Fußball

Jeden Tag neue Hiobsbotschaften bei Hertha

Luhukay gehen die Spieler aus. Chance für Brooks

- Der wichtige Teil der Lehrstunde begann nach dem Training. Die Kollegen waren längst in der Kabine verschwunden, da stand John Brooks (19) noch mitten auf dem Platz. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, hörte der Innenverteidiger von Hertha BSC zu. 25 Minuten dauerte die Ansprache seines Trainers. 25 Minuten lang appellierte Jos Luhukay an seinen Youngster, den nächsten Schritt zu tun. Die Chance mit beiden Händen zu greifen.

"Ich will, dass die Jungen nicht damit zufrieden sind, dass sie im Profikader trainieren", sagte Luhukay, "John ist zuletzt zweimal eingewechselt worden. Wenn es gut läuft, kann er beim nächsten Mal in der Startelf stehen." Luhukay sprach über das enorme Potenzial, über das der 1,93 Meter große Profi verfüge. Der gebürtige Berliner ist Deutsch-Amerikaner. Vor zwei Jahren hat er ein Angebot des FC Bayern abgelehnt, er will sich bei Hertha durchsetzen. Für die USA hat Brooks in der U20- und U21-Nationalmannschaft gespielt. Längst steht sein Name im Notizbuch von US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann. Doch die positive Einleitung von Luhukay diente nur dazu, Brooks anzustacheln. "Der letzte Schritt, die Siegerausstrahlung, das ist eine Frage der Mentalität", sagte der Trainer.

Wagner hat einen Infekt

So kurz wie zurzeit war der Schritt in die Anfangsformation für Brooks noch nie. Ausgerechnet zum Spitzenspiel morgen gegen den Tabellen-Dritten 1860 München plagen Hertha heftige Personalsorgen (Olympiastadion, 18 Uhr). Dass der derzeit beste Stürmer unter Umständen ausfällt, ist nicht das schlimmste. Sandro Wagner, Vorbereiter und Torschütze beim 2:2 in Duisburg zu Wochenbeginn, fehlte gestern wegen einer Magen-Darm-Infektion. Ob er gegen die "Löwen" spielen kann, ist offen. Aber mit Sami Allagui und Elias Kachunga brennen zwei weitere Angreifer darauf, endlich zum Einsatz zu kommen.

Schmerzhafter treffen den Hauptstadt-Klub die Defensiv-Ausfälle. Das gerade gewonnene Faustpfand, die Stabilität in der Abwehr, zerrinnt Hertha wie Sand zwischen den Fingern. Innenverteidiger Maik Franz fällt nach seiner Schulter-Operation drei Monate aus. Dessen Stellvertreter Felix Bastians, der sich auf Anhieb überraschend stabil eingeführt hatte, zog sich in Duisburg einen Außenband-Anriss am Knie zu. Immerhin blieb dem 25-Jährigen der befürchtete Kreuzband-Riss erspart, aber auch so muss Bastians einen Monat aussetzen. Christoph Janker, in der Kaderplanung ebenfalls für die Innenverteidigung vorgesehen, kann wegen Leistenproblemen derzeit keinen Leistungssport treiben. Und der letzte verbleibende Manndecker, Roman Hubnik, hat sich in Duisburg eine Oberschenkel-Prellung eingehandelt. Der tschechische Nationalspieler konnte gestern nur 20 Minuten laufen. Ein Härtetest beim Abschlusstraining heute muss zeigen, ob Hubnik spielen kann.

Die Folgen dieser Ausfälle, zu denen noch Kapitän Peter Niemeyer (Bänderdehnung im Knie) im defensiven Mittelfeld zählt, waren in der Partie beim Tabellenletzten nicht zu übersehen. Hatte Hertha zuvor gegen Aalen (2:0), Kaiserslautern (1:1) und Dresden (1:0) fast keine Chancen zugelassen, stürzte die Hertha-Abwehr in Duisburg von einer Verlegenheit in die nächste. Am Ende durfte der Aufstiegsaspirant sogar noch froh sein, wenigstens einen Zähler beim Liga-Schlusslicht ergattert zu haben.

Wie gemalt für einen Linksfuß

Gegen 1860 München ahnt Herthas "Mr. Überall", Fabian Lustenberger, gelernter Mittelfeldspieler, was auf ihn zukommt. "Der Trainer hat noch nichts gesagt. Aber wir haben verschiedene Ausfälle, ich werde wohl in der Innenverteidigung spielen", sagte Lustenberger. Somit bleibt eine Vakanz, die wie gemalt ist für den Linksfuß Brooks: Die linke Position im Abwehrzentrum ist zu besetzen.

Allerdings läuft es bei Jos Luhukay nicht nach dem Prinzip "Jeder ist mal an der Reihe". Im Training gestern nahm sich der Coach Brooks vor, kritisierte, korrigierte und herrschte ihn an. Im Anschluss folgte die ausführliche Ansprache. Mittlerweile war die Sonne hinter dem Schenkendorff-Platz untergegangen, als der Jung-Profi, das Ballnetz geschultert, der Kabine zustrebte. Er habe nichts zu sagen, sagte Brooks, "das war ein ganz normales Gespräch zwischen Trainer und Spieler". Der Trainer indessen hofft, dass seine Botschaft angekommen ist. Bei aller Hilfestellung, die er geben könne, sagte Luhukay, "die letzten paar Prozent müssen aus dem Spieler selbst kommen".