Zweite Liga

Hertha humpelt ins Spitzenspiel

Nach Franz und Bastians fällt auch Hubnik gegen 1860 München aus. Kapitän Niemeyer beißt auf die Zähne

- Der Vorgang gehört zur allwöchentlichen Routine. Die Pressemitteilungen sind kurz, meist vier oder fünf Zeilen. Darin enthalten stets zwei Kolonnen von Namen. Doch diesmal war es anders: Mit Hochspannung wurde die Bekanntgabe von Hertha BSC nach dem Abschlusstraining erwartet. Wer steht im 18er-Aufgebot? Und wer nicht?

Um 17.16 Uhr gestern war es so weit. Und die Verletzungsmisere setzt sich auch zum Topspiel der Zweiten Liga heute gegen 1860 München fort (18 Uhr, Olympiastadion). So meldete sich gestern beim Abschlusstraining mit Roman Hubnik der vierte Innenverteidiger in Folge verletzt ab. Der tschechische Nationalspieler hat sich zu Wochenbeginn beim MSV Duisburg (2:2) eine Oberschenkel-Prellung zugezogen. Dort war auch Felix Bastians ausgefallen (Anriss des Außenbandes am Knie/vier Wochen Pause). In der Woche zuvor war Maik Franz an der Schulter operiert worden, drei Monate Pause. Christoph Janker laboriert immer noch an den Folgen einer Leistenoperation. "Wir müssen im Moment da umstrukturieren, wo es uns am meisten weh tut: in der Abwehr", sagte Trainer Jos Luhukay.

Hertha muss gegen den zweitbesten Angriff der Liga - 1860 hat 13 Tore erzielt - erneut ein Abwehrzentrum aufbieten, das noch nie zusammen gespielt hat. Vermutlich wird es aus Aushilfs-Innenverteidiger Fabian Lustenberger und dem 19-jährigen John Brooks bestehen.

Zwei 17-Jährige im Kader

Hertha will in die Bundesliga zurückkehren. Der Kader ist der teuerste der Liga. Dennoch gehen die vielen Umstellungen auf Kosten der Stabilität. "Wenn eine Mannschaft erfolgreich sein möchte, fängt das nicht vorn an", sagte Trainer Luhukay, "das fängt hinten an."

Wie prekär die Lage ist, zeigt sich beim Blick auf die Ersatzspieler. Mit Hany Mukhtar und Anthony Syhre sitzen zwei 17-Jährige auf der Bank. Die sind im Sommer gerade Deutscher Meister mit Hertha BSC geworden - für B-Jugendliche. Eigentlich hätten beide noch zwei Jahre in der A-Jugend vor sich. Nun sollen sie den Profis im Aufstiegsrennen helfen. Und das gleich im Spitzenspiel. Deshalb schließt Trainer Luhukay nicht einmal grundsätzlich aus, dass sich Hertha in der anstehenden Länderspiel-Pause auf dem Markt arbeitsloser Verteidiger umschaut. Aber bis zur Winterpause im Dezember stehen noch elf Spiele an. Eine Entscheidung, ob Hertha jemanden von außen holt, soll Anfang kommender Woche getroffen werden. Der Ausgang der 1860-Partie wird ein Puzzle-Stein dieser Diskussion sein. "Meine Antwort ist nicht Ja und nicht Nein", sagte Luhukay. Er ließ aber durchblicken, dass er die Probleme am liebsten mit internem Personal lösen möchte.

Der Trainer lobte die Gäste aus München als "anspruchsvollen Gegner, eine erfahrene, eingespielte Mannschaft". Ein Faustpfand der "Löwen" ist die Abwehrstärke. Der TSV 1860 hat ebenso wie Spitzenreiter Braunschweig in acht Spielen lediglich drei Gegentreffer kassiert. Und zwischen den Pfosten steht mit dem ehemaligen Herthaner Gabor Kiraly (36) immer noch ein Toptorwart. Zudem beschreibt Luhukay 1860 als die "vielleicht beste Mannschaft im Umschaltspiel in der Liga, wenn sie den Ball erobert haben". Die Offensive um Kapitän Benjamin Lauth sei sehr stark. "Da strahlen alle vier Torgefahr aus", sagte Luhukay, "ein unberechenbarer und unangenehmer Gegner, der bis zum Saisonende oben mitspielen wird."

Allagui statt Wagner

Eben deshalb wäre ein Sieg gegen den unmittelbaren Konkurrenten für Hertha Gold wert. Derzeit liegen die Berliner mit 15 Punkten einem Zähler hinter den in dieser Saison noch ungeschlagenen Sechzigern. Die Vorzeichen verheißen den Berlinern jedoch ein schwieriges Spiel. Im Vorverkauf setzte der Hauptstadt-Klub lediglich 30.000 Tickets ab. Bei zuletzt sechs Begegnungen ohne Niederlage und mit Blick auf den prominenten Gegner hatten sich die Hertha-Verantwortlichen etwas mehr Enthusiasmus in der Stadt erhofft.

Immerhin meldete sich Peter Niemeyer für das Prestigeduell der beiden Traditionsklubs fit. Der Hertha-Kapitän mit seiner Kampfkraft war am Montag in Duisburg schmerzlich vermisst worden. Seine Außenbanddehnung am Knie ist so weit abgeklungen, dass ein Einsatz heute möglich scheint. "Peter kann der Mannschaft Sicherheit und Stabilität geben", sagte Trainer Luhukay.

Auch die Aufstellung im Sturm wird sich erst kurzfristig klären. Sandro Wagner hatte sich mit drei Toren und einer Vorlage in der internen Hierarchie zuletzt weit nach oben gespielt. Nun setzt den Stürmer ein Magen-Darm-Infekt außer Gefecht. Wagner wird wohl zunächst auf der Bank Platz nehmen. Im Gegensatz zur Defensive verfügt Hertha im Vorwärtsgang über reichlich Alternativen. Mit Sami Allagui, Elias Kachunga und Ben Sahar lechzen drei weitere Angreifer danach, endlich in der Startformation berücksichtigt zu werden. Die besten Karten hat Allagui. Der Deutsch-Tunesier war als Königstransfer im Sommer aus Mainz gekommen und hatte sich ordentlich eingeführt. Doch in den letzten drei Partien stand Allagui keine einzige Minute auf dem Platz. Heute kommt seine Chance. Nun liegt es an Allagui, sie zu nutzen.