Fußball

Gipfel der Ungleichen

Beim Überraschungs-Tabellenführer Braunschweig steht Hertha heute besonders unter Druck

- Sie werden sich mit den eigenen Autos auf den Weg machen, die Spieler von Eintracht Braunschweig. Vielleicht stehen sie noch ein bisschen im Stau, bis sie zum Spitzenspiel gegen Hertha BSC heute Mittag (13 Uhr/Sky) in der Arena ankommen. Denn rund um das Eintracht-Stadion entfaltet sich derzeit eine großflächige Baustelle - und da stockt dann gern mal der Verkehr. Dass die Profis des Überraschungs-Tabellenführers vom Hotel nicht im Mannschaftsbus zum Heimspiel anreisen, hat einen einfachen Grund: Das Geld will man sich sparen bei den "Löwen". Solche Annehmlichkeiten sind verzichtbar, finden sie in Braunschweig. "Für uns ist das normal", sagt Eintracht-Trainer Torsten Lieberknecht.

Wiedersehen mit Marc Arnold

Doch normal ist ein derart bescheidendes Auftreten eben nicht in der Branche. Dass die Profis von Hertha BSC am Spieltag mit den Privatwagen zum Olympiastadion fahren, ist kaum vorstellbar. Nicht nur das unterscheidet die Berliner von ihrem heutigen Gegner, der nach zehn Spieltagen völlig überraschend die Zweite Liga ungeschlagen anführt und bereits fünf Punkte Vorsprung auf den ersten Verfolger Hertha hat. Vielmehr ist die Partie an der Hamburger Straße ein Gipfeltreffen der Ungleichen, wie es ungleicher kaum sein könnte. Zumindest auf dem Papier. Denn dort ist zu lesen, dass der Hauptstadtklub mit fast 14 Millionen Euro über einen mehr als doppelt so hohen Lizenzspieleretat verfügt wie die "Löwen" (6,5), die erst vor einem Jahr aus der Dritten Liga aufgestiegen waren und in der vergangenen Saison Platz acht belegten. Während der Kader der Herthaner mit Zweitligastars wie Adrian Ramos, Sami Allagui und Peer Kluge gespickt ist, verfügt Braunschweigs Trainer Torsten Lieberknecht über eine Mannschaft aus "No Names", deren bekanntestes Gesicht Kapitän Dennis Kruppke ist, weil er fünf Jahre lang für den SC Freiburg auflief. Insgesamt kommen die Spieler der Eintracht auf nur 64 Einsätze in der ersten Bundesliga, während Herthas Akteure 1491 Partien Erstliga-Erfahrung aufbieten können.

Marc Arnold, der als Spieler 1997 mit Hertha in die Bundesliga aufstieg (65 Spiele, 5 Tore) und seit 2008 als Manager in Braunschweig den kontinuierlichen Aufstieg des Vereins verantwortet, ist sich dieses Größenunterschiedes bewusst: "Hertha hat eine Mannschaft, die für die Zweite Liga ungewöhnlich gut ist, mit vielen Spielern auf Erstliga-Niveau", sagt Arnold. Daher seien die Berliner auch der Favorit beim Spitzenspiel, obwohl man keineswegs vorhabe, sich kampflos zu ergeben. Anders als sein Manager-Kollege Michael Preetz, mit dem er noch zusammen bei Hertha gespielt hat, musste Arnold mit wenig Geld auskommen. In den vergangenen drei Jahren hat der 42-Jährige nur 150.000 Euro für neue Spieler ausgegeben, während Preetz in Berlin knapp elf Millionen Euro investierte. Dieser scheinbare Nachteil wird zunehmend zum Vorteil für die Niedersachsen. Denn wo Hertha mit elf Zu- und zwölf Abgängen seit dem Sommer erst einmal zueinander finden musste - was sich in einer anfänglichen Schwächephase niederschlug -, ist Braunschweig seit Jahren eine eingespielte Mannschaft. Heutige Schlüsselspieler wie Kruppke (5 Saisontore) und Stürmer Dominick Kumbela (2) waren schon vor fünf Jahren in der Regionalliga Nord dabei, ebenso wie Lieberknecht, der damals als Co-Trainer von Benno Möhlmann fungierte. Arnold spricht daher gern von einer besonderen Kameradschaft.

Bei Hertha BSC nimmt man etwas überrascht zur Kenntnis, was sich gerade in Braunschweig entwickelt: "Ich habe ihnen zwar zugetraut, dass sie mit um die Aufstiegsplätze spielen können. Aber dass sie so auftreten, das sicherlich nicht", sagte Manager Preetz. Der 46-Jährige ist weit davon entfernt, die Niedersachsen zu unterschätzen. "Das ist ein ganz ernsthafter Konkurrent. Ich lege mich schon jetzt fest: Sie werden bis zum Ende der Saison da oben mitspielen."

Aufstiegsplatz in Gefahr

Das heutige Duell gegen den Überraschungskonkurrenten ist für Hertha ein enorm wichtiges. Denn ein weiterer Unterschied zwischen beiden Teams ist: Von Schulden geplagt, sind die Berliner zum Aufstieg verdammt, während die "Löwen" schuldenfrei mit der Zweitliga-Zugehörigkeit kalkulieren. Will das Team von Trainer Jos Luhukay den Abstand auf die Tabellenspitze nicht noch größer werden lassen und den direkten Aufstiegsplatz gefährden, muss es in Braunschweig gewinnen. Hertha steht unter Druck, und somit fordert Luhukay, der den verletzten Änis Ben-Hatira durch den Youngster Nico Schulz ersetzen wird, seine Mannschaft auf, im Eintracht-Stadion eine ähnliche Siegermentalität wie in den vergangenen Wochen auszustrahlen. Und Torwart Thomas Kraft erinnert seine Kollegen daran, die sich in Braunschweig bietende Chance wahrzunehmen, "uns von den anderen Teams abzusetzen".

Bei allen gravierenden Unterschieden zwischen beiden Vereinen gibt es übrigens auch eine Parallele: Nie hat ein Team in der Zweiten Liga nach zehn Spieltagen mehr Punkte auf dem Konto gehabt als Braunschweig (26). Vor zwei Jahren jedoch gelang einem gewissen Markus Babbel ein ähnliches Kunststück. Unter ihm holte Hertha BSC ebenfalls 26 Zähler aus den ersten zehn Ligapartien. Am Ende stieg Hertha bekanntlich auf.