Tor nach Schiedsrichterball

Den Anstand mit Füßen getreten

Adriano trifft in der Champions League nach Schiedsrichterball. Uefa eröffnet Disziplinarverfahren

- Die Dienstreise nach Dänemark war ein voller Erfolg, zumindest aus der Warte von Luiz Adriano de Souza da Silva. Wobei rasch klar war: In dieser Warte wurde es für den Stürmer von Schachtjor Donezk recht einsam. "Ich freue mich sehr. Wir haben gewonnen", sagte Adriano also treuherzig, bevor er im Anschluss an das 5:2 in der Champions League beim FC Nordsjaelland heimflog. Glücklich sei er über alle seine drei Tore: "Auch über das erste."

Gerade dieses jedoch hatte Adriano in äußerst umstrittener Manier erzielt: Beim Stand von 0:1 schlug Schachtjors Willian das Spielgerät nach einem Schiedsrichterball fair in Richtung des dänischen Torwarts Jesper Hansen, auf dass dieser ihn aufnehmen sollte. Adriano allerdings sprintete los, schnappte sich den Ball, umspielte den perplexen Schlussmann und schob zum 1:1 ein. Regelgerecht, ja - nach den niedergeschriebenen Regeln.

Weil es aber auch ungeschriebene Regeln gibt, ordnete Donezk-Trainer Mircea Lucescu an, den Dänen sofort ungehindert das 2:1 zu ermöglichen. Doch grätschte sein Spieler Taras Stapenenko im wahrsten Sinne des Wortes dazwischen und verhinderte die Reparationsleistung. Mit der Erklärung: "Luiz Adriano hat mir gesagt, dass ihn sein Instinkt als Stürmer dazu gebracht hat, das Tor zu machen", mühte Lucescu ("Ich entschuldige mich") sich hinterher indigniert, die eindeutig unfaire Aktion zu relativieren. Adrianos Gegenspieler aufseiten des dänischen Meisters, Jores Okore, erschien diese putzige Argumentation eher abwegig: "Ich hatte große Lust, ihn umzuhauen." Was wiederum auch nicht eben fair gewesen wäre.

Dass Schachtjor Donezk die Partie beim dänischen Fußballmeister letztlich klar gewann, kaschiert nicht die Frage: Wie weit ist es her mit Fair Play im Profifußball? Gilt die zynische Deutung des Kabarettisten Dieter Hildebrandt, der einmal gesagt hat: "Fair Play bedeutet, das Foul so versteckt zu machen, dass der Schiedsrichter es nicht sieht"? Ist die allgemeine Entrüstung über Adrianos vermeintlich dreiste Verfehlung nicht bigott angesichts vieler Nickeligkeiten und taktischer Fouls im Spiel, die euphemistisch als Cleverness ausgelegt werden?

Überhöhung statt Gelassenheit

In einer Studie hat der Sportsoziologe Gunter Pilz vor rund zehn Jahren die "Einstellung zum Fair Play von C- und B-Jugend-Bezirksligaspielern" untersucht. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus und im Kern folgendermaßen: Je länger ein Kind Fußball spielt, desto mehr versteht es unter Fairness, dass Regelverletzungen bis zu einem gewissen Grad tolerierbar sind. "Fairness ist, einen Gegner nicht ohne Grund foulen", lautete stellvertretend die Handlungsmaxime eines Jungen. Pilz betont in der Studie die Rolle der Trainer. Leben sie Fair Play vor und beachten sie die Einhaltung, wirkt sich das positiv auf ihre Schützlinge aus.

Auf der öffentlichen Bühne des Leistungssports hingegen wird fairen Gesten bisweilen wenn nicht bloß mit Erstaunen, so doch zusätzlich mit Überhöhung begegnet. Miroslav Klose (34) etwa erhielt im Oktober vom Deutschen Fußball-Bund eine Fair-Play-Medaille, nachdem er in einem Ligaspiel mit Lazio Rom ein Handtor zugegeben hatte. Seine Mannschaft verlor am Ende 0:3, Klose gewann (noch mehr) Sympathien. Allerdings mahnt der Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette: "Eine Fair-Play-Moral, die nur auf der Vorderbühne für Festtagsreden genutzt wird, hilft überhaupt nicht. Die Haltung muss in die Innerlichkeit der Akteure übergehen."

Unterm Strich steht eine Erkenntnis, die die Werte des Sports erodieren lässt: Der Ehrliche ist der Dumme. Gerade dieser bittereren Erfahrung sollten Sportverbände keinen Vorschub leisten, warnt die Juristin Sylvia Schenk, Ex-Präsidentin im Bund Deutscher Radfahrer und Vorstandsmitglied von Transparency International Deutschland. Sie sagt: "Der Sport unterläuft seinen Fair-Play-Ansatz selber, wenn er auf der Führungsebene den positiven Entwicklungen in anderen Bereichen, wie der Wirtschaft, hinterherhinkt. Er hat besondere Verantwortung."

Insofern hoffen die Dänen nicht zu unrecht auf eine nachträgliche Bestrafung des "Schachtjor-Schurken" ("Extrabladet") durch den zuständigen Verband, in diesem Fall die Uefa. Und die hat gestern prompt ein Disziplinarverfahren gegen den Brasilianer eröffnet. Die Uefa beschuldigt den Stürmer, gegen Artikel 5 des Uefa-Disziplinarreglements verstoßen zu haben. Darin heißt es, dass Spieler sich "loyal, integer und sportlich zu verhalten" haben. Gegen diese Statuten verstößt unter anderem, wer "sich beleidigend verhält oder in anderer Weise elementare Anstandsregeln verletzt." Der Fall Adriano wird am kommenden Dienstag von der Kontroll- und Disziplinarkammer der Uefa behandelt.

Morten Olsen fordert Sperre

"Ich weiß nicht, was angemessen ist", sagte Trainer Caspar Hjulmand: "Aber wenn wir es mit Fair Play im Fußball ernst meinen, müssen wir gegen so etwas hart vorgehen. In meiner Welt war dies ein unsportliches Verhalten, und eine Rote Karte wäre angemessen gewesen." In einem ähnlich gelagerten Fall wurde ein Spiel des englischen FA Cup 1999 zwischen dem FC Arsenal und Sheffield United übrigens wiederholt. Kapitän Nicolai Stokholm fühlte sich jedenfalls betrogen: "Ich habe auf meine Armbinde herunter geschaut. Da steht etwas von Respekt. Davon haben wir nicht viel gesehen." Noch weiter ging der dänische Nationalcoach Morten Olsen, der schimpfte: "Dafür sollte es mehrere Spiele Sperre geben. Alles andere wäre eine Bankrotterklärung."