Hertha BSC

"Pezzoni ist in einem guten Zustand"

Hertha-Trainer Luhukay macht dem Abwehrspieler nach dem ersten Kennenlernen Hoffnung

- Im Trainingsspiel hatte der Neue einen schweren Stand. Sieben-gegen-Sieben wurde gekickt. Das Team mit Kevin Pezzoni verlor 1:6, auf der Gegenseite erzielte Sami Allagui fünf Treffer. Nach der ersten Übungseinheit versammelte sich ein Medienaufgebot, wie es Berlin bei einem Testspieler noch nicht gesehen hat, um Pezzoni. Die TV-Reporter wuchteten ihre Kameras auf die Stative, die Radioreporter schwenkten ihre Mikrofone, bei der schreibenden Zunft flogen die Kugelschreiber über die Notizblöcke. Als das Frage-Antwort-Ritual beendet war, machte sich der Neu-Berliner auf den Weg Richtung Umkleidekabine - da schallten die Rufe der jüngsten Fans hinter ihm her: "Pezzoni, Pezzoni". Der machte noch mal kehrt, erfüllte Autogrammwünsche und stellte sich eins ums andere Mal für fotografierende Fans in Pose - alle Augen waren auf Kevin Pezzoni (23) gerichtet.

Der erste Tag des Fußball-Profis, der einen Neustart bei Hertha BSC versuchen will. Doch soweit ist es noch nicht. Der ambitionierte Zweitligist und der Defensivspieler haben vereinbart, diese und die kommende Woche zum gegenseitigen Kennerlernen zu nutzen.

Noch ist nichts entschieden, alles ist möglich - entsprechend vorsichtig gehen beide Seiten miteinander um. Pezzoni, der als einziger Spieler ohne Rückennummer auf der Arbeitskleidung unterwegs war, sagte: "Hertha ist ein sehr großer Verein. Ich bin dankbar, dass ich hier mitmachen darf." Seine Karriere war nach Drohungen von Fans und der vorzeitigen Vertragsauflösung zum 31. August beim 1. FC Köln ins Stocken geraten. Für Pezzoni ist der Hauptstadt-Klub eine Chance. Der 1,93 Meter große Profi drückte sein Kreuz durch und formulierte vorsichtig: "Ich will hier reinschnuppern und einen guten Eindruck hinterlassen. Ich hoffe, am Ende für Hertha spielen zu dürfen."

Deutscher Verteidiger gesucht

Nun haftet Verpflichtungen außerhalb der üblichen Transferzeiten (jeweils im Januar und im Juli/August eines Jahres) das Etikett der "Notlösung" an oder das der schlechten Planung. Und Profis, die zu diesen Zeiten arbeitslos sind, haftet der Ruf an, nicht gut genug zu sein, sonst wären sie schließlich unter Vertrag.

In diesem Fall, so versicherte es Trainer Jos Luhukay, sei alles ganz anders. Hertha hat erst im August mit Sebastian Neumann (an den VfL Osnabrück verkauft) und Fanol Perdedaj (an Lyngby BK verliehe) zwei Defensivspieler abgegeben. Dennoch sei zu jenem Zeitpunkt nicht vorhersehbar gewesen, dass mit Maik Franz, Felix Bastians und Christoph Janker drei Manndecker gleichzeitig fehlen würden. Hertha denke nun über einen neuen Defensivspieler nach, "weil wir mehrere längerfristige Ausfälle in der Innenverteidigung haben", sagte Trainer Luhukay. Bei der Fahndung haben "wir uns vor allem in Deutschland umgeschaut. Da sind wir auf Kevin gekommen". Deshalb, so Luhukay, habe Hertha "Pezzoni eingeladen". Außerdem liege dieser Fall anders, weil Pezzoni nicht zu jenen Profis gehört, auf die das ungeschriebene Luhukay-Gesetz angewendet wird 'Bei mir spielt niemand, ehe er nicht sechs Wochen trainiert hat'. Bei zehn ausstehenden Saisonpartien für Hertha bis zur Weihnachtspause würde eine Verpflichtung keinen Sinn machen, wenn der Neue erst mal sechs Wochen Basisarbeit verrichten müsste. Das sei auch nicht der Fall, sagte der Trainer: "Kevin hat die komplette Vorbereitung in Köln mitgemacht und in der Zweiten Liga bereits gespielt. Dann hat er sich vier Wochen bei Eintracht Frankfurt fit gehalten. Er hat alle Trainingsumfänge mitgemacht und ist in einem gutem Zustand."

Der Übungsleiter war voll im Thema. Auf die Frage, wieso Pezzoni Hertha helfen könnte, sagte Luhukay: "Kevin kann im defensiven Mittelfeld spielen und in der Innenverteidigung. Er hat eine gute Übersicht, einen guten linken Pass, ist kopfballstark, sowohl defensiv wie offensive. Das sind Eigenschaften, die wir gebrauchen können."

Hertha testet gegen Halle

Pezzoni ist mit Freundin Justin nach Berlin angereist und wohnt in einem Hotel. Mit dem Trubel um seine Person ging er professionell um. Aber zu den Vorgängen in Köln, als ihn fünf FC-Anhänger, zum Teil mit Baseballschlägern bewaffnet, zuhause aufgesucht und bedroht hatten, wollte er nichts mehr sagen. "Das Thema Köln ist abgehakt. Ich konzentriere mich auf Hertha, ich will Gas geben", sagte Pezzoni. Nachfragen, wie er die Geschehnisse in den vergangenen Woche verarbeitet habe, blockte er ab: "Hätte ich noch Probleme mit den Vorgängen, wäre ich nicht hier. Ich konzentriere mich auf Hertha, mehr will ich dazu nicht sagen."

Dennoch soll nichts überstürzt werden. Auf zehn Tage ist das gegenseitige Kennenlernen angelegt. "Kevin kann sich in den nächsten Tagen integrieren", sagte Luhukay. "Wir gehen das in Ruhe an, das nächste Punktspiel ist erst Freitag in einer Woche." Noch offen ist, ob er bei einem kurzfristig angesetzten Test morgen gegen Drittligist Halle spielt. Eine Entscheidung, ob Pezzoni einen Vertrag bei Hertha erhält, fällt Mitte kommender Woche.