Interview

"Heute spielen alle mein System"

Ex-Hertha-Trainer Pal Csernai gilt als der Erfinder der Raumdeckung. Am Sonntag feiert er seinen 80. Geburtstag

- Sein Markenzeichen war der Seidenschal. Elegant und stilvoll, so trat Pal Csernai in der Bundesliga auf. Acht Jahre, in denen er zwischen 1978 und 1983 mit dem FC Bayern seine größten Erfolge feierte, zweimal Deutscher Meister (1980, 1981) wurde, 1982 den DFB-Pokal holte. Weniger Glück hatte Csernai bei seinen weiteren Stationen in der Bundesliga (Dortmund, Frankfurt, Hertha). Csernai, der als Erfinder der modernen Raumdeckung ("Pal-System") galt, lebt heute in einer 82-Quadratmeter-Wohnung in Budapest. Sonntag wird er 80 Jahre alt. Morgenost-Mitarbeiter Florian Kinast erreichte ihn am Telefon.

Berliner Morgenpost:

Guten Tag, Herr Csernai, hätten Sie ein paar Minuten Zeit?

Pal Csernai:

Aber natürlich, ich habe jede Menge Zeit. Ich bin Rentner, aber keine Angst. Mir ist nicht langweilig. Ich habe viel zu tun. Jeden Tag Programm.

Schön. Was machen Sie denn so?

Ich pflege mich, mache Sport. Gymnastik, schwimmen, Fahrrad. Außerdem gehe ich jeden Tag ins Hotel Gellert auf der anderen Straßenseite für meine Presseschau. Ungarische Zeitungen, deutsche, die haben alles. Ich gehe viel spazieren, die Donau ist nur 150 Meter weg, und wenn ich keine Lust zum Gehen habe, fahre ich Straßenbahn. Die hält direkt vor der Tür.

Sind Sie noch manchmal in München?

Jedes Jahr. Ich habe seit damals viele Freunde. Zu Paul Breitner habe ich guten Kontakt. Vor drei Jahren war ich bei ihm und seiner Frau beim Abendessen, wir haben über die alten Zeiten gesprochen.

War München Ihre glücklichste Zeit?

Eher meine wertvollste und schwerste. Die großen Bayern der Siebziger waren gerade auseinandergebrochen. Finanziell standen wir ganz schlecht da, spielerisch auch. Beckenbauer in Amerika. Hoeneß konnte nicht mehr mit seinem kaputten Knie. Sepp Maier hatte seinen Autounfall. Andere Teams hatten bessere Spieler: Köln, der HSV. Trotzdem schafften wir den Umschwung, waren zweimal Meister.

Und woran lag's? Am Pal-System?

Ja. Ohne das hätten wir den Erfolg nicht gehabt. Darauf bin ich richtig stolz. Das war eine Revolution damals. Die Journalisten haben gar nicht begriffen, worum es da geht, haben nur gesagt: Der Csernai lässt etwas spielen, was ein deutscher Spieler gar nicht kann. Und heute spielen sie alle Raumdeckung.

Verfolgen Sie denn heute noch den FC Bayern und die Bundesliga?

Natürlich. In Ungarn gibt es sechs Sportsender. Richtige Sportsender. Bundesliga, England, Spanien, Italien, viele Live-Spiele. Ich bin total informiert.

Dann können Sie ja auch sagen, was Sie derzeit vom FC Bayern halten.

Gerne. Ich habe nicht verstanden, wie sie in den letzten beiden Jahren alles verschenkten. Diese Schwankungen, solche Rückfälle in den entscheidenden Spielen. Erst acht Punkte vor Dortmund und dann doch nicht Meister, unbegreiflich. Die Art und Weise, die abrupten Einbrüche wie das Pokalfinale gegen Dortmund, das war eines FC Bayern nicht würdig.

Dazu das Champions-League-Drama.

Das war richtig bitter. Chelsea gehörte im letzten Jahr nicht einmal in England zu den besten Mannschaften. Tragisch, aber es passte zu der Saison des FC Bayern.

Warum scheint es jetzt besser zu laufen?

Erstens: Die Mannschaft spielt schneller. Letzte Saison haben sie den Gegner viel zu sehr kommen lassen. Jetzt schalten sie nach einem Ballverlust sofort um, wollen den Ball gleich zurück erobern. So wie es Barcelona schon lange macht oder zuletzt auch Dortmund. Da war Dortmund den Bayern voraus. Zweitens: Der Kader ist größer und damit auch die Konkurrenz. Jeder ist gezwungen, konzentrierter zu spielen, sonst sitzt er gleich auf der Bank.

Und drittens: Schweinsteiger?

Ich hoffe, dass Schweinsteiger ein Führungstyp wird wie früher Breitner oder Effenberg. Solche Typen braucht Bayern. Hat man gesehen, als Schweinsteiger letztes Jahr fehlte. Ein Kroos schafft das nicht.

Sieben Siege in sieben Spielen, und doch gab es wieder Unruhe, als Sammer motzte und Trainer Heynckes gegen ihn zurückmaulte.

Ein Typ wie Sammer kann manchmal gut sein. Einer, der sich auskennt, etwas rechtzeitig entdeckt. Nur die Art, sofort an die Medien zu gehen, das halte ich nicht für empfehlenswert. Ich kenne den Jupp Heynckes noch aus seiner Zeit als Spieler unter Weisweiler, und ich weiß, wie er denkt. Ich sehe nirgends einen Ansatz, bei dem ich sagen würde, er muss etwas anders machen. Er hat Ordnung in den FC Bayern gebracht, er hat seinen Stil, die Mannschaft befolgt seine Taktik.

Hätten Sie sich als Trainer so etwas gefallen lassen?

Ich hätte vor Sammers Verpflichtung versucht, die Kompetenzen klar abzustecken. Ich hätte ihn zum Abendessen eingeladen und gefragt, wie er sich seine Aufgaben vorstellt, und geklärt, wer für was zuständig ist. Ich hatte erst auch Probleme, als Uli Hoeneß damals Manager wurde.

Hat er Ihnen auch dauernd reingequatscht?

Nein, es war nur etwas, was sofort geklärt werden musste. Als er Manager wurde, war das nicht klar. Dann haben wir darüber gesprochen, wer was macht, und es war gut. Das haben Heynckes und Sammer versäumt. Ich als Trainer hätte es nie geduldet, wenn sich jemand auf meine Kosten in meine Aufgabe einmischt.

Kritik gibt es derzeit auch an Jürgen Klopp. Was halten Sie von seinen immer häufi-geren Ausrastern an der Seitenlinie?

Ich war immer mit Schal oder Krawatte auf der Bank, vor allem: Ich saß immer. Ich hatte nie einen Sinn darin gesehen, aufzuspringen und zu gestikulieren. So eine Verhaltensweise wie bei Klopp ist nicht richtig, diese Aggressivität, diese Veränderung in seinem Wesen. Es wundert mich. Ich halte Klopp für einen denkenden Menschen, der erst nachher immer sieht, dass es falsch war und nichts brachte.

Dennoch verliert er ja immer wieder die Kontrolle über sich.

Das zeigt, dass er sich in diesen Momenten nicht im Griff hat. Diese Mimik, die Zähne, Nase an Nase mit dem Linienrichter oder dem Offiziellen. So etwas ist für das ganze Klima bei Dortmund nicht gut. Ich wünsche Klopp, dass er ruhiger wird.