Nationalmannschaft

Rugby-Spieler kämpfen um Ansehen und ums Überleben

Alexander Widiker ist die Sorte Mann, mit der niemand ohne Not einen Streit anfängt.

- Höflich und freundlich ist er zwar, nicht einmal sehr groß. Aber eben das, was gern als Bulle von einem Kerl beschrieben wird. Heute um 14.30 Uhr (Buolstraße in Siemensstadt) stürzt er sich an der Seite zehn anderer solcher Typen ins Gedränge, als Kapitän der deutschen Rugby-Nationalmannschaft. Es geht gegen die athletisch besonders starken Ukrainer in der Division 1b der Europameisterschaft. Das ist auf dem Kontinent so etwas wie die dritte Liga. Der 30-Jährige freut sich drauf, denn: "Wir müssen unser Herz einsetzen, wenn wir überleben wollen. Ich erwarte ein knüppelhartes Spiel."

Einen Kampf also, aber Rugbyspieler sind ja keine Weicheier. Kampf passt auch zum Zustand der Sportart in Deutschland. Während Rugby in vielen anderen Ländern enorm beliebt ist, findet es hier allenfalls am Rande statt. Widiker hat das anders kennen gelernt, als er in Frankreichs dritter (!) Liga beim RC Orleans spielte. In seinem vierten und letzten Jahr dort war der anfangs belächelte Deutsche Kapitän, verdiente monatlich 3500 Euro netto und bekam eine Wohnung gestellt. Sein größtes Erlebnis hatte er jedoch beim WM-Gruppenspiel zwischen den Fidschis und Japan in Toulouse - als einer von 40.000 begeisterten Zuschauern.

Solche Zustände werden in Deutschland wohl nie herrschen. 12.500 Mitglieder gibt es, bei Bundesligaspielen schauen meist nur wenige Fans den Amateuren zu. Der Deutsche Rugby-Verband hat einen Jahresetat von 650.000 Euro und drei festangestellte Mitarbeiter. Bundestrainer Torsten Schippe arbeitet auf Honorarbasis, er ist im Hauptberuf Elektroingenieur. Für einen U23-Trainer fehlt das Geld. Dabei hält die deutsche U18 mit Top-Nationen wie Irland oder England mit. Das gibt Hoffnung. "Wir sind weit weg von der Weltspitze", sagt Schippe, "doch wir haben talentierte, gut ausgebildete Spieler." In den Vereinen, gerade in Berlin, wird erstklassige Nachwuchsarbeit geleistet.

Ziel ist es, die Division 1b, die aus sechs Teams besteht, irgendwann hinter sich zu lassen. Der Aufstieg in die zweite Liga böte die Chance, sich für einen World Cup zu qualifizieren und mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Für heute sind die Ziele bescheidener. Ab 11 Uhr findet auf der Anlage des SC Siemensstadt vor der Partie gegen die Ukraine, dem ersten Länderspiel in Berlin seit zwölf Jahren, ein Jugendturnier statt. Die Gastgeber hoffen auf einen Sieg und über 1000 Zuschauer.