Radsport

"Im Supermarkt muss ich mich rechtfertigen"

Radprofi Jens Voigt über den Dopingfall Armstrong und die Folgen, die bei dem Berliner sogar bis ins Privatleben reichen

- Lance Armstrong ist nach den Doping-Enthüllungen zwar seine sieben Tour-de-France-Siege los, die Profiradbranche aber kann damit die argwöhnischen Blicke noch längst nicht abschütteln. Jens Voigt (41), seit 15 Jahren Profi und seit jeher einer der beliebtesten deutschen Radfahrer, kommt als Gleichaltriger aus dem Rechfertigen kaum heraus. Morgenpost-Redakteur Jens Hungermann sprach mit dem Berliner.

Berliner Morgenpost:

Herr Voigt, der Radsport hat dieser Tage unter den Folgen des Falls Lance Armstrong zu leiden. In einem Blog für das Magazin "Bicycling" schreiben Sie, sogar Ihr Familienleben leide darunter. Inwiefern?

Jens Voigt:

Es gibt Momente, da geht es zu weit. Ein Beispiel: Im Kindergarten neulich fege ich gerade das Laub zusammen, damit meine und die anderen Kinder ordentlich spielen können, da kommen Eltern auf mich zu und sagen: Herr Voigt, und Sie? Was sollen wir denn über Sie denken? Wenn ich mich vor Menschen, die ich kaum kenne, rechtfertigen muss für meinen Beruf, dann ist eine Grenze überschritten. Das passiert mir sogar an der Supermarktkasse.

Was antworten Sie den Leuten dann?

Kommt darauf an, wie viel Zeit ich habe. Meistens versuche ich, die Situation und meine Sicht so kurz wie möglich zu erklären, damit die Leute einen Einblick bekommen.

Sehen Sie in der momentanen Krise des Radsports eher einen Rückschlag oder eine Chance?

Im Fall Armstrong reden wir über einen Zeitrahmen, der zwischen Fuentes- (2006, d. Red. ) und Festina-Affäre (1998, d. Red. ) lag. Da gab es anscheinend so eine Art Parallelwelt. Es ist also etwa sechs Jahre her und nichts, was die jetzigen Fahrer verursacht haben. Und jene Betreuer und Fahrer, die gegen Lance ausgesagt haben, haben in ihren Vernehmungen angegeben, dass sie nach damals aufgehört haben zu dopen. Seitdem fahren sie sauber. Das ist doch ein Indiz, dass die Situation besser wird. Wir reden über alte Geschichten...

...mit deren Folgen die jetzige Generation Rennfahrer zu kämpfen hat.

Genau. Ein Beispiel: In Luxemburg betreibt Leopard-Trek eine zweite Mannschaft, die vorwiegend aus U23-Fahrern besteht. Herr im Himmel, die waren 1998 vielleicht acht Jahre alt! Sie zu bestrafen, ist der völlig falsche Ansatz. Gebt doch den jungen Leuten, die ganz anders aufgewachsen sind, ganz anders sozialisiert wurden, eine Chance!

Sie selbst sind seit 1997 Profirennfahrer. Reden Sie mit jungen Profis über die Situation? Fragen die Sie aus?

Ja, klar. Und natürlich gibt es auch kritische Fragen: Also, Jens, wie war das bei dir? Es ist schon schwer zu glauben, dass bei dir damals nix gewesen ist...

Ist es das nicht auch? Haben Sie tatsächlich nie etwas mitbekommen von Doping Ihrer Kollegen?

Ich bin ja nicht dumm oder taub. Aber schauen Sie: Sie sitzen doch auch mit zehn, vielleicht 20 Kollegen im Büro, jeden Tag acht Stunden. Wenn die abends aus dem Büro gehen, wissen Sie, was die machen? Ob sie Fernsehen gucken? Sport treiben? Oder ob sie koksen, Marihuana rauchen? Zahlen sie GEZ-Gebühren, ihre Steuern? Man arbeitet acht Stunden zusammen. Aber was weiß man deshalb über die anderen? So geht es mir auch, und so ist es auch mit Doping im Radsport. Wer etwas Verbotenes tut, redet nicht darüber. Meine nächsten Teamkollegen wohnen in der Schweiz und in Luxemburg, andere in Südfrankreich, Spanien. Die sehe ich manchmal zwei Wochen lang nicht. Was die jeden Tag machen, kann ich nicht sagen. Und außerdem...

Ja?

Es ist ja nicht so, dass wir nach einem Radrennen alle um ein Lagerfeuer herum sitzen, uns totlachen und ein Fahrer erzählt: Hey, heute habe ich Epo genommen! Und ein anderer: Ich habe auch ordentlich geschluckt.

Wie nachdenklich stimmt Sie, dass kein positiver Test Armstrong überführt hat, sondern erst hartnäckige Ermittlungen u.a. von Behörden? Ist das Dopingkontrollsystem demnach nicht oft genug nur Augenwischerei?

Ich war mal ganz fest der Meinung, dass es funktioniert. Erst Montag hatte ich wieder eine Kontrolle. Ich weiß: Die Kontrolleure könnten genauso gut einen Tag später oder noch am selben Tag wiederkommen. Aber wenn Lance sagt, er habe x Kontrollen gehabt und alle seien negativ, dann frage ich mich: Was muss denn passieren? So viele Proben können doch gar nicht manipuliert worden sein! Dass man jahrelang denkt, die Kontrollen funktionieren, und dann liest, wie 25 Leute behaupten, dass jahrelang gedopt wurde, ohne dass eine Kontrolle auffällig gewesen wäre - das ist mehr als erstaunlich. Mannomann.

Als Leistungssportler im Dopingkontrollsystem nehmen Sie erhebliche Eingriffe in Ihr Privatleben hin.

Ja, und die Regelung schwebt wie ein Damoklesschwert über einem. Für jeden Tag muss ich eine Stunde angeben, in der ich auf jeden Fall an einem von mir festgelegten Ort anzutreffen bin - die so genannten Whereabouts. Ich erinnere mich, wie ich einmal auf einer Reise von den USA nach Deutschland Blut und Wasser geschwitzt habe, weil ich einen Anschlussflug verpasst und verzweifelt nach einer Möglichkeit gesucht habe, per Internet mein angegebenes Zeitfenster zu ändern. So ist das System. Es ist nicht einfach. Aber: Ich sehe seine Notwendigkeit.