Basketball

Schaffartzik übernimmt das Steuer

Der Spielmacher steht beispielhaft für den Kampfeswillen des neuen Alba-Teams

- Heiko Schaffartzik, der Spielmacher von Alba Berlin, hat den weisen Satz verinnerlicht. "Es gibt keine Vergangenheit im Spitzensport." Meistertrainer Svetislav Pesic hat das seinen Spielern mit auf den Weg gegeben, nachdem er als Bundestrainer auf Zeit im vergangenen Sommer die deutsche Basketball-Nationalmannschaft zur EM im kommenden Jahr in Slowenien geführt hatte. Mit dabei war Schaffartzik, der sich nun an die Pesic-Weisheit erinnerte, die bedeutet: Nichts ist so alt wie der Erfolg von gestern, die nächste Aufgabe wartet schon.

Und so hatte das Basketballteam von Alba Berlin gar keine Zeit, sich groß über das 74:71 in der Europaliga gegen Elan Chalon vom späten Donnerstagabend zu freuen. Gestern hatte alle der Alltag wieder: Am Vormittag war Anwesenheitspflicht, als Albas erster eigener, 14 Meter langer Mannschaftsbus offiziell übernommen wurde, am Abend stand Training auf dem Programm. Eine einzige Übungseinheit muss reichen zur Vorbereitung auf das Bundesligaspiel heute Abend gegen Vizemeister Ulm (O2 World, 19 Uhr).

Gerade mal 44 Stunden nach ihrer triumphalen Ehrenrunde in der Arena am Ostbahnhof geht es bereits weiter. "Klagen werden wir darüber nicht", sagte Albas Geschäftsführer Marco Baldi und strahlte, "wir wollten ja unbedingt in der Europaliga spielen." Durch eine Wildcard sind die Berliner in die europäische Beletage gekommen - und haben dort einen optimalen Start hingelegt: Nach dem sensationellen Erfolg beim italienischen Titelträger Montepaschi Siena jetzt der Last-Minute-Sieg gegen den französischen Meister, gegen den Alba sieben Minuten vor Schluss mit 53:66 hintenlag.

Alba ist nach vier Pflichtspielen ungeschlagen, hinzu kommen ja zwei klare Siege in der Bundesliga gegen die Artland Dragons und Hagen. Und doch war gegen Chalon alles ganz anders. Spielerischer Glanz wie in den drei Partien zuvor war nur selten zu sehen, es gab viel Krampf. Vieles ging daneben, einige Spieler hatten Foulprobleme, zudem schied Center Yassin Idbihi früh aus, dessen Knieverletzung sich glücklicherweise als nicht allzu gravierend herausstellte, er hat lediglich einen Bluterguss erlitten.

Eine 21:2-Serie legten die Berliner im letzten Viertel hin. Baldi sprach von einem "Sieg der Mentalität", Cheftrainer Sasa Obradovic lobte den "großartigen Charakter" seiner Mannschaft. "Bei einem Rückstand von 13 Punkten geben andere auf - für uns kommt das nicht in Frage", sagte Schaffartzik stolz.

Genau diese Einstellung, diese Unbeugsamkeit, dieser absolute Wille, das schier Unmögliche doch noch zu schaffen, zeichnet das Team 2012/2013 aus, das spielen und kämpfen kann. Kein Vergleich zur letzten Saison, ungern erinnert man sich an das unsägliche Scheitern im Play-off-Viertelfinale gegen Würzburg, als einigen besagte Mentalität fehlte.

Obradovic, der neue Coach, hat die Verpflichtungen im Sommer mit Bedacht ausgewählt. Wer neben vorhandenem spielerischem Können nicht auch noch in die Kategorie "Kampfschwein" einzuordnen war, hatte beim Kahlkopf keine Chance. Er wollte Leute, die das zeigen, was den Serben selbst als Profi ausgezeichnet hat: unerbittlicher Kampfeswille. Sein Credo einst wie heute: "Man kann mal die Qualität verlieren, aber nie die Einstellung."

Schaffartzik, so der Coach, sei "der Erste, der nie aufgibt". Der 28-Jährige, der drei Viertel lang auch nicht gerade toll gespielt hatte, nahm mit spektakulären Aktionen, Zuspielen und erfolgreichen Dreiern, im letzten Viertel das Steuer in die Hand. Er erzielte selbst 13 Punkte, setzte zudem Deon Thompson (24) und DaShaun Wood (19) gut in Szene.

So viel zur Vergangenheit, die Zukunft heißt Ulm. Und da braucht es zwar Willensstärke, ebenso aber auch wieder spielerische Klasse. Mit dafür sorgen soll natürlich Schaffartzik. Er trifft auf sein Pendant auf Ulmer Seite: Per Günther. Der ist mit 1,84 Meter einen Zentimeter größer als Schaffartzik. Flink und wurfstark sind sie beide. Gemeinsam haben sie das deutsche Team in der EM-Qualifikation geführt. "Freund und Konkurrent" sei Schaffartzik, sagt der Ulmer. "Ich freue mich, Heiko zu sehen, aber definitiv wird einer nach dem Spiel nicht glücklich sein."

In den Augen von Schaffartzik ist der 24-jährige Günther "einer der besten Aufbauspieler in der Bundesliga". Auch abseits des Spielfeldes verstehe man sich sehr gut. Der Ulmer spricht von einer "Herkulesaufgabe", die auf sein Team warte. Auch wegen Schaffartziks Würfen. "Die kann man oft nicht verhindern, auch wenn man eigentlich weiß, was kommt."