Rechtsextremismus

Drygalla wieder im Dienst

Umstrittene Ruderin fängt Donnerstag an der Feldjägerschule in Hannover als Sportsoldatin an

- Vielleicht wäre sie bei der Marine besser aufgehoben gewesen. Schließlich kennt sich Nadja Drygalla auf dem Wasser ja recht gut aus, als Ruderin des Deutschland-Achters nahm sie an den Olympischen Spielen in London teil. Sie hätte ihre Erfahrungen als Sportlerin dann durchaus einbringen können bei ihrem nächsten Karriereschritt als freiwillig Wehrdienstleistende. Doch nun muss sie sich auf einem fremden Terrain beweisen: Donnerstag tritt die 23-Jährige an der Feldjägerschule in Hannover an, als "Flieger Drygalla".

Der Dienst bei der Luftwaffe im Rahmen der Sportförderung bei der Bundeswehr soll für die Rostockerin zu einem unbeschwerten Neustart werden. Aus London war sie im August überstürzt abgereist, nachdem ihre Beziehung zu dem in der rechtsradikalen Szene auffällig gewordenen Michael Fischer an die Öffentlichkeit gelangt war. Sie erklärte die Abreise so, dass sie ihre Mannschaft vor noch größerer Unruhe schützen wollte.

Seither wurde heftig darüber diskutiert, ob die Partnerin eines ehemaligen NPD-Funktionärs und Mitglieds der Nationalen Sozialisten Rostock unbedenklich die deutschen Farben bei einem sportlichen Großereignis vertreten darf. Das Thema schaffte es sogar bis in den Sportausschuss des Bundestages, und nun - nach etlichen Unbedenklichkeitsbescheiden - darf Nadja Drygalla ihren Dienst zwei Monate später als geplant tatsächlich antreten.

Vesper verteidigt die Entscheidung

"Für uns ist entscheidend, wie sie selber denkt und handelt - und nicht, welche Gesinnung ihr Umfeld oder ihr Freund vertreten", sagte Michael Vesper der Berliner Morgenpost. Zuletzt hatte der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) häufig die Thematik behandelt, er ist nun zu dem Schluss gekommen: "Es gibt durch die Diskussionen zwischen uns in den vergangenen Monaten keinen Beleg dafür, dass Nadja Drygalla rechtem Gedankengut anhängt. Sie hat immer wieder deutlich gemacht, dass sie mit der Einstellung ihres Freundes nicht einverstanden war." Damit steht der Fortsetzung ihrer sportlichen Karriere vorerst nichts im Wege.

In der Tat hat sich Drygalla von rechtsextremer Ideologie in zwei Interviews nach den Spielen in London distanziert. Sie hatte darin unter anderem behauptet, nie an Demonstration oder Veranstaltungen der Neonazis teilgenommen zu haben. Und sie habe wegen des Themas oft Streit mit ihrem Freund gehabt. Doch seltsam bleibt der Umstand, dass sie aufgrund ihrer Beziehung vor rund einem Jahr den Dienst bei der Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern quittierte und damit eine relativ sorgenfreie Zeit als Spitzensportlerin aufs Spiel setzte, nun aber das Angebot der Bundeswehr dankend annimmt.

Die Ruderin sei am 30. September 2011 auf eigenen Antrag hin aus dem Polizeidienst entlassen worden, teilte das Innenministerium Mecklenburg-Vorpommern auf Anfrage mit. Nachdem bekannt geworden sei, dass "auch Personen zum Bekanntenkreis von Nadja Drygalla gehören, die der offen agierenden rechtsextremistischen Szene zugehörig sind", seien Personalgespräche geführt worden - "aus Fürsorgegründen und in Bezug auf mögliche Konfliktsituationen", wie es jetzt heißt. Das Dienstverhältnis sei anschließend "in beiderseitigem Einvernehmen" beendet worden.

Nun also die Bundeswehr, die Drygalla wie den 756 anderen Sportsoldaten in Deutschland dank entsprechender Freistellungen gleichsam die Möglichkeit zu umfassenden Trainings- und Wettkampfteilnahmen bietet. Dort allerdings haben sie den Fall genauestens geprüft. "Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht", sagte Manfred Nielson, Inspekteur der Streitkräftebasis und künftig Drygallas oberster Vorgesetzter. Seine Mitarbeiter hätten mehrere Gespräche mit der 23-Jährigen geführt.

"Wir haben ihr gesagt, dass wir Klarheit benötigen und dass sie sich uns gegenüber öffnen muss", erklärte Nielson der Berliner Morgenpost. Nach den Gesprächen mit der Sportlerin und auch nach den Worten, mit denen sie sich öffentlich von rechtem Gedankengut distanzierte, habe er Mitte Oktober entschieden, Drygalla als Sportsoldatin einzustellen, sagte der Vizeadmiral.

Zustimmung aller Fachverbände

Die Ruderin habe bei der Bundeswehr das normale Einstellungsverfahren durchlaufen. Alle zuständigen Fachverbände hätten ihre Bewerbung unterstützt. "Nach der ganzen eher unübersichtlichen Gemengelage wollten wir aber die Begleitumstände noch einmal genauer hinterfragen", sagte Nielson. Im Moment gebe es keinen Grund, an ihrer demokratischen Einstellung zu zweifeln. "Diese junge Frau möchte ihren Sport ausüben, und sie hat eine Perspektive, sonst wäre sie nicht bei den Olympischen Spielen gewesen." Nach der Grundausbildung wird die Sportfördergruppe Frankfurt/Oder Drygallas militärische Heimat.