Michel Trabant

Das Leben kann brutaler sein als jeder Boxkampf

Als jüngstem Profi stand ihm die Welt offen, nun kämpft Michel Trabant für kleines Geld in Velten

- Es kommt nicht so häufig vor, dass ein Boxer die Anzahl seiner Amateurkämpfe als Profi übertrifft. Michel Trabant gehört ab Sonnabend (Beginn 19 Uhr) zu diesem erlauchten Kreis. Dann klettert der mittlerweile 34 Jahre alte Faustkämpfer in Velten in den Ring. In Velten, in der mit rund 1300 Zuschauern bereits ausverkauften Ofen-Stadthalle. Nicht Berlin, O2 World oder gar Las Vegas, nein, Velten. 53 Duellen mit Hemd (48 Siege, 4 Niederlagen, ein Unentschieden) stehen dann 54 mit freiem, nach 17 Jahren als Berufboxer nicht mehr ganz so knackigem Oberkörper gegenüber. Und, weil es so nett ist, stehen für den einst jüngsten Profi Deutschlands auch bei den Professionals 48 Siege, vier Niederlagen und ein Unentschieden zu Buche.

Vom Trabbi zum Phantom

Michel Trabant ist wieder da. Die letzte bemerkenswerte Schlagzeile die der einst liebevoll "Trabbi" gerufene, später zum "Phantom" stilisierte Berliner über sich gelesen hat - Boxer Trabant verprügelt junge Frau - hätte er sich gern erspart. Die schließlich gegen ihn verhängte Geldbusse in Höhe von 1350 Euro aber, die dürfte der einstige Europameister und WM-Kandidat (abzüglich aller Kosten für die Steuer, den Trainer und die Versicherung) am Sonnabend wieder der eigenen Börse zuführen können. Viel mehr Netto vom Brutto bleibt vermutlich nicht.

Trabant hat fast alle Höhen, aber ganz sicher alle Tiefen in seinem Leben mitgemacht. Die Tiefen überwogen in den letzten Jahren. Ganz tief dann ein Ausraster im "Soda-Klub" auf dem Gelände der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg. Die Schilderung aus dem Tathergang liest sich wie folgt: Einem Streit zwischen mehreren jungen Frauen, offenbar ausgelöst von Trabants Begleiterin, waren vorausgegangen. Trabant habe einige Zeit zuvor mit einem dieser Mädchen eine Art Verhältnis gehabt. Daher vielleicht auch der Eifersuchtsausbruch, der sogar zu Zoff mit mehreren Besucherinnen Zoff geführt haben soll. Trabant war hinzugekommen, hatte seinem späteren Opfer ein paar Beschimpfungen zukommen lassen und sie dann unvermittelt attackiert. Der Anklageschrift zufolge packte er die 22-Jährige hart am Arm, riss sie zu sich herum und schlug ihr mit seiner Faust zunächst ins Gesicht, dann auf das linke Ohr und auch auf den Mund. Das spätere 1350-Euro-Urteil galt als geradezu unverschämt milde.

Milde für einen, der mit einem sensationellen Talent für den Boxkampf gesegnet war (und ist) - und dennoch viel zu oft unfähig war, sein Privatleben zu meistern. Einer, der einst glücklich verheiratet schien, mit der sieben Jahre älteren Wahrsagerin und Kartenlegerin Anja Weber. Der mit ihr kurze Zeit in einer Villa mit Swimmingpool in Borgheide bei Beelitz gelebt hatte. Das kurze gemeinsame Glück vervollständigten Sohn Michel junior, drei Pferde und zwei Rassehunde. Einer der aber auch ansehen musste, wie die Alkoholabhängigkeit seine Frau in den Tod mit 38 Jahren riss. Anja Trabant, zu diesem Zeitpunkt bereits von Michel geschieden, wog noch 38 Kilo, lag zuvor fast sechs Wochen lang in der Charite im Koma. Weder Michel noch die ehemalige Box-Weltmeisterin Regina Halmich, Anjas langjährige Freundin, hatten noch Zugang zu ihr. "Ich will ganz von vorn anfangen, bin froh, dass alles vorbei ist. Ich will noch ein bisschen boxen und meine Ruhe haben. Ich habe für ein Leben genug Scheiße erlebt", blickt Trabant gleichermaßen zurück und voraus. "Boxen ist einfach geil. Ich habe gute Kämpfe gehabt und viele Fans. Ich war Europameister und alles andere ist eben so gekommen, wie es gekommen ist", schiebt er, phasenweise auf Hartz IV angewiesen, hinterher.

Jetzt also Velten. Schuld am Trabbi-Comeback ist Marco Schulze, Veltens vielleicht bekanntester Bürger. Ebenfalls einer, für den das Berufsboxen den fabelhaften Ausdruck "Journeyman" geprägt hat. Ein Reisender, der die Ranglisten ein bisschen aufwärts "reist" und auch ganz schnell wieder ein bisschen abwärts. "Schulle" ist nie so erfolgreich gewesen wie sein Freund und Sparringspartner Michel. Trotzdem ist der 35-Jährige Weltmeister im Halbmittelgewicht (69,8 kg) - bei der unbedeutenden Global Boxing Union (GBU).

Aber Marco Schulze hat etwas nicht, was Trabant reichlich hat: Phlegma. Als Vollprofi nicht gut genug, gründete er mit seinem Bruder Ronny eine Mini-GmbH (S & S-Eventmanagement). "Wir ackern wie verrückt für so einen Kampfabend. Wir reden in Velten und Umgebung mit 50 oder 60 kleinen Sponsoren. Die meisten machen mit und wir haben ein Budget. Vor allem die Stadt hilft uns." Schulze, der Macher.

Zwei, die sich verstehen

"Marco ist ein Klassetyp. Bei ihm boxe ich gern", sagt Trabant. Nicht zuletzt, weil sie die Aufs und Abs im Leben verbindet.

Seinen ersten Profivertrag durfte Michel Trabant nicht selbst unterschreiben. Das taten für den 17-Jährigen seine Eltern. Aufgewachsen in Prenzlauer Berg begann Trabant als Zehnjähriger mit dem Boxen. Schon mit elf trainierte er zeitweise beim Berliner Proficoach Werner Papke, der sein Talent erkannt hatte, der aber später in einem Prozess um sexuelle Nötigung und Missbrauch von Schutzbefohlenen, zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Inwieweit Trabant und sein jüngerer Bruder Stefan darin verwickelt waren, wurde nie restlos öffentlich.

Über die Stationen Universum Box-Promotion in Hamburg, daher rührte die Freundschaft zu Regina Halmich, und Team Sauerland boxte sich Trabant 2002 in Danzig gegen den Dänen Christian Bladt zum Europameistertitel im Weltergewicht (66,6 kg). Den Titel hielt er bis Juli 2004. Ein WM-Duell gegen den Amerikaner Jose Antonio Rivera verlor er im September 2003 in Berlin durch ein 1:2-Urteil.