielt. Er ist ja derjenige, der wegen meines Sports viel Zeit allein zu Hause ist - also musste er auch sagen, ob es für ihn okay ist, dass ich es noch mal probiere. Er weiß zwar, dass ich die nächsten Jahre jetzt wieder weniger zu Hause sein werde, aber ich habe seine volle Unterstützung. Er findet es super - und genau das hilft mir enorm.

Dabei haben Sie schon vor einigen Jahren einmal von Familienplanung gesprochen.

Früher habe ich mir immer gesagt: Mit 30 habe ich schon alle meine Kinder. Aber irgendwie vergeht die Zeit so schnell, und ich fühle mich auch noch nicht reif dafür. Nein, ich brauche noch Zeit für den Sport.

Und was wollen Sie jetzt im Biathlon erreichen?

Ich möchte erst einmal viel lernen. Mein Saisonziel ist es natürlich, auch mal bei Weltcups mitzulaufen. Das große Ziel ist aber Sotschi 2014 - mein Traum ist es, als Biathletin bei den Olympischen Spielen dabei zu sein.

Sie haben ein paar Mal gesagt, nach den Olympischen Spielen sei Schluss für Sie. Auch bereits vor Vancouver 2010. Was sagen Sie jetzt?

Wenn es beim Biathlon gut funktioniert, kann es durchaus sein, dass ich noch nicht nach Sotschi aufhöre, sondern sogar weitermache. Aber nach der Karriere wird endlich die Familienplanung an der Reihe sein. Und zwar an erster Stelle.