Hertha BSC

Vom Sorgenkind zum Torjäger

Nach privaten Turbulenzen beweist Änis Ben-Hatira mit seinen zwei Treffern gegen 1860 München, wie wertvoll er für Hertha ist

- Im Dauerlauf joggte Änis Ben-Hatira vorbei. Auf dem steinigen Boden der Pressezone unten in den Katakomben des Berliner Olympiastadions klackerten seine Stollenschuhe, als der 24 Jahre alte Offensivspieler von Hertha BSC im Slalom zwischen seinen Mannschaftskollegen hindurchhuschte. Direkt in die Kabine. Kein Kamerateam, das ihn vor die Linse bekam. Kein Schreiberling, der ihn für eine klitzekleine Wortmeldung aufhalten konnte. Da nützte es auch nichts, dass Herthas Pressesprecher Peter Bohmbach dreimal lautstark nach ihm rief. Nichts zu machen: Ben-Hatiras Entscheidung, nach zwei fabelhaften Treffern beim in dieser Deutlichkeit völlig überraschenden 3:0 seiner Mannschaft gegen den Aufstiegskonkurrenten 1860 München einen ziemlich großen Bogen um die Presse zu machen, war unumstößlich. Er schwieg.

Verbrüderung mit den Fans

Nur wenige Augenblicke zuvor war Änis Ben-Hatira jedoch alles andere als schweigsam gewesen. Da tanzte und sang er zusammen mit Peter Niemeyer und Co. vor der Ostkurve, stimmte ein in die obligatorischen "Uffta, uffta, uffta, tätärä"-Rufe und schwenkte darüber hinaus eine riesige Hertha-Fahne wie eine Trophäe durch den verregneten Berliner Abendhimmel. Die Kommunikation mit den Fans, die funktionierte also noch prächtig an diesem erfolgreichen Freitagabend. Das war auch zu beobachten, als der gebürtige Berliner nach seinem herrlichen Heber über den Ex-Herthaner Gabor Kiraly im Tor der "Löwen" zum 3:0-Endstand einen Satz über die Bande machte und vor der vollgepackten Ostkurve jubelnd herumsprang wie Rumpelstilzchen ums Feuer. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass sich hier jemand mit den eigenen Anhängern verbrüderte. "An dieser Reaktion hat man gesehen, wie wichtig für Änis heute eine Antwort auf dem Platz war", sagte nach der turbulenten Partie Herthas Manager Michael Preetz sichtlich erleichtert, um aber gleichermaßen eine leise Forderung an den Mittelfeldspieler nachzuschieben: "Ich hoffe, dass bei ihm heute endgültig der Knoten geplatzt ist und es so weitergeht."

Diesen Knoten hatte sich Änis Ben-Hatira in gewisser Weise selbst gebunden, als er in der Nacht nach dem Spiel in Kaiserslautern vor zwei Wochen in einen Disput mit seiner Ex-Freundin geriet, ihr dabei das Portemonnaie entwendet haben soll und von der Polizei kurzzeitig festgenommen wurde. Eine Strafanzeige wegen Raubes steht immer noch im Raum, obwohl der Hertha-Profi einer entsprechenden Darstellung mittlerweile über seinen Anwalt hat widersprechen lassen. Die negativen Schlagzeilen überschlugen sich daraufhin in der Hauptstadt, und Ben-Hatira entschied sich zu schweigen.

Doch diese unschöne Geschichte konnte auch an dem ansonsten so robust auftretenden Ben-Hatira nicht vorbeigehen. In welchem Spannungsfeld und zwischen welchen Welten sich ein Fußballprofi bewegt, bekam der Deutsch-Tunesier zu spüren, als er sich auf der Polizeiwache erst komplett entkleiden musste, um den Beamten dann nach dem Prozedere fleißig Autogramme zu schreiben.

Die Antwort auf die "Portemonnaie-Affäre" wollte Ben-Hatira auf dem Platz geben. Bei seinem ersten Auftritt nur vier Tage danach gegen Dynamo Dresden (1:0) blieb er jedoch blass. Welchen Stellenwert er trotz der Eskapade und der durchwachsenen Leistung bei den Hertha-Fans genießt, bewies der aufbrausende Applaus bei seiner Auswechslung kurz vor Schluss. Vielleicht war dies der Schlüsselmoment für Änis Ben-Hatira, der vor der Saison Angebote von höherklassigen Klubs mit den Worten ausschlug, er tue das für die Stadt, die Familie und die Fans. Die Anhänger also, das war die Botschaft, stehen trotzdem auf seiner Seite.

Und plötzlich läuft es wieder bei dem deutschen U21-Europameister von 2009, der mittlerweile für die tunesische Nationalmannschaft spielt. Beim erschreckend schwachen Auftritt seiner Mannschaft gegen den MSV Duisburg am Wochenanfang bereitete er nicht nur den wichtigen Ausgleich in der Schlussphase von Sandro Wagner mit einer feinen Flanke vor. Er traf zwischenzeitlich auch noch den Pfosten und war Herthas bester Akteur. Gegen die bis zu diesem Zeitpunkt ungeschlagenen Münchner am Freitagabend also gelangen Ben-Hatira binnen 20 Minuten seine Saisontore zwei und drei. Damit hat er bereits jetzt so viele Tore erzielt wie in der gesamten vergangenen Bundesligasaison. Sein Trainer Jos Luhukay lobte die Leistung seines Mittelfeldspielers nach der Partie. "Änis hat ein richtig starkes Spiel gemacht", sagte der Niederländer, der sich dafür belohnt sah, dass er trotz der Turbulenzen stoisch weiter an Ben-Hatira festgehalten hatte. Bei allen verletzungsbedingten Ausfällen, mit denen Luhukay in den vergangenen Wochen zu kämpfen hatte, wird Ben-Hatira plötzlich zu einer Konstanten im Berliner Spiel und immer wichtiger für das Saisonziel - den direkten Wiederaufstieg.

Bigpoint im Kampf um den Aufstieg

Dass die Herthaner gegen 1860 München aber den ersten Bigpoint im Kampf um den Aufstieg landen konnten, lag nicht allein an dem Doppeltorschützen Ben-Hatira. Mit Adrian Ramos fand er an diesem Abend einen spielfreudigen Kollegen an seiner Seite, der nicht nur mit einem fulminanten Kopfball (55. Minute) - "in seiner unnachahmlichen Art", wie Manager Preetz fand - für die 1:0-Führung sorgte, sondern Ben-Hatiras 2:0 nur 82 Sekunden später exzellent vorbereitete. Für den kolumbianischen Stürmer waren es der zweite Saisontreffer und die zweite Torvorbereitung. Mit dem Sieg gegen die Münchner ist Hertha nun seit sieben Spielen ungeschlagen und geht aller Voraussicht nach auch auf einem Aufstiegsplatz in die Länderspielpause. "Wir haben uns nun eine gute Ausgangslage für die Spiele danach geschaffen", sagte ein zufriedener Jos Luhukay.

Zu einer kleinen Wortmeldung ließ sich Änis Ben-Hatira dann übrigens doch noch hinreißen - nicht an die Medien gerichtet, wohlgemerkt. Auf seiner Facebook-Seite ließ er seine Fans wissen: "3:0!!! So kann es weitergehen. Danke für eure Unterstützung in den letzten Wochen." Seine Krise hatte er da schon überwunden.