Motorsport

Abschied im Land des Lächelns

In Japan verkündet: Rekordweltmeister Michael Schumacher hört am Ende der Formel-1-Saison auf

- Michael Schumacher kam mit dem Roller. In kurzen Hosen und mit Sonnenbrille kurvte er durch die Boxengasse von Suzuka/Japan. Angekommen im Motorhome seines Arbeitgebers Mercedes grüßte er freundlich und sprach dann die Worte, mit denen die Wenigsten an diesem Tag gerechnet haben. "Ich habe beschlossen, meine Formel 1-Karriere zum Saisonende zu beenden", sagte er mit fester Stimme, nutzte eine kurze Atempause, um seinen Blick über die verblüfften Gesichter schweifen zu lassen, und fuhr fort: "Und zwar im Bewusstsein, noch immer mit den Besten der Welt mithalten zu können. Das macht mich stolz, und auch deshalb habe ich mein Comeback nie bereut." Sechs Tage nach der Quasi-Kündigung durch Mercedes hat der 43-Jährige nun also Tatsachen geschaffen. Früher als erwartet und anders als von vielen Protagonisten der Formel-1-Welt erhofft. Der erfolgreichste Pilot hört auf.

"Das ist sehr schade und ein großer Verlust für die Formel 1", sagte stellvertretend Titelverteidiger Sebastian Vettel. Lewis Hamilton, Schumachers Nachfolger bei Mercedes, befand: "Ich denke, niemand kann Michael ersetzen." Schumacher erklärte in seinem kurzen Monolog zwar, noch keine konkreten Pläne für die Zeit nach dem Saisonfinale am 25. November in Sao Paulo zu haben: "Was danach kommt, werden wir sehen. Es gibt für mich Möglichkeiten, dem Konzert erhalten zu bleiben. Ich werde mich zu gegebener Zeit entscheiden."

Ruhelos im Ruhestand

Doch schon acht Wochen vor der endgültig letzten Runde ist klar, dass sich der siebenmalige Weltmeister einen anderen Abgang aus der Formel 1, die er fast ein Jahrzehnt nach Belieben dominiert hat, vorgestellt hat. Einem Vertrauten aus der rheinländischen Heimat soll er seine Gedanken kurz vor der Abreise nach Japan mit folgenden Worten geschildert haben: "Ich habe die Schnauze voll. Ich will jetzt nur noch Spaß haben."

Schumacher hatte gegenüber der Öffentlichkeit geschwiegen in den vergangenen Tagen. Einzig ein hölzernes Statement hatte Mercedes im Zuge der Verpflichtung von Hamilton herausgegeben, darin wünschte Schumacher seinem Nachfolger alles Gute. Seitdem war kräftig spekuliert worden über die Zukunft des Mannes, der schon nach seinem ersten Rücktritt im Jahr 2006 keine Ruhe für das Leben als Motorsport-Pensionär finden konnte. Er sprang Fallschirm und fuhr Motorrad, immer auf der Suche nach dem nächsten Adrenalin-Kick. Drei Jahre nach seinem Rücktritt saß er wieder in einem Formel-1-Cockpit.

Nachdem Mercedes ihm nun den 16 Jahre jüngeren Hamilton vorgezogen hat, rieten ihm die einen zu einem Job als Botschafter bei Mercedes (Ex-Manager Willi Weber), andere wollten ihn weiter in der Formel 1 sehen (Ex-Teamchef Eddie Jordan). Auch wenn der 43-Jährige nun davon spricht, "in den vergangenen Monaten die nötige Motivation und Energie für ein oder zwei weitere Jahre" vermisst zu haben, mehren sich bereits am Tag seines Rücktritts die Anzeichen, dass er eigentlich weiterfahren wollte. Zunächst verschickte die Scuderia Ferrari eine harmlose Mitteilung, in der sie über ein 45-minütiges Gespräch von Schumacher mit Konzernchef Luca di Montezemolo am Rande des Großen Preises von Singapur berichtete. "Jede Liebesgeschichte kann einmal zu Ende gehen, so wie es zwischen Michael und Ferrari der Fall war", heißt es da lapidar. Nach Morgenpost-Informationen lag Schumacher zudem ein unterschriftsreifes Angebot des Schweizer Sauber-Rennstalls vor.

Deren Vorstandschefin Monisha Kaltenborn hatte bereits am Wochenende angedeutet, Interesse an einer Verpflichtung des größten PR-Zugpferdes im Motorsport zu haben. Doch Schumacher verweigerte die Unterschrift - womöglich fürchtete er eine Fortsetzung der vergangenen drei Jahre, in denen er zumeist nur die Rücklichter der Spitzengruppe zu sehen bekam. Hinzu kommen die latent finanziellen Schwierigkeiten bei den Schweizern, die die Planung einer gemeinsamen erfolgreichen Zukunft erschweren.

Die große Frage, die über der Abschieds-Erklärung auf seiner Lieblingsstrecke im Land des Lächelns schwebt, lautet nun: Warum führt jemand, der nach eigenen Angaben seit Monaten an seiner Motivation zweifelt, kurz vor Saisonende Vertragsverhandlungen mit anderen Rennställen? Die Antwort darauf kann nur lauten: Weil er liebend gerne weiter in der Formel 1 geblieben wäre. Derjenige, dem stets alle zu Füßen lagen wegen seiner wohl nie mehr einzustellenden Rekorde und wegen seines unbändigen Siegeshungers, ist nicht mehr im Mittelpunkt der Begehrlichkeiten. Dieses Gefühl muss Schumacher mehr schmerzen als alle Defekte der vergangenen drei Jahre zusammen.

Dieses Ende passt in das unrühmliche Bild, das Mercedes am vergangenen Freitag zu zeichnen begann. In einer Pressemitteilung wurde der Schluss der Zusammenarbeit mit Schumacher verkündet. Der verriet in Suzuka allerdings, in die Verpflichtung Hamiltons involviert gewesen zu sein. Warum also überließ man ihm bei Mercedes dann nicht auch den ersten Schritt und die Verkündung seines Karriereendes? Wenn dann einen Tag später Lewis Hamilton als Nachfolger vorgestellt worden wäre, wären beide Parteien als strahlende Sieger nach Japan gekommen: Der mit sieben Titeln und 91 Siegen unbestritten große Schumacher, der mit 43 Jahren eingesehen hat, dass irgendwann Schluss sein muss. Und Mercedes, die prompt reagierten und mit Hamilton einen hochkarätigen Ersatz, weil selbst Weltmeister 2008, präsentieren.