Motorsport

Zeit für die rosarote Brille

Nach Sieg in Südkorea: Vettel erstmals seit Mai wieder Spitzenreiter in der Formel-1-WM und großer Favorit auf den Titelgewinn

- Die Aufgabe von Adrian Newey ist es, Dinge vor allen anderen zu wissen. Der Brite mit dem Spitznamen "Superhirn" entwirft im Winter die Red-Bull-Autos für die nächste Formel-1-Saison, er muss antizipieren, welche Auswirkungen minimale Regeländerungen haben und wie die Konkurrenz darauf reagieren wird. Im Vorjahr bescherte sein Geniestreich, den Diffusor an Sebastian Vettels Auto mit heißer Luft anzuströmen, dem Deutschen den souveränen Titelgewinn. Sein jüngster Clou in dieser Saison war ein Mini-Spoiler an Vettels hinterer Helm-Seite, der beim Großen Preis von Südkorea erstmals eingesetzt wurde. All das verblasst jedoch im Vergleich zu dem Geistesblitz, der ihm vor der Siegerehrung in Yeongam durch den genialen Kopf schoss. Weil mit Vettel und Mark Webber zwei Red-Bull-Piloten die ersten beiden Plätze belegt hatten, ahnte der 53-Jährige, dass ihm auf dem Podium gleich eine doppelte Champagner-Dusche drohte. Also packte Newey eine alte Ski-Brille ein und zog sie eilig über den kahlen Schädel, bevor ihm seine Piloten die prickelnde Brause in die grünen Augen spritzen konnten.

Red Bull mit Doppelsieg

"Normalerweise braucht man danach 30 Minuten, bis man wieder richtig sehen kann, so klebrig ist das", sagte Teamchef Christian Horner, der vor einem Jahr an gleicher Stelle genau diese Erfahrung gemacht hatte: "Ich kann Adrian sehr gut verstehen." Nach einem kurzen Moment der Verwunderung fand sich auch Sieger Vettel mit dem ungewöhnlichen Manöver ab und ließ den Schampus ohne Rücksicht ins lachende Gesicht von Newey sprudeln. "Das ist einfach nur fantastisch. Das war ein wirklich tolles Rennen, es lief perfekt für uns", schwärmte der Hesse und kündigte an: "Wir werden heute noch was trinken zusammen, bevor es dann ans Zusammenpacken geht." Dieser Form der Flüssigkeitsaufnahme konnte sich auch Newey nicht entziehen.

Nach dem ersten Doppelsieg dieser Saison haben sie bei Red Bull ja auch allen Grund zu Feiern. Vettels dritter Triumph in Folge katapultierte ihn zum ersten Mal seit Mai wieder an die Spitze der WM-Wertung. Vor dem verbleibenden vier Rennen führt der Deutsche, der bereits nach drei Kurven an Pole-Mann Mark Webber vorbeiziehen durfte, mit sechs Punkten vor Fernando Alonso, der in Südkorea als Dritter ins Ziel fuhr. "Wir dürfen uns nicht ausruhen und müssen nach vorne schauen. Aber ich hoffe natürlich, dass wir den Lauf mitnehmen können in die restlichen Rennen", meinte der 25-Jährige. Im Mai hatte seine größte Führung im Gesamtklassement noch vier Punkte betragen. Näher als jetzt war er dem ersehnten Titel-Hattrick, der ihn in eine Reihe mit Juan Manuel Fangio und Michael Schumacher befördern würde, noch nie.

Weil es in einem knappen Finish, auf das diese Formel-1-Saison schnurgerade zuläuft, immer auch um die Psychologie der Protagonisten geht, versuchte Vettel umgehend, die Konkurrenz einzulullen: "Ferrari und Alonso waren heute sehr stark." Der Weltmeister der Jahre 2005 und 2006 konterte kühl: "Die Red Bull sind zurzeit nicht zu schlagen, deshalb muss ich mit Platz drei zufrieden sein." Das ist ein untypischer Satz für ihn, denn Alonso ist nur zufrieden, wenn er Erster ist. Dieser Anspruch verbindet ihn mit Vettel und macht den Kampf um die WM-Krone so elektrisierend.

Dass mit dem ersten Führungswechsel seit fast einem halben Jahr jedoch noch längst keine Entscheidung gefallen ist, beweist Alonsos verschmitztes Lächeln auf dem Podium. Während Vettel und Webber artig alle verfrühten Glückwünsche abzuwehren versuchten, stand Alonso sinnierend neben ihnen. Für den nächsten Grand Prix in Indien hat Ferrari ein umfangreiches Technik-Update angekündigt. Nach seinem dritten Platz in Südkorea hat der 31-Jährige noch immer alle Trümpfe in der Hand und kann sich aus eigener Kraft zum Champion krönen. Allerdings wächst der Druck mit jedem Rennen: Funktionieren die Modifikationen in Indien nicht wie gewünscht, ist aufgrund des engen Zeitplans bis zum Finale in Brasilien am 25. November kein nennenswerter Entwicklungssprung des Autos mehr möglich. Es beginnt nun die Phase der Saison, die keine Fehler mehr verzeiht.

Bei Mercedes werden sie daher froh sein, nichts mit dem Titelkampf zu tun zu haben. Auch in Südkorea erlebte der schwäbisch-britische Rennstall wieder ein Wochenende voller Missgeschicke und ging zum zweiten Mal hintereinander komplett leer aus. Während Nico Rosberg in der erste Runde Pech bei einer Kollision mit Sauber-Fahrer Kamui Kobayashi hatte und ausschied, muss Michael Schumacher seine Abschieds-Tournee allmählich vorkommen wie ein nicht enden wollender schlechter Traum. "Es gibt Rennen, in denen einfach nichts zusammen passt, die man schnell abhaken muss. Dies war eines dieser Rennen", sagte er frustriert, nachdem er bereits zum neunten Mal in dieser Saison ohne Zähler geblieben war.

Haug entlastet Schumacher

Der 43-Jährige war als Zehnter ins Rennen gegangen. "Wir haben es nicht geschafft, die Reifen über die Distanz zum Funktionieren zu bringen, daher diese Schwankungen im Rennen, und daher auch der Leistungsrückschritt", sagte Schumacher. Selbst Mercedes-Sportchef Norbert Haug musste eingestehen: "Michaels Auto hatte zu keinem Zeitpunkt des Rennens den von uns erwarteten Grip. Wir müssen dieses Wochenende schnell abhaken, aber nicht, ohne vorher eine gründliche Analyse durchzuführen, um zu verstehen, was heute falsch gelaufen ist."

Vor dem Grand-Prix-Wochenende in der Einöde Südkoreas machte das Gerücht die Runde, dass Mercedes an einer Verpflichtung Adrian Newey, dessen Autos acht Einzel- und sieben Konstrukteurs-Titel einfuhren, interessiert sein soll. Angeblich hat der neue Aufsichtsrat Niki Lauda seine Absichten bei dem österreichischen Rennstall schon persönlich vorgetragen. Eine schnöde Ski-Brille wird Newey bei Mercedes wohl kaum reichen.