Gerd Schönfelder

Noch mehr verehrt als Robert Harting

Deutschlands Topathleten küren den Behindertensportler Gerd Schönfelder zu ihrem "Champion des Jahres"

Der Tag begann miserabel. Mit Schürfwunden am linken Arm und an beiden Beinen humpelte Gerd Schönfelder (42) durch die Ferienanlage auf Kreta. 30 Grad in der Sonne, der Strand und das warme Meer, dazu zwei Pools - es hätte so schön sein können am letzten Tag vor seiner Abreise. Zu viel Ruhe aber ist nichts für Schönfelder, Skirennfahrer und 16-maliger Paralympics-Sieger.

Nach dem Frühstück schwang er sich aufs Mountainbike. Dass ihm seit einem Unfall 1989 der rechte Arm und drei Finger der linken Hand fehlen, hat ihn von derlei Touren noch nie abgehalten. Doch dann ging es nicht nur rasant bergab, sondern auch durch zwei, drei, vier Schlaglöcher. "Da hat es mir den Lenker aus der Hand gerissen, und ich habe einen Abflug gemacht", sagte Schönfelder am Abend. Die Rippenprellung aber schmerzte in diesem Moment kein bisschen. "Heute früh habe ich gedacht: Dies ist kein so guter Tag. Jetzt ist es einer der geilsten Tage meines Lebens", sagte er.

Kurz zuvor hatte Schönfelder die Wahl zum "Champion des Jahres" gewonnen, die Deutschlands Topathleten jährlich durchführen. Erstmals in der Geschichte der seit 2000 organisierten Veranstaltung gewann damit ein Behindertensportler. "Gerd hat den Preis verdient, weil er sportlich und menschlich eine Granate ist", sagt Jan Frodeno, Triathlon-Olympiasieger 2008 und damals "Champion des Jahres". "Das ist für mich eine unfassbare Ehre", sagte Schönfelder. "In einer Online-Abstimmung wählen die 3800 von der Stiftung Deutsche Sporthilfe geförderten Athleten zunächst die Nominierten. Der Sieger wird traditionell am Ende einer Sport-Spaß-Urlaubswoche gewählt, zu der nur die erfolgreichsten Athleten des Jahres sowie die Behindertensportler des Vorjahres eingeladen werden - dazu zählte Schönfelder. Reiseziel von 88 Topathleten war dieses Mal der Robinson Club Kalimera Kriti auf Kreta. "Eine wundervolle Woche. Das Einzigartige ist, dass man hier so viele andere Athleten trifft, sich austauscht, zusammen Sport macht und zusammen feiert", sagt Beachvolleyball-Olympiasieger Jonas Reckermann. Selbst mit Schwimmflossen an den Füßen besiegte er mit Beachpartner Julius Brink übrigens den Ruder-Achter im Sand. Fußball, Fitness, Stehpaddeln auf dem Meer, Poolspiele und Golf - nicht immer, aber meistens war auch Schönfelder mittendrin. Seine Kontrahenten bei der Wahl: Brink und Reckermann als Einzelsportler, Diskus-Olympiasieger Robert Harting sowie die Olympia-Zweiten Björn Otto (Stabhochsprung) und Lilli Schwarzkopf (Siebenkampf). Auf den ersten Blick verwunderlich, dass sich Schönfelder ausgerechnet im Olympiajahr durchsetzte, aber schon der Jubel bei Bekanntgabe der Nominierungen am ersten Abend auf Kreta hatte deutlich gemacht: Niemandem gönnen es die Sportler mehr als Schönfelder. "Er ist eines der größten Vorbilder unserer Zeit mit seinem Lebensmut, seiner Einstellung und seinem Sportsgeist", sagte Kanute und Vorjahressieger Max Hoff bei seiner Laudatio. Und Harting war keineswegs verärgert. "Ich gönne ihm den Titel", sagte der Berliner. "Er hat viel für Menschen mit Handicap bewegt."

Immerhin, auch Harting holte sich auf Kreta einen Sieg. Im Vergleich zu seinen zwei WM-Titeln und dem Olympiasieg sei ihm der Triumph als Gladiator im Pool der liebste, scherzte er: Harting hatte auf einem aufblasbaren Gummischlauch sämtliche Gegner der Reihe nach aus dem Gleichgewicht und ins Wasser gebracht. "In erster Linie habe ich die Reise angetreten, um ein bisschen runterzukommen. Zu Hause ist viel los, da will ich mich hier entspannen und ein bisschen Spaß haben", sagte er. Ganz so sportfanatisch wie einige seiner Mitstreiter war er nicht. Gleich zu Anfang hechelten viele der Sportler in einem Wettstreit acht Kilometer über Stock und Stein, bergauf, bergab - und weit hinter Frodeno her. Hartings Kommentar: "Die sind ja irre."

Im Gegensatz zu Harting kann Schönfelder den Urlaub mit deutschen Spitzensportlern ab jetzt jedes Jahr fest einplanen. Als "Champion des Jahres" hat er neben einer Reise und einem Auto ein lebenslanges Ticket für diesen Aktivurlaub der etwas anderen Art gewonnen.

Die Teilnahme an der Veranstaltung wurde ermöglicht mit der Unterstützung von Robinson. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit