Tennis

Der eiserne Schweizer

Seit 2002 hat sich Roger Federer für die Tennis-WM qualifiziert. Jetzt hat er gute Sieg-Chancen

- Als die Tennis-Weltmeisterschaft vor neun Jahren im Reich des seltsamen Multimillionärs Jim McIngvale Station machte, in einem heruntergekommenen Vorstadt-Klub Houstons, da war eine neue, aufwärtsstrebende Generation von Profis das beherrschende Gesprächsthema. Juan Carlos Ferrero, der stolze Spanier, gehörte dazu. Amerikas nächste große Hoffnung, Andy Roddick. Der exzentrische Russe Marat Safin. David Nalbandian aus Argentinien und der Australier Lleyton Hewitt. Und natürlich auch er, Roger Federer, der junge Superstar aus der Schweiz. Gleich zwei Mal, 2003 und 2004, triumphierte er im Westside Tennis Club, irgendwo im Niemandsland zwischen Ölraffinerien, Einkaufszentren und Schnellrestaurants. Bei einer WM, von der er sagte: "Es fühlt sich nicht an wie ein großes Championat."

Seine Rivalen von damals sind längst im Ruhestand, die Älteren wie Andre Agassi oder Carlos Moya (Spanien) und Gaston Gaudio (Argentinien). Aber auch die Mitstreiter aus Federers Tennis-Generation wie Andy Roddick und Juan Carlos Ferrero, denen die Karawane des Wanderzirkus gerade in dieser Saison Schleifchen zum Abschied aus dem Profileben band. Safin, der Playboy von damals, ist inzwischen Duma-Abgeordneter in Russland, Hewitt (Platz 80) und Nalbandian (Platz 76), immerhin einmal Finalgegner von Federer beim Abschlussturnier, sind ins Niemandsland der Rangliste abgetaucht - weit davon entfernt, noch eine tragende Rolle zu spielen.

Nur er selbst, der eiserne Schweizer, ist seit 2002 in Shanghai immer noch dabei - immer und immer wieder. Keine einzige Weltmeisterschaft hat Federer seitdem verpasst, ob sie nun Masters Cup oder ATP World Tour Finale genannt wurde. Der Mann, der 2012 wieder die Weltranglistenspitze erklomm und Wimbledon aufs Neue gewann hat die großen Gegner kommen und gehen sehen, hat Aufstiege und Abstürze miterlebt - und ist doch selbst immer vorne geblieben. Der überragende Spieler seiner Zeit demonstrierte seine ganze Klasse auch und besonders bei dieser WM in London, die den Stars am Ende strapaziöser Spielzeiten noch einmal das Letzte abverlangt - für Geist und Körper. "Ich wusste schnell in meiner Karriere, was ich mir zumuten kann. Und was sinnvoll ist", sagt Federer, "das war ein wahnsinniges Plus."

Zwischen vielen Müden, Matten und Maladen wirkte Federer immer wie ein Tennis-Frischepack - ein Mann trat da stets im Rampenlicht auf den WM-Centre-Court, der seine Saison so präzise und punktgenau geplant hatte, dass ihm noch die nötigen Ressourcen für den Zugriff auf den Titel blieben. Das galt für den jungen Federer genau so wie für den mittelalten und nunmehr reifen Federer. Nur ein einziges Mal, im Jahr 2008, qualifizierte er sich nicht für die Halbfinals. Doch ansonsten war er an jedem WM-Wochenende mittendrin im Schlachtgetümmel der Entscheidungsspiele, 2002 genau so wie 2012. Mit zwei Auftaktsiegen in seiner Gruppe gegen den Serben Janko Tipsarevic und den Spanier David Ferrer hatte der Unermüdliche beim Turnier in der O2-Arena die Halbfinal-Qualifikation in der Tasche. In der anderen Gruppe zogen Novak Djokovic (Serbien) und Andrew Murray (Großbritannien) ins Halbfinale ein.

Mit 31 Jahren top in Form

Als 31-Jähriger hat Federer noch einmal einen Titel-Hattrick beim Saisonfinale im Visier - nach den Siegen 2010 gegen Rafael Nadal (Spanien) und im Vorjahr gegen Jo-Wilfried-Tsonga (Frankreich). Federer verdankt diese unveränderte Chance auf Trophäenzuwachs vor allem seinem effizienten Training und seiner erstklassigen Fitness. Gerade erst hat Federers Konditionsguru Pierre Paganini seine Einschätzung vorgetragen, der Maestro sei als 31-jähriger "keinen Schritt langsamer" als in früheren Stadien seiner Karriere.