Interview

"Das Nein zu Gewalt und Rassismus ist nicht verhandelbar"

DFL-Chef Rauball über Fanverhalten und Zwanzigers Buch

- Es sind ereignisreiche Zeiten für den deutschen Fußball. Zunehmende Fangewalt, üppiges Fernsehgeld - und ein früherer DFB-Präsident, der mit einem umstrittenen Buch für Furore sorgt. Viel Arbeit für Reinhard Rauball, den Präsidenten des Ligaverbandes DFL. Mit dem 65-jährigen Juristen sprach Morgenpost-Redakteur Lars Wallrodt

Berliner Morgenpost:

Am Donnerstag gab der Ligavorstand bekannt, das Positionspapier "Sicheres Stadionerlebnis" deutlich entschärft zu haben. Warum sind Sie zurückgerudert?

Reinhard Rauball:

Wir sind nicht zurückgerudert. Wir sind kein Gesetzgeber, sondern empfehlen den Profivereinen nur bestimmte Inhalte und Strukturen. In diesem Fall haben wir das Papier "Sicheres Stadionerlebnis" aufgrund von Signalen erstellt, die von der Innenministerkonferenz ausgesendet worden sind. Dort wurde unmissverständlich gefordert, dass der Fußball sich intensiver dem Thema Gewalt widmen und nicht nur über Maßnahmen reden soll, sondern auch welche liefern muss. Was sonst droht, wurde ja ebenfalls von den Politikern formuliert. Zum Beispiel, dass die Vereine für die Kosten der Polizeieinsätze aufkommen müssen. Dass gegebenenfalls Bundesligaspiele abgesagt werden, wenn die Sicherheit nicht gewährleistet werden kann.

Die Reaktionen der Fans und zum Teil auch der Vereine auf das erste Konzept war verheerend. Hat die Liga überreagiert?

Nein. Gerade weil wir nicht allen Forderungen von Politik und Polizei nachgeben wollen, braucht der Fußball unbedingt eine eigenständige Position. Das Positionspapier wurde von Praktikern aus den Klubs erstellt und war eine Diskussionsgrundlage, auf Basis derer die Vereine mit ihren Fanorganisationen und Gremien diskutieren sollten. Das war von Anfang an so angelegt.

Einige Klubs haben es abgelehnt.

Das stimmt, und es ist selbstverständlich, dass wir die Reaktionen in die Weiterentwicklung des Konzepts einfließen lassen. Bis zum 22. November können die Vereine es noch einmal diskutieren, dann hoffe ich, dass wir bis zum 12. Dezember mehrheitsfähige Anträge für die Mitgliederversammlung zustande bringen.

Die Politik macht Druck. Ist das die letzte Chance des Fußballs, seine Autonomie zu erhalten?

Im Grundgesetz wird den Verbänden und Vereinen garantiert, dass sie ihre Angelegenheiten selbst regeln können. Hier stehen wir in der Verantwortung. Diesen Spielraum dürfen wir nicht verlieren, darum müssen wir den schmalen Grat finden, der uns das Einverständnis der Innenminister und gleichzeitig die Autonomie des Sports sichert.

Inwiefern werden die Fans in diesen Prozess integriert?

Unser Konzept stellt die Prävention und den Dialog in den Vordergrund. Die Vereine sollen den Dialog mit den Fans pflegen. Das haben wir in der Neufassung noch einmal deutlich herausgestrichen. Die AG Fanbelange, in der große Fanorganisationen vertreten sind, wurde bereits gehört. Eine erneute Diskussionsrunde ist kurzfristig geplant.

Hat es Sie enttäuscht, dass Vereine wie Union Berlin oder der VfL Wolfsburg sich effektheischend gegen den ersten Entwurf gestellt haben.

Grundsätzlich hätte ich mir eine mehr interne Diskussion gewünscht als eine über die Medien. Dadurch ist ein falsches Bild entstanden, das sich an einigen Stellen verselbständigt hat. Viele Vereine haben das Konzept offenbar nicht so verstanden, wie es angedacht war. Es gab eine Kategorie, die unverzichtbar war und auch bleibt. Das ist das Nein zu Gewalt, Rassismus, Antisemitismus und Pyrotechnik. Das ist nicht verhandelbar. Andere Punkte waren als Empfehlung vorgeschlagen.

Deutlich angenehmer als die Auseinandersetzung mit den Fans dürfte die Verteilung der Mehreinnahmen aus dem neuen Fernsehvertrag gewesen sein - immerhin 216 Millionen Euro mehr als bisher für vier Jahre. Sind alle Vereine zufrieden?

Ja. Die Liga hat mit dem Beschluss erneut Solidarität gezeigt, sowohl innerhalb der Bundesliga als auch gegenüber der Zweiten Liga, die einen deutlich höheren Anteil bekommt, als es ihrem realen Vermarktungswert entspricht. So ein Miteinander der Ligen ist in Europa einmalig.

Wolfgang Holzhäuser, Leverkusens Geschäftsführer, äußerte jüngst den Vorschlag, die Mehreinnahmen nicht den Klubs zuzuführen, sondern damit andere Sportverbände zu unterstützen.

Zum Zeitpunkt der Entscheidung lag dem Ligaverband kein solcher Antrag von Herrn Holzhäuser vor, und der liegt auch heute nicht vor. Wir unterstützen über die Bundesliga-Stiftung bereits unter anderem die Deutsche Sporthilfe. Sollte es den Wunsch von Herrn Holzhäuser geben, daran etwas zu ändern, mag er einen konkret strukturierten Antrag stellen. Da ich weiß, dass es Vereine gibt, die auf jeden Euro angewiesen sind, wage ich zu bezweifeln, dass sein Vorschlag auf große Gegenliebe stoßen wird.

Wir können dieses Interview nicht beschließen ohne eine Frage nach dem Buch von Theo Zwanziger. Die Autobiografie des ehemaligen DFB-Präsidenten hat für reichlich Wirbel gesorgt. Was sagen Sie dazu?

Wir haben gerade im Ligavorstand darüber gesprochen und missbilligen, dass Theo Zwanziger wichtige Interna herausgegeben hat. Wir müssen deutlich die Frage stellen, ob das für einen ehemaligen DFB-Präsidenten und ein noch aktives Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees angemessen ist.