Motorsport

Psycho-Spielchen vor dem Showdown in Sao Paulo

Im WM-Finale der Formel 1 wünscht sich Herausforderer Alonso Regen in Brasilien. Und Vettel sorgt sich um seine Lichtmaschine

- Ihre vorbereiteten T-Shirts zogen sie schließlich trotzdem an. Etwa eine Stunde nach Sebastian Vettels zweitem Platz beim Großen Preis der USA in Austin versammelte sich die Red-Bull-Crew noch einmal in der untergehenden texanischen Sonne und posierte feierlich uniformiert für die Fotografen. Die Neigung von Sebastian Vettels Kopf, mit der er zuvor durch die Boxengasse geschlurft war, hatte ja fast etwas vergessen lassen, dass der österreichische Rennstall trotzdem Grund zu feiern hatte vor der Weiterreise nach Sao Paulo in Brasilien. Zum dritten Mal hintereinander sicherte sich Red Bull die Meisterschaft der Formel-1-Konstrukteure. "Das ist eine Leistung, die nur sehr, sehr wenige in diesem Sport geschafft haben", stellte Teamchef Christian Horner deswegen noch einmal klar: "Wir haben allen Grund, stolz zu sein."

Auch sein prominentester Pilot war penibel darauf bedacht, diese historische Mannschaftsleistung im Moment der eigenen Ernüchterung zu honorieren. "Heute ist ein großer Tag. Ich freue mich riesig für die Jungs, die hier immer wieder so einen großartigen Job machen", sagte Vettel. Allerdings war er vorher nach dem sich zuspitzenden Kampf mit Fernando Alonso in der Fahrer-Wertung gefragt worden. Seine ausweichende Antwort war insofern ein guter Indikator dafür, wie sehr der Frust über die verpasste vorzeitige Entscheidung auch eine Weile nach dem Rennen noch an ihm nagte.

Eine einzige Einladung habe man an McLaren-Star Lewis Hamilton erteilt, klagte der 25-Jährige später: "Die hat er dann dankend angenommen." Selten hat ein Pilot aus seiner Unterlegenheit in Training und Qualifying - teilweise war der Brite mehr als eine Sekunde pro Runde langsamer als der amtierende Weltmeister - so viel Kapital geschlagen wie jetzt Hamilton. "Das war vermutlich das schönste Grand-Prix-Wochenende der ganzes Saison", jubelte der Überraschungssieger deshalb, "hier zu gewinnen, ist etwas ganz Besonderes."

Neue Zuversicht beim Spanier

Bereits das ganze Wochenende über hatte der 27-Jährige betont, wie gut ihm die Dienstreise über den Atlantik gefallen habe. Im Rennen ließ er dann wirklich Taten sprechen. "Ich habe den Sieg mehr gewollt als Sebastian", vermutete. Vielmehr war es wohl so, dass der Deutsche keine Kollision riskieren wollte und stattdessen lieber die 18 WM-Punkte für Rang zwei einsackte. Nebenbei wahrte Hamilton mit seinem vierten Saisonsieg (einer mehr als Alonso) auch seine Chance, doch noch Gesamt-Dritter zu werden. Sein Rückstand auf den in Austin sechstplatzierten Kimi Räikkönen beträgt vor dem Showdown in Brasilien 16 Punkte.

Alonsos Rückstand auf Vettel umfasst nur drei Zähler weniger. Das sind zwar immer noch drei mehr als vor dem Rennen in den USA, überhaupt lag er in dieser Saison nie weiter hinter dem 25-Jährigen zurück. Trotzdem schöpft der Spanier große Zuversicht aus dem für ihn nahezu perfekt verlaufenen Rennen. Gewinnt er in Brasilien und Vettel kommt nicht unter die ersten Vier, ist der Mann aus Oviedo zum dritten Mal Weltmeister. Das Podium darf er allerdings selbst im Falle eines Ausscheidens des deutschen Titelverteidigers nicht verfehlen. Alonso steht vor einer hohen Hürde. Dass er andererseits beim Saisonfinale überhaupt noch eine Chance hat, ist das Maximum, das er erreichen konnte.

Neue Zweifel beim Deutschen

"Meine Chance beträgt auf dem Papier vielleicht 25 Prozent", sagte Alonso verschmitzt, als er nach dem Rennen zurück in die Ferrari-Box stiefelte: "Aber für mich fühlt sie sich viel größer an." Und fügte als Begründung an: "Wer weiß: Vielleicht regnet es ja. Diese Saison hat gezeigt, dass alles passieren kann. Und wir haben schließlich nichts zu verlieren." Die für den kommenden Sonnabend vorhergesagte Regenwahrscheinlich beträgt zur Zeit des Qualifyings tatsächlich 99 Prozent, für das Rennen sind 60 Prozent angekündigt. Alles, was einen regulären Ablauf stören könnte, ist gut für den Spanier, der auch in Brasilien im unterlegenen Auto sitzen wird. In Austin lag er am Ende mehr als eine halbe Minute hinter Vettel - das sind Welten in der Formel 1.

Als Christian Horner später am Nachmittag zur Analyse bat, wirkte er sehr aufgeräumt. "Es ist wichtig, dass wir als Führende in das Finale gehen", sagte er mit ruhiger Stimme, "das gibt uns mehr Möglichkeiten." Er wirkte sehr bemüht, den Eindruck der Enttäuschung bei Red Bull nicht noch zu verstärken. Gemeinsam mit seinem Team-Kollegen Mark Webber müsse Vettel nur dafür sorgen, dass Alonso nicht zu weit davonzieht - oder im besten Fall hinter ihm bleibt. So einfach ist das mit dem WM-Hattrick.

Darüber hinaus spricht auch die Statistik für Horners Fahrer: 2010 gewann Vettel im Autodromo Jose Carlos Pace, die letzten drei Siege auf dem fordernden Kurs gingen allesamt an Red Bull. Alonso hingegen konnte in seiner Karriere noch nie in Brasilien triumphieren. Dass Vettel zuletzt die ersten vier Positionen verpasste, ist auch schon mehr als zwei Monate her: In Monza musste er wegen der Überhitzung der Lichtmaschine aufgeben. Der Gedanke daran dürfte dem Heppenheimer jedoch einige Kopfschmerzen bereiten. Wegen des identischen Defekts schied in Austin nämlich sein Stallgefährte Webber aus.

"Sicher gibt es bei uns jetzt einige Sorgen wegen unserer Zuverlässigkeit", gestand der Australier anschließend. Schon vor dem Großen Preis von Singapur hatte die Teamspitze ihren Motorenlieferanten Renault dazu aufgefordert, den Hersteller des Licht-Aggregats zu wechseln. Das geschah nicht, stattdessen wurde ein Modell aus einer älteren Serie in die Autos eingebaut. Seitdem schien das Problem, das vor allem bei einer zu geringen Kühlung durch Fahrtwind bei Höchstgeschwindigkeit auftritt, behoben. In Texas kam nun wieder das neuere Modell zum Einsatz; prompt traten die Probleme wieder auf. "Die Zuverlässigkeit ist eine heikle Sache", sagte Red-Bull-Designer Adrian Newey: "Renault hat noch keine Lösung für das Problem gefunden." Viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr dafür.