Nationalmannschaft

Der Prinz fliegt aus dem Chemiebaukasten

Lukas Podolskis Chancen auf einen Stammplatz in der Nationalelf werden immer geringer

- Enttäuschungen scheinen Fußballspieler am besten im Mannschaftsbus verarbeiten zu können. Als Zoltan Sebescen am 23. Februar 2000 bei seinem Debüt für Deutschland so oft ausgespielt wurde, dass Bundestrainer Erich Ribbeck ihn zur Pause vom Feld nahm und damit die internationale Karriere des Verteidigers auch gleich wieder beendete, verkroch der sich umgehend im Bus. An derselben Stelle endete in den Katakomben der Amsterdam-Arena auch für Lukas Podolski einer seiner bittersten Tage im Kreis der Fußball-Nationalmannschaft.

Über geheime Wege war der 27-Jährige nach dem 0:0 gegen die Niederlande um die Interviewzone mit den Journalisten herum zum Bus geschlichen. Bloß schnell weg. Dabei gab es einige Fragen, schließlich hatte Joachim Löw seinen einstigen Liebling 72 Minuten auf der Reservebank sitzen lassen. In einer Partie, in der neun Stammspieler gefehlt hatten, darunter Miro Klose und Mario Gomez, die etatmäßigen Mittelstürmer. Doch statt seinen mit 106 Länderspieleinsätzen erfahrensten Mann zu bringen, wagte Löw lieber ein Experiment und ließ Mario Götze in der Spitze agieren. Eine ungewöhnliche Entscheidung, dort auf einen gelernten Mittelfeldspieler anstelle Podolskis zu setzen.

Der hatte erst kürzlich angemerkt, dass er sich vorstellen könne, von seiner angestammten linken Seite wieder in die Sturmspitze zu wechseln. Auf links kommt er nicht an Marco Reus vorbei. Der Dortmunder hat dem Profi des FC Arsenal nach der Europameisterschaft den Rang abgelaufen. Dort hatte Podolski schwach gespielt, und Löw scheint sich anschließend Gedanken gemacht zu haben, ob er noch uneingeschränkt Verwendung für ihn hat. Offenbar ist der Bundestrainer bei diesen Überlegungen zu einem negativen Schluss gekommen.

Bei den Beobachtern, die das deutsche Team nach Amsterdam begleitet hatten, wurde Podolskis Nichtberücksichtigung für die Startelf nahezu unisono als Affront gegen den ehemaligen Kölner ("Prinz Poldi") gedeutet. Wenn neun Spieler fehlen und Podolski trotzdem nicht spielt, ist das ein klares Zeichen, wo Löw den Londoner derzeit sieht. Dass es der Anfang vom Ende der bisher so ruhmreichen Nationalmannschaftskarriere des Instinktstürmers ist, wie bereits gemunkelt wird, darf vorerst aber noch bezweifelt werden.

"Lukas hat in England eine gute Entwicklung genommen. Wir können ihn allemal immer gut gebrauchen", sagte Löw nach dem Spiel und konterkarierte damit seinen Matchplan. Denn im Niederlande-Spiel schien er ihn ja eben nicht zu benötigen. "Seine Zeit wird auch wieder kommen", sagte Löw zudem und erklärte, dass er sich für Götze entschieden habe, weil der so gut den Ball mit dem Rücken zum Tor annehmen könne, um dann aus der Drehung zu schießen. So brachte die vermutlich langweiligste Partie in der jüngeren Länderspielgeschichte zumindest eine Geschichte hervor. Durch die Absagen wichtiger Schlüsselspieler auf beiden Seiten war die Partie nämlich zum öffentlichen Großversuch verkommen. Die Trainer Löw und Louis van Gaal hatten experimentiert wie zwei Pennäler mit ihren neuen Chemiebaukästen.

So stand das letzte Länderspiel irgendwie symbolisch für das gesamte Fußballjahr 2012: Irgendwie weiß niemand so genau, wo das Team von Bundestrainer Joachim Löw wirklich steht. Der makellosen EM-Qualifikation und den drei Siegen in der stärksten Vorrundengruppe steht das enttäuschende Ausscheiden gegen Italien im Halbfinale des Turniers gegenüber. Und natürlich das 4:4 nach 4:0-Führung gegen Schweden. Mit vier Niederlagen, zwei Remis und acht Siegen gab es die schlechteste Jahresbilanz seit 2004. Mehr Niederlagen (5) hatte die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes zuletzt 1984 hinnehmen müssen.

Joachim Löw hat aus dem Spiel in Amsterdam dennoch "wichtige Erkenntnisse" gewonnen, sagte er. Er habe gesehen, dass seine Mannschaft positionstreu, kompakt und diszipliniert gespielt habe. Auch sein Rivale van Gaal gab bekannt, zufrieden zu sein: "Ich habe das Spiel richtig genossen." So hat der Langweiler immerhin zwei Menschen zufrieden gemacht.