Hertha BSC

Ein Tor für den Frieden

Herthas Angreifer Ben Sahar widmet sein Siegtor gegen St. Pauli seinen Landsleuten in Israel, die vom Krieg bedroht sind

- Es sind Tage zwischen Jubel und Furcht für Ben Sahar. Am Montagabend erzielte Herthas israelischer Angreifer das späte Siegtor für die Berliner beim völlig verdienten 1:0 gegen den FC St. Pauli. Als der 23-Jährige einer Schar von Journalisten beschrieb, wie wichtig dieser Treffer für ihn war, zog ein dickes Grinsen über sein Gesicht.

Doch am Morgen danach wich diese Freude über den persönlichen Erfolg wieder der Angst um seine Freunde und Familie in Israel. Seit vergangener Woche fallen Bomben auf Sahars Heimatland. Tel Aviv, wo er einst für Hapoel gespielt hatte, wird von der Hamas mit Raketen beschossen. Auch in der Nähe von Cholon, dem Ort, in dem Sahar groß gezogen wurde und in dem noch ein Teil seiner Familie lebt, fallen Bomben. Der jüngste Gaza-Konflikt droht zu eskalieren. Israel mobilisiert seine Truppen und kein Tag vergeht ohne Meldungen über Verletzte und Tote auf beiden Seiten. Junge Männer, die genauso alt sind wie Herthas Angreifer, rüsten sich für einen Krieg: "Zur Zeit ist es sehr schwer für mich", sagte Sahar der Morgenpost. "Ich spreche jeden Tag mit meiner Familie und meinen Freunden dort drüben und verfolge die Nachrichten." Der streng gläubige Jude, der selbst einen Teil des Militärdienstes absolviert hat, ist mit den Gedanken bei seinen Angehörigen: "Ich weiß was sie durchmachen und bete jeden Morgen für sie." Er hoffe, dass der Konflikt bald ein Ende haben wird. "Ich wünsche mir Ruhe und Frieden für alle Leute in meinem Land."

Sport als Ablenkung

Mit Momenten wie jenem am späten Montagabend, als Sahar für seinen neuen Arbeitgeber die wichtigen drei Punkte im Rennen um die Aufstiegsplätze sicherte, versucht er den Menschen in seiner Heimat Mut zu machen: "Ich widme dieses Tor allen dort drüben, denen es jetzt schlecht geht. Wenn ich ihnen in diesem Augenblick ein bisschen Freude bereiten konnte, dann ist das sehr viel wert für mich", sagte der Hertha-Stürmer. Die Israelis bräuchten Ablenkung in diesen schweren Tagen, so Sahar. Dafür könne auch der Sport eine große Hilfe sein.

Für Freude in seiner Heimat konnte Ben Sahar bereits am vergangenen Spieltag der Zweiten Liga sorgen. Bei Herthas fulminantem 6:1 in Sandhausen erzielte der dribbelstarke Offensivspieler sein erstes Tor für Hertha. Es war der Anfang eines Aufwärtstrends für den Fußballprofi Sahar, der seit seinem Wechsel nach Berlin in der Sommerpause Probleme hatte, seinen Platz in der neuen Mannschaft zu finden. Zusammen mit den Bundesliga-erfahrenen Stürmern Sami Allagui und Sandro Wagner wurde er an einem einzigen Tag verpflichtet, um die Harmlosigkeit im Angriff der Berliner aus der vergangenen Abstiegssaison zu beheben. Doch zurecht fand sich Sahar zunächst nicht. In den ersten vier Saisonspielen kam er kein einziges Mal zum Einsatz. Beim Heimsieg gegen Aalen am fünften Spieltag wurde er zwar erstmals für ein paar Minuten eingewechselt, durfte danach aber bei weiteren vier Partien wiederum nur zuschauen. "Das war schwer für mich", sagte Sahar. "Ich brauchte viele Wochen, um mich einzugewöhnen."

Weil Sahar in seinem Klub aber keine Spielpraxis bekam, verlor er auch seinen Platz in der israelischen Nationalmannschaft. Dabei hatte er seit seinem 17. Lebensjahr für seine Heimat gespielt, wurde zuletzt aber mehrfach nicht mehr eingeladen. "Ich konnte das verstehen. Aber ich war immer sehr stolz, für mein Land spielen zu dürfen. Deshalb war ich unglücklich mit meiner Situation."

Nach zwölf Spieltagen in der Liga und insgesamt nur 13 mageren Minuten als Einswechselspieler hatte Sahar genug. Enttäuscht über seine aussichtslose Lage sagte er: "Wenn sich nichts ändert, muss ich über meine Zukunft nachdenken." Für Hertha hatte er ein höher dotiertes Angebot vom österreichischen Klub Red Bull Salzburg ausgeschlagen und war mit großen Erwartungen nach Berlin gekommen. Nun wuchs in seinem Umfeld die Ungeduld, und sein Berater sondierte bereits den Markt. Die Zeichen standen schon wieder auf Abschied.

Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Sahar seine Zelte bei einem Verein frühzeitig wieder abbricht. Nachdem er von seinem Ausbildungsklub Hapoel Tel Aviv 2006 in die Jugendabteilung des FC Chelsea gewechselt war und bereits mit 17 Jahren sein Debüt in der Premier League gegeben hatte, begann für Sahar eine Odyssee durch Europa. Eine Hinrunde lang versuchte er es beim Stadtrivalen Queens Park Rangers. Zur Rückrunde spielte das Talent kurzzeitig bei Sheffield Wednesday vor, um ein halbes Jahr später an den FC Portsmouth ausgeliehen zu werden. Nirgendwo fasste Sahar Fuß. Wie einen Wandervogel zog es ihn über den niederländischen Verein De Graafschap weiter nach Spanien zu Espanyol Barcelona, zurück nach Tel Aviv bis zum AJ Auxerre nach Frankreich. Als er im Sommer einen Zweijahresvertrag bei Hertha unterschrieb, war es bereits sein neunter Klub in fünf Jahren. Nach seinen zwei Treffern in den vergangenen beiden Spielen scheint der Wandervogel nun jedoch in Berlin angekommen zu sein. "Diese Tore waren unglaublich wichtig für mich persönlich. Ich habe jetzt eine bessere Bindung zum Team", sagte Sahar: "Ich hoffe, dass ich jetzt häufiger spielen werde."

Pekarik wird operiert

Und in der Tat könnte Sahar schon bald eine neue Chance bekommen. Gegen St. Pauli verletzte sich Rechtsverteidiger Peter Pekarik kurz vor Schluss schwer an der Schulter. Zwar wurde das ausgekugelte Gelenk noch in der Nacht unter Narkose wieder eingerenkt, doch eine Untersuchung am Dienstag ergab, dass der Slowake noch heute in München operiert werden muss. Damit fällt Pekarik mindestens bis Jahresende aus. Da Christoph Janker, Herthas etatmäßiger Ersatzmann rechts in der Viererkette, aber nach einer komplizierten Leistenverletzung noch nicht wieder zur Verfügung steht, wird Herthas Trainer Jos Luhukay beim schweren Auswärtsspiel in Aue am Sonntag aller Voraussicht nach Marcel Ndjeng aus dem Mittelfeld in die Abwehr zurückbeordern. "Es ist sehr schade für Peter. Marcel hat seine Position bereits erfolgreich gespielt. So viele andere Optionen haben wir derzeit nicht", sagte Luhukay am Dienstag.

Übernimmt Ndjeng tatsächlich Pekariks Position, ist dessen Platz frei, und Ben Sahar winkt plötzlich sogar sein Startelfdebüt. "Ich bin bereit und will spielen. Das ist mein nächstes Ziel." Vielleicht gelingt es ihm dann erneut, mit einem Tor den gebeutelten Menschen in Israel einen Moment der Freude zu schenken.