Fußball

Die Eintracht endlich auf dem richtigen Gleis

Warum Trainer Armin Veh in Frankfurt erstmals zwei gute Jahre hintereinander erlebt

- Am Freitagnachmittag bestieg die Frankfurter Eintracht den ICE nach München, und natürlich war Armin Veh (51) mit an Bord. Obwohl der Trainer mit dem Schalk im Nacken im Vorfeld wieder eine seiner süffisanten Bemerkungen gemacht hat, auf die mancher Zeitgenosse zuweilen reinfällt. "Ich habe mir schon überlegt, ob ich überhaupt mitfahre. In der Arena habe ich ja noch nie gewonnen." Bei null Punkten und 1:13 Toren aus drei Spielen der Fußball-Bundesligaspielen ist das zurückhaltend formuliert.

Vor der Saison hatte Veh schon mal laut überlegt, ob er die beiden Torhüter nicht rotieren lassen solle - jede Woche spiele ein anderer. Die meisten Journalisten verstanden den Scherz, nur der Kollege von der auflagenstärksten Zeitung nicht. Zwei Tage hatten sie Theater am Main wegen Vehs Süffisanz.

"Armin Veh und ich, wir lachen uns tot über die Bundesliga", sagt sein Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen. Der ist genauso geerdet und noch etwas gelassener als der 13 Jahre jüngere Trainer. Jeden Tag rauchen sie in der Frankfurter Arena, in deren Bauch auch die Geschäftsstelle des Traditionsklubs ist, ihre Zigarette und diskutieren alles aus, was es zu diskutieren gibt.

Der Gegenentwurf zu Magath

Nicht immer hat der gebürtige Augsburger Veh ein so gutes Verhältnis zur Obrigkeit gehabt, Differenzen mit der jeweiligen Vereinsführung kennzeichnen seine Achterbahnfahrt durch die Bundesliga. Er ist sicher kein Querulant und hat an allen mittlerweile fünf Standorten - Rostock, Stuttgart, Wolfsburg, Hamburg und nun Frankfurt - bei Fans, Spielern und Medien hohe Sympathiewerte genossen. Weil er herrlich offensiv spielen lässt und mit seiner offenen Art schnell Nähe herstellt. Er ist so etwas wie der Gegenentwurf zu Felix Magath. Und so riefen sie selbst in Wolfsburg, als er den Meister 2009 ins Niemandsland der Tabelle manövrierte, nicht etwa "Veh raus!" sondern "Armin raus!" In Hamburg gab er im März 2010 nach dem Rauswurf beim HSV sogar einen Abschiedsabend für die Journalisten, es war "der erste meiner Karriere. Denn ihr habt mich hier fair behandelt".

Ungewöhnliche Züge eines ungewöhnlichen Typs im rauen Geschäft Bundesliga. Bruchhagen sagt: "Was mir an Veh gefällt, ist dass er die Lobeshymnen einzuschätzen und die Dinge zu relativieren weiß. Denn er weiß, was kommt." Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten hat Veh nichts verloren, auch wenn er für die Medien ein Glücksfall ist. Sein größter Vorzug ist auch sein Problem: Er sagt stets, was er meint, und was er meint, steckt nicht selten voller Sprengstoff. "Ich bin 51 Jahre alt, 22 Jahre im Geschäft, da habe ich es nicht mehr nötig, irgendwelche Floskeln von mir zu geben. Wenn ich nicht das ansprechen kann, was mir wichtig und was richtig ist, dann lasse ich es lieber ganz", hat er im Sommer gesagt.

So sprach er eben 2003 in Rostock an, dass er unbedingt noch einen Verteidiger benötige und dass er nicht immer nur um Platz 15 spielen wolle. Als er den Misserfolg kommen sah, trat er zurück.

In Stuttgart glückte ihm sein Meisterstück, 2007 holte der VfB die Schale. Besser konnte es nicht werden, aber so schlecht? Die Talfahrt schob er im Herbst 2008 immer wieder auf die schlechte Transferpolitik und die unterbesetzte Scoutingabteilung, generell bemängelte er das hohe Anspruchsdenken im Schwabenland. Beobachter analysierten fatalistische Körpersprache und Ausdrucksweise. Die Trennung nach zweieinhalb Jahren war für ihn eine Erlösung. In Wolfsburg erfolgte sie nach nur sieben Monaten - wegen Misserfolgs und der Unmöglichkeit, Magaths Doppelrolle fortzuführen.

Erst entmachtet, dann entlassen

Als sie ihm Dieter Hoeneß als Manager vor die Nase setzten, sagte er: "Dann hab ich ja die Hosen unten". Der Entmachtung folgte prompt die Entlassung. Es blieb eine Trainingshose von Veh, die der VfL auf seiner Homepage für 27 Euro versteigerte.

Konnte er noch tiefer sinken? Er hoffte nicht. Als er 2010/2011 beim HSV anheuerte, glaubte der Fußballromantiker ("Menschen leben davon, dass es auch ein paar gibt, die Visionen haben") im Paradies zu sein. "Der HSV wird meine letzte Trainerstation", teilte er in der Überzeugung mit, bei einem seriösen Topverein zu sein. Veh täuschte sich bitter, sprach angesichts interner Querelen zwischen Vorstand und Aufsichtsrat immer öfter von "Wahnsinn" und wurde wieder fatalistisch: "Ich weiß gar nicht, ob ich noch Lust habe, Trainer zu sein", wurde er zitiert. Er gab Interviews, ("Der HSV ist führungslos!") die den schier erbettelten Rauswurf beschleunigten.

Da er nur Jahresverträge abschließt, kam das die Klubs stets relativ billig. Auch in Frankfurt, wo sie ihn als Aufstiegshelden verehren, weiß niemand, wie lange sie mit ihm planen können. Dabei hat er hier die Chance, erstmals nachhaltig erfolgreich arbeiten zu können. Zwei gute Veh-Jahre in Folge gab es in der Bundesliga noch nicht, warum auch immer. Dass sie ihn gern behalten würden, ist angesichts des Sensationsstarts keine Frage - "ich würde mich riesig freuen", sagt Chef Bruchhagen. Obwohl Veh dieser Tage wieder mal Krach geschlagen hat. Das Dach im Stadion darf zwischen November und Mai nicht geschlossen werden, ob es nun regnet oder nicht, und das könne kein normal denkender Mensch verstehen. "Wenn etwas Sinnloses beschlossen wurde, dann kann man doch in Gottes Namen eine Änderung vornehmen." Das meint er mal wieder ernst.

Auch den ICE zum Branchenprimus nach München betrat Veh als Realist und nicht als Bayern-Jäger. "Nur Fantasten glauben doch, dass man nach München fährt und die mal schnell weg haut. Nur Klugscheißer sagen, es sei doch in einem Spiel alles möglich", erklärte Eintrachts Trainer vor dem Gastspiel des Tabellendritten beim Spitzenreiter. Er sieht den Rekordmeister in einer ganz anderen Liga als den Aufsteiger. "Es gibt eigentlich keinen Vergleich zwischen Bayern München und Eintracht Frankfurt", sagte Veh ungeachtet der jeweiligen Tabellenplätze. Schon vorab klein beigeben mag er dennoch nicht: "Wir haben 20 Punkte. Ende. Aus. Die haben wir nicht zufällig geholt, sondern weil wir guten Fußball gespielt haben. Deshalb haben wir es uns verdient, dass es ein Spitzenspiel ist."