Bundesliga

Brüche im System

Draxler fehlt Schalke für vier Wochen. Kritik an ungeduldigen Fans

- Huub Stevens führte nach dem Schlusspfiff einen kleinen Privatkrieg mit seinem französischen Trainerkollegen. Rene Girard hatte dem Coach von Schalke 04 nach dem 2:2 (1:1) gegen HSC Montpellier erst den Mittelfinger gezeigt und dann "fehlenden Respekt" beklagt. "Das ist nicht das Niveau in der Champions League, das ist unwürdig", schimpfte Stevens. Doch der Eklat lenkte nur kurz vom eigentlichen Problem ab: Auf Schalke kippt die Stimmung.

Erneut pfiffen Teile der Zuschauer, obwohl die Königsblauen nach einem frühen Rückstand dank ihres tragischen Helden Julian Draxler kurz vor Schluss 2:1 führten und eine Vorentscheidung um den Einzug ins Achtelfinale vor Augen hatten. Die Spieler erhöhten nun tatsächlich das Risiko und liefen prompt in Überzahl in einen Konter. "Wir müssen lernen, ruhig weiterzuspielen, wenn die Leute pfeifen", sagte Torhüter Lars Unnerstall, der in der Schlussminute den Ausgleich durch Souleyman Camara kassiert hatte: "Stattdessen sind wir nervös geworden und haben hektisch nach vorn gespielt."

In den vergangenen Jahren hatte in solchen Situationen Superstar Raul das Spiel beruhigt. Niemand in der Schalker Arena wagte es zu pfeifen. Wenn aber die jungen Lewis Holtby (22) oder Roman Neustädter (24) das Gleiche versuchen, wird das Publikum vorwiegend auf den teuren Plätzen ungeduldig. "Ich kann nicht nachvollziehen, warum so schnell gepfiffen wird", sagte Kapitän Benedikt Höwedes, "es hilft uns nicht." Die junge Schalker Mannschaft - die Startelf hatte einen Altersschnitt von 23,2 Jahren - hatte ohnedies Probleme mit ihren Nerven, spätestens als die Franzosen durch Karim Ait-Fana in Führung gingen (13.).

Ausgerechnet der Jüngste drehte das Spiel: Draxler erzielte den Ausgleich (26.), er ist nun mit 19 Jahren und 13 Tagen der jüngste deutsche Champions-League-Torschütze. Zudem holte er den Elfmeter heraus, den Klaas-Jan Huntelaar zum 2:1 verwandelte (53.). Doch der Jungstar musste mit einem Bruch der linken Speiche ins Krankenhaus und fällt drei bis vier Wochen aus. "Prost Mahlzeit", schrieb Draxler auf seiner Facebook-Seite und stellte ein Foto seines Gipsarmes dazu.

In der letzten Minute kam die Szene, die Trainer Stevens mehr aufregte als die Unsportlichkeit seines Trainerkollegen. Der für Draxler eingewechselte Ibrahim Afellay vertändelte im gegnerischen Strafraum bei 3:2-Überzahl den Ball, den Konter nutzte Camara zum völlig überflüssigen 2:2. Die Pfiffe schwollen zum Orkan an. "Da musst du den Ball aufs Tor schießen und kein Risiko mehr eingehen", schimpfte Stevens. Manager Horst Heldt nannte das Verhalten "dämlich".

Nach dem guten Saisonstart mit vier Siegen, einem Remis und viel Jubel um "Draxby" zeigt die Schalker Kurve nach unten: Nach nur noch einem Sieg aus den letzten vier Partien droht ein Knacks - obwohl die Gelsenkirchener erst einmal verloren haben. "Unsere Fehler müssen angesprochen werden, aber Krawall ist nicht nötig", sagte Höwedes. Zumindest bei Huntelaar, mit 29 Jahren der Senior im Team, besteht die Gefahr offenbar nicht. "Nee, das ist nicht schwer zu verpacken", sagte der Niederländer, der kurz vor dem Ausgleich die Riesenchance zum 3:1 vergeben hatte, "einfach weitermachen. Es geht immer weiter."