Dopingskandal

Zurück bleibt der Schatten des Betrügers

Rad-Weltverband entscheidet, dass die sieben Tour-Titel des Dopingsünders Armstrong nicht neu vergeben werden

- Um markante Worte ist Gianni Bugno dieser Tage nicht verlegen. Allerdings ist seinem bildlichen Vergleich eine gewisse Berechtigung nicht abzusprechen. Wie ein "Tsunami" habe die Causa Lance Armstrong den Radsport erschüttert, greint der Präsident der Profifahrervereinigung CPA (der vor gut zwölf Jahren wegen des Kaufs und Besitzes von Amphetaminen einmal zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde). In einem Brief an Pat McQuaid versicherte Bugno dem Chef des Rad-Weltverbands UCI einerseits die Unterstützung der Zunft bei den Aufräumarbeiten. Andererseits beklagen die Profis ihm zufolge eine aus ihrer Sicht für gewöhnlich zu einseitige Sicht der Dinge.

"Zu oft werden nur die Fahrer bestraft, die in Dopingskandale verwickelt sind. Jetzt ist es an der Zeit, dass all jene, die in der Welt des Radsports mit drinhängen und Fehltritte begangen haben, ebenso verfolgt werden", fordert Profi-Sprecher Bugno und meint damit belastete Teamchefs, Ärzte, Betreuer, die noch heute munter im Peloton mitmischen. Schließlich fürchtet das strampelnde Personal um seine Arbeitsplätze - "und um die Zukunft des Radsports", wie Bugno erinnert.

Sieben schwarze Jahre

Genau um jene irgendwie abzusichern, tagte am Freitag in Genf der Weltverband hinter verschlossenen Türen. Es ging unter anderem darum, ob nach der Aberkennung von Lance Armstrongs sieben Tour-de-France-Titeln (1999 bis 2005) die nächstplatzierten Fahrer nachrücken sollen. Der Verband entschied, dass die Titel nicht neu vergeben werden. Tour-Veranstalter ASO hat bereits verkündet, auf eine Neuvergabe verzichten zu wollen. Die Ära Armstrong ist damit quasi ein Schwarzes Loch in der Geschichte des größten Radsportereignisses der Welt. Es "bleibt ein Schatten von Verdächtigungen über dieser dunklen Ära - auch wenn es für saubere Fahrer hart ist, werden sie verstehen, dass ein Nachrücken wenig ehrenvoll wäre", heißt es in einer Mitteilung der UCI.

In einer Sondersitzung in Genf entschied die UCI zudem, von den wegen Dopings verurteilten Fahrern - also nicht nur Armstrong, sondern offenbar auch den geständigen Kronzeugen wie Tyler Hamilton, Floyd Landis oder Levi Leipheimer - die Preisgelder zurückzufordern. Allein bei der Tour hatte Armstrong rund drei Millionen Euro gewonnen, wie die französische Sporttageszeitung "L'Équipe" jüngst nachrechnete. An dieses Geld zu kommen, dürfte allerdings fast unmöglich sein, weil Preisgelder im Radsport traditionsgemäß von den Siegern an die ganze Mannschaft inklusive Betreuer verteilt werden. Armstrong hatte sich an diese Sitte stets gehalten.

Außerdem reagiert die UCI auf die heftigen Vorwürfe gegen den Verband im Zuge der Affäre und will nach eigenen Worten eine Untersuchungskommission einsetzen. In der ersten November-Woche werde bekannt gegeben, welche "unabhängige Sportorganisation" diese Untersuchung leiten wird. Ein erster Bericht des Ausschusses soll bis 1. Juni 2013 vorliegen. Die Kommission solle auch Möglichkeiten ausloten, ertappte Doper künftig komplett aus dem Sport zu verbannen. "Wir werden alle Maßnahmen ergreifen, die die neue Kommission für notwendig erachtet, um den Radsport wieder in die richtige Spur zu bringen", sagte Pat McQuaid.

Von einer schmerzhaften Periode des Sports sprach der Ire. Dass er diese selbst mit zu verantworten hat, davon sprach er nicht. Während Lance Armstrong derweil in den USA Klagen entgegensieht, ist in Europa die UCI mit dem Iren McQuaid an der Spitze massiv unter Druck geraten. Für dubiose Spenden Armstrongs haben weder er noch sein suspekter niederländischer Vorgänger Hein Verbruggen schlüssige Rechtfertigungen parat. Lieber gibt man sich entrüstet ob des Ausmaßes der sporadisch enttarnten Dopingsysteme in der Vergangenheit (Festina, Fuentes, Telekom, US Postal). Es gibt nicht wenige, die Amerikas einzigem Toursieger Greg LeMond (51) offen oder heimlich applaudieren. "Ich habe in der Geschichte des Radsports noch nie einen solchen Machtmissbrauch gesehen. Tritt zurück, Pat, wenn du den Radsport liebst. Tritt auch zurück, wenn du ihn hasst", schreibt Greg LeMond in einem offenen Brief. "Hein und du, ihr seid der korrupte Teil des Sports. Der Sport braucht Pat McQuaid oder Hein Verbruggen nicht. Wenn er sich ändern soll, dann jetzt. Nicht nächstes Jahr, nicht irgendwann, jetzt! Jetzt oder nie!"

McQuaid unter Druck

LeMond erinnert in seinem Brandbrief zudem an Paul Kimmage (50), den früheren irischen Radprofi und heutigen Journalisten, der Lance Armstrong schon vor Jahren - mit absoluter Berechtigung, wie die Welt heute weiß - des Dopings bezichtigte. Weil er McQuaid und Verbruggen offen Korruption vorwarf, verklagen die UCI-Zampanos ihn vor einem Schweizer Gericht. In einem "Paul Kimmage Defense Fund" gingen bisher mehr als 83.000 US-Dollar an Spenden für seine Verteidigung ein. Derweil gab die UCI bekannt, dass das Management Komitee anstrebt, das eingeleitete Verfahren gegen Kimmage zurückzuziehen.

Der Verband beschwor in seinem Hauptquartier allerdings ein neues Problem herauf. Denn die UCI, die unter Führung von McQuaid und Verbruggen Armstrongs Machenschaften lange geduldet und gedeckt haben soll, hob damit quasi die Unschuldsvermutung gegen mögliche Nachrücker auf. "Ich bin gespannt, wie man nun erklärt, dass gegen diese Fahrer keine Schritte eingeleitet werden", sagt die frühere deutsche Radsport-Präsidentin Sylvia Schenk als Sportbeauftragte der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International.

Nahezu alle, die hinter Armstrong unter den Top Ten das Tour-Ziel erreichten, sind oder waren belastet wie der ehemalige deutsche Radsport-Held Jan Ullrich als Zweitplatzierter 2000, 2001 und 2003 oder 2004 Armstrongs Teamkollege Andreas Klöden (Zweiter). Über sämtlichen Toursiegern der Epoche, ob Armstrong, Ullrich, Bjarne Riis, Marco Pantani, Floyd Landis oder Alberto Contador - ob offiziell noch als Sieger geführt oder nicht - liegt der Schatten des Betrugs. Große Schuld daran trägt McQuaid, der wie 2006 Verbruggen in die Kritik gerät. John Fahey, Chef der Welt-Antidopingagentur Wada sagt: "Niemand, der in Armstrongs Jahren bei der UCI an verantwortlicher Stelle tätig war, kann noch rechtfertigen, weiterhin an der gleichen oder einer ähnlichen Position zu sein."