Doping

Dunkle Machenschaften

Zeugenaussagen im Dopingprozess gegen Lance Armstrong enthüllen ein monströses System

- Viel hat nicht gefehlt, und Michael Barry (36) wäre heute entweder gelähmt oder tot, so schwer ist er vor sechs Jahren während der Flandern-Rundfahrt zu Fall gekommen. Barry trat damals für das Radteam Discovery Channel in die Pedale, mit dem Lance Armstrong (41) im Jahr zuvor zum siebten Mal die Tour de France gewonnen hatte und dessen Geschicke der Texaner noch immer hinter den Kulissen mitleitete. Erst im Krankenhaus wachte Barry auf. Doch niemand vom Team ließ sich blicken, um nach seinem Wohlbefinden zu fragen. "Da realisierte ich, dass ich Wettkämpfe bestritt und Risiken einging für Leute, die sich um meine Gesundheit und mein Wohlergehen nicht scherten." So sagte Barry es in seiner Vernehmung als Zeuge im Ermittlungsverfahren der US-Antidoping-Agentur Usada.

Team trennt sich von Bruyneel

Seit Mittwochabend sind dessen spektakuläre Ergebnisse nun öffentlich, und die Details ergeben zusammengefügt ein Bild von Armstrong und den Lenkern des ehedem unter dem Namen US Postal firmierenden Radrennstalls, wie es düsterer kaum sein könnte. Vor allem der 1999 als Teamchef installierte Johan Bruyneel (48) wird als Kopf eines über Jahre hinweg verfeinerten Dopingsystems entlarvt. 2009 veröffentlichte der Mastermind hinter Armstrongs Erfolg im Rennsattel ein Buch: "Die Kunst zu siegen." Inzwischen ist klar, dass Doping die entscheidende Rolle dafür spielte. Frühere Fahrer und Armstrong-Weggefährten berichteten gegenüber der Usada, wie Bruyneel stets mit Argusaugen über Werte und Dosierungen wachte. "Johan war in jeden Aspekt des Team-Trainings und -Dopings involviert. Er war sehr herrschend, und ich tat nie etwas Bedeutendes, ohne vorher mit Johan darüber gesprochen zu haben", sagte Tom Danielson aus. Der Amerikaner fuhr zwischen 2005 und 2007 unter Bruyneel. Der Belgier wurde gestern als Generalmanager des prominent besetzten Teams Radio-Shack-Nissan abgesetzt, in dem auch vier deutsche Radprofis unter Vertrag stehen. Für seine Vita interessiert sich bereits die belgische Staatsanwaltschaft. Gemeinsam mit verschiedenen Teamärzten hat Bruyneel den Usada-Ermittlungen zufolge ein Dopingsystem aufgezogen, das in seinen Ausmaßen monströs erscheint.

Derart gut geschmiert lief es bei US Postal (ab 2005 Discovery Channel), dass die Konkurrenz neidisch staunte. "Wir wollten alle das Rezept, dasselbe wie Armstrong", sagte Bruyneels Landsmann Rudy Pevenage (58), der als einer der Drahtzieher des systematischen Dopingbetrugs im deutschen Telekom-/T-Mobile-Rennstall mit Jan Ullrich gilt. "Wieso sind wohl alle seine Rivalen von damals - Botero, Beloki, Sevilla, Ullrich, Basso, Hamilton, Winokurow - danach gestürzt? Sie wollten es so machen wie er (Armstrong, d.Red. ), aber hatten nicht die gleichen Mittel und waren vor allem nicht so beschützt." Pevenages Jammern in der französischen Zeitung "L'Equipe" mündet darin, sich und die genannten Fahrer als "Opfer von Lance Armstrong und Johan Bruyneel" und von deren "Höllenmaschine" zu bezeichnen.

2003 bat Armstrong seinen Freund George Hincapie einmal, einen Raum in dessen Appartement in Girona/Spanien benutzen zu dürfen. Er selbst hatte in seiner Wohnung offenbar gerade Besuch. Hincapie willigte ein. Armstrong verschwand daraufhin mit dem US-Postal-Teamarzt Doktor del Moral für etwa 45 Minuten hinter verschlossenen Türen, nicht ohne sich vorher einen Kleiderbügel zu borgen. An solchen wurden für gewöhnlich Blutbeutel für Transfusionen an der Wand aufgehängt, erklärte Hincapie.

"Das Epo lag neben der Milch"

Wie andere Fahrer wurde der Edelhelfer von Armstrong gelegentlich mit Epo versorgt. So etwa in Nizza 2005. Tyler Hamilton (41), ein weiterer Weggefährte Armstrongs und inzwischen einer von dessen größten Feinden, erzählte den US-Dopingfahndern als Zeuge: "1999 war ich in Nizza in Lance' und Kristin Armstrongs Villa. Mein Hämatoktritwert war unten, und ich fragte Lance, ob er Epo hätte, das ich mir borgen könnte. Er schickte mich zum Kühlschrank, wo das Epo neben der Milch lag. Ich habe mich dann bedient." Im Jargon nannten die US-Postal-Fahrer Epo "Poe" und "Edgar". Es kam sogar vor, dass Teamchef Bruyneel die Bereitstellung von Dopingmethoden durch das Team als Druckmittel zum Beispiel bei anstehender Vertragsverlängerung einsetzte.