Torwart

Tanz auf der Rasierklinge

Wie sich Manuel Neuer von dem Flatterball gegen Nürnbergs Feulner erholt und andere Torhüter ihren Stress bewältigen

- Dieser Tage hat Jupp Heynckes behauptet: Der Job des Trainers beim FC Bayern ist der zweitschwerste in Deutschland - hinter dem der Bundeskanzlerin. Da kann Manuel Neuer nur lachen. Oder ist auf Angela Merkel je ein Ball mittels einer so perfiden Flugkurve gepfeffert worden wie am Sonnabend dieser Flatterball von Feulner in Nürnberg, oder auf den Bayern-Trainer draußen auf seiner überdachten Bank mit den beheizten Sitzen?

Ein Torwart muss heutzutage Augen vorn und hinten haben, und er hat keine ruhige Minute. Moskaus Dynamo-Schlussmann Schunin wurde übers Wochenende von Feuerwerkskörpern getroffen und das Spiel gegen Zenit St. Petersburg abgebrochen. In Südafrika flogen Steine gegen den Mannschaftsbus von Sambia - die Glassplitter trafen den Torwart Kennedy Mweene dermaßen, dass er an Ort und Stelle genäht werden musste.

Den Job des Torwarts hätte Heynckes also nicht vergessen dürfen, als er die Kanzlerin und sich bedauerte. Die Torhüter sind am ärmsten dran, vor allem in der Bundesliga darf keiner ein Nickerchen halten oder die Seele baumeln lassen, sonst ist er bei diesem Überangebot an starken Rivalen seinen Job sofort los. Der Druck ist jedenfalls größer als der Genuss - "ich habe Dreck gefressen", fasste neulich Rene Adler vom HSV seine vergangenen zwei Jahre zusammen.

Ablenkung mit Modelleisenbahn

Aber bleiben wir noch kurz bei Neuer. "Wollen Sie mich verarschen?", hat er den ARD-Reporter in Nürnberg angemeckert, als der von einem Patzer sprach - aber wie lässt ein amtlich anerkannter Toreverhinderer Nummer eins, wenn die Kugel so um die Kurve kommt, darüber hinaus noch Luft ab? Wie verbringt er den Abend? Gießt er sich fünf Bier hinter die Binde, sperrt er sich im Keller weg, spielt er mit der Modelleisenbahn? Lachen Sie nicht! Frank Rost, der lange einer der Besten war, hat an einem unvergessenen Abend im ZDF-Sportstudio packend geschildert, wie er sich mit seiner Eisenbahn vom Stress erholt.

Adler hat seine Ängste dieser Tage geschildert. Der Druck hat ihn zeitweise fast depressiv werden lassen. Vor zwei Jahren war er die deutsche Nummer eins, aber nicht zur WM nach Südafrika ist er geflogen, sondern senkrecht ins Nichts abgestürzt: gestern Torwächter, plötzlich Nachtwächter. "Der Boden unter den Füßen war weg", sagt Adler. Jetzt ist der Albtraum beendet, er ist wieder oben, auf Augenhöhe mit Neuer, während Letzterer schon stabiler daherkam. Macht ihm der Adler im Nacken zu schaffen?

Das Torwartleben ist kompliziert. Auch auf Schalke. Dort zittert Lars Unnerstall seit Wochen, denn drei gleich starke Torhüter sind zwei zu viel. Timo Hildebrand, sein schärfster Rivale, hat es einmal so gesagt: "Unser Job ist ein Tanz auf der Rasierklinge." Extremsport. Wie Bergsteigen. Die Luft da oben ist dünn, der Grat schmal, und der Torwart ist einsam - er treibt sein Unwesen dann gern als Extremist, Eigenbrötler, Einzelkämpfer oder Egoist, geimpft mit dem Vitamin E der Einzelhaft. Seine Zelle ist ein 7,32 Meter breiter und 2,44 hoher Käfig ohne Bett - denn schlafen darf er keine Sekunde, die Rivalen warten nur drauf. Ein Fehlgriff, und weg - das ist viel Druck für einen 22-Jährigen, und damit Unnerstall ihn aushält, ist es kein Fehler, wenn ihm sein Vordermann Kyriakos Papadopoulos nach einer hübschen Parade gelegentlich einen dicken Kuss auf die Wange gibt.

Als Roman Weidenfeller neulich in Madrid in letzter Minute widerstandslos Özils Freistoß reinließ, log Dortmunds Trainer Jürgen Klopp: "Wenn er eine richtige Torwartbewegung macht, haut er sich den Kopf blutig." Nein, wenn er eine richtige Torwartbewegung gemacht hätte, hätte er das 2:2 verhindert - aber Klopp musste seinen Torhüter stark reden.

Fast hätten wir Tim Wiese vergessen. Das ist auch einer von denen, die sich in dieser Saison öfter mal fragen, warum sie nicht etwas Gescheites gelernt haben. Erst wurde der Hoffenheimer von Jogi Löw degradiert, und in der Liga kommt er sich seither häufig vor wie die Zielscheibe in einer Schießbude - womöglich sollte Wiese seine alten Hobbys wieder intensiver pflegen: Zwei Modellflieger hat er früher begeistert steigen lassen, drei Meter lang, zwei Meter Spannweite, und dann war da noch ein Meerwasser-Aquarium für 500 Liter. Für einen Torwart unter Stress gibt es nichts Schöneres, als farbigen Fischen beim Schwimmen zuzuschauen. Wie entspannt Manuel Neuer? Irgendein Ventil sollte er jedenfalls pfeifen lassen gegen den Überdruck nach diesem Flatterball von Feulner, der ihm da plötzlich um die Ohren geflogen kam wie eine krumme Gurke.