Alba Berlin

Basketball mit Leib und Seele

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Theo Breiding

Berliner setzen wieder auf Begeisterung und neue Geschlossenheit. Mannschaft will immer an die Grenze gehen

- Auf den ersten Blick passt nicht zusammen, was vor dem Saisonstart von den Verantwortlichen des Basketballteams von Alba zu hören ist. "Wir stehen so gut da wie in den letzten 22 Jahren nicht", sagt Aufsichtsrat Axel Schweitzer. Den Etat habe man "im einstelligen Prozentbereich erhöht". Dann aber sagt Geschäftsführer Marco Baldi: "Unser Ziel ist das Halbfinale. Wenn wir das erreichen, haben wir eine gute Saison gespielt." Tiefstapelei möchte sich Baldi damit nicht vorwerfen lassen. Schließlich sei "die vergangene Saison abrupt und in einem Grauton geendet". Auch der Blick auf die Konkurrenz lässt ihn "realistisch" auf die kommende Spielzeit blicken, die am 3. Oktober mit einem Heimspiel gegen die Artland Dragons aus Quakenbrück beginnt (17 Uhr, O2 World). "Bayern München ist das Maß aller Dinge", prophezeit Baldi. Trotz der überraschenden Trennung von Coach Dirk Bauermann. Noch nie habe ein teureres Team in der Liga gespielt, und das habe Bauermanns ehemaliger Assistent und Nachfolger Yannis Christopoulos mit ausgewählt und rekrutiert. "Bayern hat auf Erfahrung gesetzt und auch bezahlt", so Baldi. Ein Kader gespickt mit jeder Menge gestandener Spieler, "der nur national antreten wird, während alle anderen durch Europa reisen".

Pokal mit besonderer Bedeutung

Den Bayern in der Hierarchie der Liga folgen - da sind sich Schweitzer und Baldi einig - Bamberg, zwar im Umbruch, aber mit drei Meisterschaften und Pokalsiegen in Folge, und dann könnten Ulm, Quakenbrück, Oldenburg und natürlich man selbst um die Meisterschaft mitspielen. Selbstverständlich würde sich bei Alba niemand zufrieden zurücklehnen, wenn das Ziel Halbfinale erreicht sein sollte. In der Europaliga, in der Alba per Wildcard mitspielen darf, sei es seinem Team in der Saison 2008/2009 als letzter deutscher Mannschaft gelungen, unter die besten 16 zu kommen.

Das erneut zu schaffen, wäre ein großer Erfolg, hätte aber auch zur Folge, dass "wir dann bis in den April hinein zwei, drei Spiele pro Woche hätten", sagt Baldi, dessen Hoffnung auf das Überstehen der ersten Runde eher verhalten ist. Der deutsche Pokal habe "in dieser Saison allerdings eine höhere Bedeutung. Schließlich findet das Top-4-Turnier in Berlin statt, Alba ist als Gastgeber automatisch qualifiziert. Baldi verspricht: "Da werden wir in unserer eigenen Hütte alles mobilisieren."

Dass die Luft für Alba auf nationalem Parkett dünner geworden ist und die Titel nicht mehr so nach Berlin purzeln wie in den goldenen Jahren zwischen 1997 und 2003, sei zudem vor allem positiv zu bewerten. Die deutsche Liga sei auf einem guten Weg, bis "zum Ende des Jahrzehnts zu stärksten Liga Europas aufgeschlossen zu haben oder sie idealerweise sogar zu überholen", sagt Schweitzer. Und Baldi rechnet vor: "Das Etatvolumen aller Klubs beträgt in dieser Saison 74 Millionen Euro, die Budgets der Teams haben sich in den vergangenen sieben Jahren von durchschnittlich zwei auf 4,2 Millionen erhöht. Mit einem Schnitt von 4500 Zuschauern haben wir zum Handball aufgeschlossen." Nicht zuletzt sähen auch Meinungsforscher die Liga vor einer "sonnigen Zukunft".

Dafür, die Lokomotive dieser Entwicklung gewesen zu sein, kann sich Alba heute nichts mehr kaufen. Da verliert man auch schon mal im Viertelfinale gegen Würzburg.

Wie es der Slogan zur Saison verheißt, gelte es, "mit Leib und Seele aufs Parkett zu gehen", sagt Baldi. "Wir setzen auf Enthusiasmus, Geschlossenheit und werden immer an die Grenze gehen." Deswegen sei auch Sasa Obradovic als Coach gekommen, der diese Tugenden verkörpere wie kaum ein anderer. Baldi: "Sasa steht für die kompromisslose Leidenschaft, für das Kollektiv. Bei ihm heißt es: Bis zum letzten Blutstropfen. Das müssen wir in die Waagschale werfen. Außerdem hat er sich als Trainer Meriten erworben.

Den Angesprochenen, über mehr als ein Jahrzehnt einer der besten Spielmacher Europas, belasten die in ihn gesetzten Erwartungen wenig. "Darüber denke ich nie nach", sagt Albas Coach. "Denn ich habe an mich selbst die allerhöchsten Ansprüche. Wenn jemand ein Wunder erwartet, gut. Ich erwarte jeden Tag Wunder."

Mit dem von ihm zusammengestellten Kader war er bis zu der Hiobsbotschaft, dass sich Nathan Peavy das Kreuzband riss, "sehr zufrieden. Alle passen zu meiner Philosophie und identifizieren sich mit dem Klub und seinen Zielen. Jetzt müssen wir sehen, wie das Team auf den schweren Rückschlag reagiert. Andere werden nach dem Ausfall dieses Schlüsselspielers mehr Verantwortung übernehmen müssen." Er werde angesichts des anspruchsvollen Terminkalenders viel rotieren. "Das wird nicht immer logisch erscheinen", baut Obradovic vor. "Aber ich darf keinen überspielen." Unzufrieden zu sein, gehöre zum Leben eines Spielers dazu, da gelte es die Emotionen zu kontrollieren. "Ich bin nicht hier, um alle glücklich zu machen. Bei mir spielt keiner für seine eigene Statistik, ich will, dass das Team der Star ist. Ich werde mich von meinem Wissen, meiner Erfahrung und meinem Instinkt leiten lassen."

Jetzt wird es sich bald zum ersten Mal zeigen müssen, was seine Instinkte wert sind: am Mittwoch gegen Artland, am Sonnabend gegen Dirk Nowitzki und seine Dallas Mavericks sowie am 11. Oktober zum Europaliga-Auftakt bei Montepaschi Siena. Mit Vollgas also geht es in eine, wie Baldi hofft, "aufregende Saison", in der man den Fans nach dem abrupten Ende der vorigen Spielzeit einiges bieten könne.