Interview mit Bernd Henneberg

"Im Deutschen Schwimmverband gab und gibt es kein Konzept"

Mit Bernd Henneberg redet erstmals ein Trainer Klartext

Das Entsetzen war groß, als die deutschen Schwimmer ohne Olympiamedaille aus London heimkehrten. Nun stehen beim Verbandstag des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) Neuwahlen an, einen Gegenkandidaten für die seit 2000 amtierende Christa Thiel gibt es jedoch nicht. Bernd Henneberg, der in Magdeburg Dagmar Hase und Antje Buschschulte zu Olympiasieg und Weltmeistertiteln führte, betrachtet das Geschehen seit kurzem als pensionierter Trainer. Der 67-Jährige hat den Sport in zwei Gesellschaftssystemen kennengelernt: 21 Jahre in der DDR (Mitwirkung beim Staatsdoping gab er bereits 1993 zu), 22 Jahre in der Bundesrepublik. Mit ihm sprach Melanie Haack.

Berliner Morgenpost:

Können Sie uns das Debakel von London erklären? Waren es die falschen Bundestrainer, die Heimtrainer zu eigensinnig oder woran lag es?

Bernd Henneberg:

Es ist sicherlich kompliziert, alle Heimtrainer unter einen Hut zu bringen - aber machbar. Mit dem Abstand einiger Jahre hat es Ralf Beckmann, der 2001 bis 2006 im Amt war, am besten gemacht. Danach hat der Norweger Örjan Madsen seinen Plan nicht konsequent genug bis Peking 2008 durchgezogen. Ihm fehlte die Beharrlichkeit. Madsen war nicht die Idealbesetzung, auch wenn viele optimistisch waren. Und Dirk Lange war von vorneherein eine Fehlbesetzung. Er ist kein Team-Player, er kann nicht integrativ wirken und hatte bei Amtsantritt keine Strategie für die Olympiavorbereitung 2012 - das war die schlechteste Lösung, die der Verband wählen konnte.

Das alles ist aber nicht der Hauptgrund, weshalb in drei Olympiazyklen die Wende verpasst wurde.

Das große Problem - nicht nur des Schwimmsports - ist, dass man sich nicht professionell auf Topevents vorbereitet. Olympische Spiele sind alle vier Jahre - da muss es ein Konzept geben. Wie sieht die Vorbereitung aus? Welche Maßnahmen sind nötig, mit welchen Trainern? Und der Kaderkreis muss rechtzeitig ausgewählt werden. Wir befinden uns jetzt nicht mal mehr zu Beginn des neuen Olympiazyklus, und es gibt kein Konzept. Das ist unglaublich. Wenn ich an unsere Vorbereitung auf London denke, kocht es in mir. Die Trainer haben fast alles selbst organisiert. Ich finde das amateurhaft vom Verband. Es gibt und gab kein Konzept. Wenn wir so weitermachen, kämpfen wir in vier Jahren um Halbfinalplätze.

Eine Expertenkommission soll erst neue Strukturen diskutieren, doch die Zusammensetzung hat viele verwundert.

Experten von außerhalb können sehr hilfreich sein. Aber es müsste dann doch jemand aus einer erfolgreichen, auf Ausdauer ausgerichteten Individualsportart sein - vom Kanusport und Rudern oder aus der Leichtathletik. Das ist aber nicht der Fall. Und: Als einziger Schwimmexperte ist Freiwasserathlet Thomas Lurz involviert. Kein Trainingswissenschaftler und kein Schwimmtrainer ist dabei. Das ist für mich unbegreiflich. Wenn wir so weitermachen, kämpfen wir in vier Jahren um Halbfinalplätze. Ich hatte angenommen, dass spätestens zur DSV-Auswertungstagung Mitte September der Schalter umgelegt und nach neuen Wegen gesucht wird.

Die Kommission soll im November Strukturvorschläge machen. DSV-Präsidentin Thiel sagt: "Erst die Struktur, dann das Personal." Das klingt doch einleuchtend.

Frau Dr. Thiel ist für mich die beste Präsidentin, die ich miterlebt habe, was die Außendarstellung betrifft. Aber nach innen wirkt sie schlecht. Sie ist keine Expertin, aber das muss sie ja auch nicht sein. Sie muss jedoch die richtigen Leute an ihrer Seite auswählen, Der Verband hätte die Leute 14 Tage nach London ins Boot holen und sagen müssen: 'Wir müssen so schnell wie möglich eine Diskussionsrunde starten, um die Dinge aufzuarbeiten und über die nächsten acht Jahre zu reden.' Und ich meine acht Jahre - ich finde es schon wieder suspekt, wenn der kommende Bundestrainer erst mal nur vier Jahre kommen soll. Wir müssen doch perspektivisch denken und arbeiten. Das hieße auch, dass der Verband die besten Sportler, und die, die es werden können, an sich bindet.

Wie soll das gehen?

Indem zum Beispiel mit ihnen Verträge abgeschlossen werden - für die Sportler als soziale Sicherheit. Und der Verband bestimmt, zu welchen Wettkämpfen, Trainingslagern und anderen Maßnahmen der Schwimmer fährt. Nur wer professionell arbeitet, hat Erfolg.

Noch mal nachgehakt: Sitzen Ihrer Meinung nach die falschen Leute im Verband?

Aus meiner Sicht geht es nicht um neue Leute an bestimmten Stellen. Es fehlt einfach die Konsequenz, professionelle Wege zu gehen. Wir schwimmen auch zu sehr in der eigenen Suppe.

Sie wünschen sich wie Paul Biedermann einen ausländischen Bundestrainer?

Ja. Ich denke, ein unvorbelasteter Trainer täte dem Verband gut. Einer, der eine Linie zum Erfolg vorgibt, von der er alle überzeugen kann und bei der alle entscheidenden Trainer mitmachen. Das ist nicht einfach, aber es geht.

Bei nur einer persönlichen Bestzeit in London müssen sich auch die Heimtrainer hinterfragen. Trainer Stefan Lurz warf seinen Kollegen zu wenig Selbstkritik vor und sagte, die meisten trainieren zu wenig.

Da hat er Recht. Ich habe mich kürzlich mit Dagmar Hase zusammengesetzt, um das alles zu reflektieren. Wenn ich sehe, was sie vorm Olympiasieg 1992 trainiert hat - das schafft heute kaum noch jemand.

Das liegt doch aber an den Trainern und nicht am Verband.

Ja, sicher. Ich muss auch kritisch sagen, dass ich früher härter zu den Sportlern war, das Trainingspensum heute nicht mehr so konsequent verlange. Wir müssen wieder härter trainieren.